• vom 25.09.2016, 09:00 Uhr

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Die adelige Rebellin




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Von Hilde Schmölzer

  • Lily Braun, geborene von Kretschmann, war Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Ihre Romane sind vergessen, aber ihre "Memoiren einer Sozialistin" sind ein lesenswertes literarisches Dokument geblieben.



Lily Braun auf einem Illustriertenfoto des Jahres 1902.

Lily Braun auf einem Illustriertenfoto des Jahres 1902.© Wikimedia Lily Braun auf einem Illustriertenfoto des Jahres 1902.© Wikimedia

Sie war eine schillernde Persönlichkeit, Aristokratin, Sozialistin, Frauenrechtlerin. Sie wollte überall dabei sein, und gehörte im Grunde nirgendwo dazu. Aufgewachsen in den Kreisen der Hocharistokratie und Mittelpunkt einer adeligen Gesellschaft mit glänzenden Bällen, Ausritten und Festen, fühlte sie sich gleichzeitig zutiefst erschüttert von der Armut und dem Elend der proletarischen Klasse. Dass sie sich im Aufbegehren gegen patriarchale Strenge vorerst der radikalen bürgerlichen Frauenbewegung, schließlich jedoch der Sozialdemokratie angeschlossen hat, führte zum Bruch mit ihrer Familie.

Doch fand sie weder in der Frauenbewegung noch in der Sozialdemokratie jenen Rückhalt, den sie erwartet und den sie sich gewünscht hatte. Die Frauen der Mittelschicht, vor allem aber die Genossinnen, die oft in großer Armut lebten, misstrauten der feinen Dame, die sich, wenn auch zu dieser Zeit nicht mehr wirklich wohlhabend, so doch ein wesentlich besseres Leben leisten konnte als die Arbeiterin, die in der Fa-brik unter oft unzumutbaren Bedingungen ein Existenzminimum verdienen musste.

Information

Hilde Schmölzer, geboren 1937, lebt als Autorin in Wien. Ihre Schwerpunkte sind Frauengeschichte und -biographien.

Preußische Herkunft

Lily Braun wurde als Lily von Kretschmann 1865 in Halberstadt geboren, wo ihr Vater, Berufsoffizier der preußischen Armee, stationiert war. Ihre Großmutter Jenny von Gusted war eine illegitime Tochter von Jérôme Napoléon, dem jüngsten Bruder Napoleon Bonapartes, und mit Goethe eng befreundet. Sie war es auch, die ihr als Einzige in der Familie den Rat gab, auf eine Versorgungsehe zu verzichten, und sich auf die "eigenen Füße" zu stellen. Was ihr Lily mit der Biographie "Im Schatten der Titanen", die zugleich Einblicke in das Leben zur Goethezeit gibt, dankte.

Obwohl Lily von Kretschmann den Luxus in ihrer Kindheit und frühen Jugend durchaus genoss, fühlte sie doch mit zunehmendem Alter ein wachsendes Ungenügen. Ihre Erziehung in einer "Privatschule für Mädchen der höheren Stände" in Berlin empfand sie als äußerst mangelhaft, die Rolle, die sie in der Gesellschaft zu spielen hatte, als "tödlich langweilig und leer", wie sie an ihre Cousine Mathilde schrieb: "Ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt".

Sie las die für Mädchen verbotenen Bücher von Zola und Ibsen, vor allem aber Goethe. Gleichzeitig rebellierte sie gegen jene unhinterfragte Vorherrschaft des männlichen Familienoberhauptes, gegen Disziplin, Gottesfurcht und Unterwerfung des weiblichen Geschlechts, wie sie für die militärischen und adeligen Kreise Preußens charakteristisch waren.

"Da du ein Weib bist, musst du frühzeitig lernen, dass wir uns nie selbst gehören", lässt sie ihre Mutter in den "Memoiren einer Sozialistin" sagen. Von ihr, die wohl von "weiblichen Pflichten, die Frauen fast bis zur Selbstvernichtung treiben" spricht, diese Pflichten aber trotzdem für ihre Tochter als oberstes Gebot fordert, fühlte sich Lily auch zutiefst unverstanden. Es zeigt sich hier die Tragik von Frauen in patriarchalen Gesellschaften, die glauben, ihre eigenen Zurichtungen und Verstümmelungen an ihre Töchter weitergeben zu müssen, um ihnen einen guten Start in die Gesellschaft und ein möglichst sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Beispiele aus der Gegenwart lassen sich beliebig anführen, nicht nur was die besonders brutale Methode der weiblichen Genitalbeschneidung betrifft, die häufig von den Müttern initiiert wird.

Lily hat diese Tragik erst spät durchschaut, als sie mit Verwunderung und Erschrecken feststellen musste, wie sehr sich die Mutter, nach dem Tod des Vaters und als die Kinder des Haus verlassen hatten, zu verändern begann, wie glücklich und gelöst sie plötzlich erschien. Sie verkaufte den gesamten Hausrat, mietete sich in eine Pension ein und verbrachte ihr weiteres Leben damit, sich zu bilden und zu reisen.

Dass Lily in ihrer frühen Jugend dem Vater seine Strenge und seine Zornausbrüche eher verzieh als der Mutter ihre Mahnungen zu weiblichen Tugenden, entspricht dem allgemeinen Zeitgeist. Es zeigt aber auch die Widersprüchlichkeit, die vor allem Lily von Kretschmanns frühe Kindheit und Jugend prägte, in der sie sich einerseits ihrem Stand verpflichtet fühlte, andererseits aber auch dagegen rebellierte. Eine Rebellion, die auch in ihrer Kritik an der christlichen Lehre zum Ausdruck kommt: "Ich glaube nicht an diesen Gott (. . .) Ich glaube der Wissenschaft mehr (. . .) Ich glaube nicht an diesen Christus (. . .), weder an seine wunderbare Geburt noch an seine Höllen- noch an seine Himmelfahrt noch an seine Wunder (. . .) Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist (. . .) Ich glaube an eine höhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung des ersten Lebens ist (. . .)." Dies schrieb sie bereits als Vierzehnjährige. Die Familie war entsetzt.

Unkonventionelle Liebe

Aber es kam noch schlimmer: als Achtzehnjährige verliebte sie sich leidenschaftlich in einen Prinzen, Offizier beim feudalen Gardes-du-Corps-Regiment in Berlin. Die Zuneigung war gegenseitig, aber die Heirat scheiterte an den nicht ausreichenden Vermögensverhältnissen Lilys. Für die zwar adelige, aber trotzdem verarmte Familie des Prinzen kam nur eine millionenschwere Fürstentochter in Frage.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-23 13:50:07
Letzte ─nderung am 2016-09-23 13:55:56



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