• vom 03.10.2016, 17:30 Uhr

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Update: 07.10.2016, 14:29 Uhr

Europa in der Krise

Brillanter Plan mit kleinem Fehler




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Von Christian Ortner

  • Eine europäische Republik nach US-Vorbild könnte die EU vor dem Untergang bewahren, schreiben zwei britische Historiker.

Eher wenig realistisch: endgültiges Ende von staatlicher Souveränität in der EU mit einem Präsidenten nach US-Muster.

Eher wenig realistisch: endgültiges Ende von staatlicher Souveränität in der EU mit einem Präsidenten nach US-Muster.© str/afp/picturedesk Eher wenig realistisch: endgültiges Ende von staatlicher Souveränität in der EU mit einem Präsidenten nach US-Muster.© str/afp/picturedesk

Die Europäische Union, so bekannte deren Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker unlängst, befindet sich "in einer existenziellen Krise." Das sehen die zwei renommierten britischen Historiker Brendan Simms und Benjamin Zeeb genauso. "Europa am Abgrund" haben sie ihr jüngst erschienenes Buch über den bresthaften Zustand der Union genannt. Und sie verraten gleich im Untertitel, welche Kur sie dem Kontinent verschreiben wollen, um aus dieser Krise zu kommen: "Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa".

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet zwei Wissenschafter aus dem Vereinigten Königreich dergleichen fordern, das ja just rund um den Erscheinungstermin des Buches für den Austritt aus der EU votiert hat. Und nicht weniger ironisch mag erscheinen, dass die beiden Briten mit ihrer Forderung, Vereinigte Staaten von Europa nach dem Muster der USA zu begründen, deutlich weiter gehen als selbst Kommissionspräsident Juncker, der so etwas für die überschaubare Zukunft ja glatt ausschließt.


Nicht evolutionäre Prozesse, sondern nur "ein großer Knall"
Eher düster fassen sie die Lage der Union im Jahre 2016 so zusammen: "Europa steckt in seiner schwersten Krise seit mehr als 50 Jahren. Die gemeinsame Währung kann jeden Augenblick implodieren (...) Die Sezession eines Kernlandes wie Frankreich ist absolut möglich (...) Der Nahe Osten befindet sich in einer schlimmeren Lage als jemals zuvor und exportiert Instabilität durch Terror und Migrationsströme, zu deren Eindämmung oder Bewältigung und schlicht die Instrumente fehlen. Kurz gesagt, unser Kontinent steht am Abgrund." Damit er nicht schon bald noch einen Schritt weiter ist, empfehlen die Autoren eine radikale politische Veränderung: die zügige Umwandlung der bisherigen Europäischen Union in eine europäische Republik nach dem Muster der Vereinigten Staaten von Amerika. - "Wir müssen die Vereinigten Staaten von Europa errichten" hatte ja Winston Churchill bereits 1946 ausgerufen, was aber auch 70 Jahre später als blanke Utopie erscheint.

"Ewige Verlobung, die in Tränen enden wird"
Die seit Gründung der europäischen Institutionen angewandte Methode der sukzessiven Integration würde auch nie zu diesem Ergebnis führen, argumentieren Simms und Zeeb. Es sei "eine Täuschung, dass sich eine Europäische Union peu à peu durch eine Abfolge kleiner Schritte errichten ließe. Die Lenker der Eurozone haben anscheinend nicht erkannt, dass erfolgreiche staatliche Unionen (...) nicht durch schrittweise Konvergenzprozesse unter günstigen Umständen entstanden sind, sondern durch Brüche in extremen Krisenzeiten." Nicht evolutionäre Prozesse würden zu Vereinigten Staaten von Europa führen können, sondern nur "ein großer Knall".

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Dokument erstellt am 2016-10-03 17:35:10
Letzte ńnderung am 2016-10-07 14:29:04



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