• vom 24.09.2016, 09:00 Uhr

Autoren

Update: 24.09.2016, 12:02 Uhr

Helmut Qualtinger

Quasi politisch




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (25)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Georg Biron

  • "Der Herr Karl" machte Qualtinger zum Star. Zum 30. Todestag von Helmut Qualtinger.

Helmut Qualtinger mit einer ihm nachempfundenen Marionette, November 1972. - © dpa/Horst Ossinger

Helmut Qualtinger mit einer ihm nachempfundenen Marionette, November 1972. © dpa/Horst Ossinger



"Mir brauchen Se gar nix erzählen . . ." So beginnt "Der Herr Karl", geschrieben von Carl Merz und Helmut Qualtinger. Die Figur trat zunächst im Fernsehen in Erscheinung, danach auf Theaterbühnen zwischen Wien, Berlin und New York. Mit langer Hose, Arbeitsmantel, Wollweste, ungebügeltem Hemd und achtlos gebundener Krawatte berichtet der Herr Karl in einem 50 Minuten dauernden Monolog aus seinem Leben. Erster Weltkrieg, Wirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, Besatzungszeit, Staatsvertrag und Wirtschaftswunder.

Er erzählt, wie er überlebt hat. Wie er es sich gerichtet hat. Wie er Frauen ausgebeutet hat, sexuell und materiell. Arbeitsscheu und feig, war er ein Mitläufer ohne Überzeugungen. Aber dennoch unterm Strich ein Verlierer. Kein großer Verbrecher zwar, eher ein kleiner Gauner, der jedoch die "Banalität des Bösen" vielleicht sogar mehr verkörpert hat als ein Kriegsverbrecher aus den Reihen der NS-Elite.

Um Politik kümmert er sich nicht, wenn dabei nichts für ihn zu holen ist. Im Gemeindebau hat er eine Wohnung, deshalb ist er Sozialist. Nach dem Verbot der SP geht er als Demonstrant für die schwarze Heimwehr auf die Straße - weil er dafür fünf Schillinge bekommt. Auch bei den Nazis demonstriert er für fünf Schillinge: "Österreich war immer unpolitisch. Aber a bissel Geld is’ halt z’samm kommen."

Politischer Instinkt

Der Bildhauer Alfred Hrdlicka schätzte an Qualtinger vor allem den politischen Instinkt: "Der ‚Herr Karl‘ war, rückblickend gesehen, nicht Vergangenheits-, sondern Zukunftsbewältigung. Er hat den Leuten den Spiegel vorgehalten, sie haben sich darin gesehen, haben sich aber nicht erkannt. Sie haben über den Quasi gelacht, kapiert haben sie nichts."

Qualtinger als "Herr Karl", Kleines Theater im Konzerthaus, Wien 1961.

Qualtinger als "Herr Karl", Kleines Theater im Konzerthaus, Wien 1961.© Imagno/Barbara Pflaum Qualtinger als "Herr Karl", Kleines Theater im Konzerthaus, Wien 1961.© Imagno/Barbara Pflaum

Demzufolge wählten die in Wien arbeitenden Auslandsjournalisten 1961 nicht Bruno Kreisky oder Herbert von Karajan zum "Populärsten Österreicher des Jahres", sondern - Helmut Qualtinger. Der kommentierte seine Ehrung nur knapp: "Jetzt werden mir schon Preise verliehen. Mit mir geht’s bergab!" Fotos zeigen ihn ungewohnt mit Smoking, weißem Hemd und Fliege.

"Der Herr Karl" machte Qualtinger zum Star. Bekannt geworden war er aber bereits davor als Kabarettist. Das Publikum zwängte sich in unbequeme Klappsitze, um das "Wunderteam des Kabaretts" im Kellertheater zu erleben. Qualtinger & Co. konnten sich am politischen Alltag der 1950er Jahre verschwenderisch bedienen. Aber das Lachen des Publikums kastrierte die Kritik. Sogar Politiker gratulierten zum Verriss.

"Die reinste Freude ist die Schadenfreude", sagte der Wiener Bürgermeister Franz Jonas nach einer Kabarettpremiere. "Deshalb lache ich recht herzlich, wenn der Qualtinger nicht mich, sondern die anderen in der Luft zerreißt." Bundeskanzler Julius Raab kommentierte: "Das Raunzen ist eine der hervorstechendsten österreichischen Nationaleigenschaften. Wenn der Österreicher raunzt, ist er gesund."

Qualtinger musste einsehen, dass seine Absichten, die Menschen zum Umdenken zu bringen, gescheitert waren: "Sie vernichteten uns mit Applaus. Deshalb habe ich aufgehört."

Ihm wäre es lieber gewesen, wenn man ihn gefürchtet hätte. Doch: "Eine ganze Nation verlieh ihm die kumpelhafte Bezeichnung ‚Quasi‘, weil sie nicht hören wollte, was er sagte, sondern nur wie er es sagte", glaubt der Dichter Peter Turrini.

Die Herzlichkeit, mit der ihn fremde Menschen oft überfallsartig auf der Straße umarmten und dadurch signalisierten, "Er ist einer von uns!", war Qualtinger nie geheuer. Er wusste: "Mein Erfolg ist ein einziges Missverständnis!"

Information

Georg Biron, geboren 1958 in Wien, ist Schriftsteller, Reporter, Regisseur und Schauspieler.

In den 1950ern spottete er gut und gerne über die Regierung: "Wenn Sie sich in einem Land befinden, in dem eine Partei regiert, während eine andere die Opposition stellt, dann sind Sie in einer Demokratie. Wenn Sie in einem Land sind, in dem eine Partei regiert und keine die Opposition macht, weil sie verboten ist, dann ist das eine Diktatur. Wenn Sie sich in einem Land befinden, in dem zwei Parteien regieren, die sich zugleich die Opposition machen, dann sind Sie in Österreich!"

Dissident

"Darüber", so Qualtinger 1986, "könnte ich heute nicht mehr lachen, der Witz ist Fleisch geworden!" In seiner Satire "Der Alleinherrscher" brachte er das herrschende politische Bewusstsein der "schweigenden Mehrheit" auf den Punkt: "Das ist für mich Demokratie: Die Papp’n halten und grinsen."

Qualtinger war ein österreichischer Dissident, der bei Johann Nestroy, Karl Kraus und Ödön von Horváth seine kulturellen Wurzeln fand. Das Wienerische hatte es ihm angetan. Es war die Sprache der Vorstädte und der Einsamkeit, die Sprache verlorener Träume und verdrängter Geschichte. Sein Thema waren die Menschen - die Menschen und die Wiener, denn: "Manchmal weiß ich nicht: Bin ich ein Mensch oder ein Wiener?"


weiterlesen auf Seite 2 von 3




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-22 17:47:10
Letzte ─nderung am 2016-09-24 12:02:43



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Die Orgie wird kalt!"
  2. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  3. Tumulte bei Höcke-Auftritt
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. Die Stadt der Bücherleser
  3. zeichen?

Werbung





Werbung


Werbung