• vom 07.10.2016, 09:42 Uhr

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Update: 07.10.2016, 09:53 Uhr

Literaturnobelpreis

Literaturpreis für Haltung




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Literaturnobelpreis wurde zunehmend zu einem Instrument der politischen Zeichensetzung.

Peter M. Hoffmann

Peter M. Hoffmann

Schweigen. Nicht aus politischen Gründen, sondern weil niemand in der Redaktionskonferenz irgendetwas, einen Buch- oder Stücktitel, mit dem Namen verbindet. Dann fragt der damalige Chefredakteur mit leiser Stimme, der man nicht anhört, ob ihr Ton nur Unwissenheit oder doch auch Empörung widerspiegelt: "Wer hat den Literaturnobelpreis gewonnen?"

Der 9. Oktober 1997 gilt als einer der schwarzen Tage des Literaturnobelpreises. Dem italienischen Regisseur, Schauspieler, Drehbuch- und Theaterautor (ungefähr in dieser Reihenfolge der Wahrnehmung seiner Bedeutung) Dario Fo, der, wenn überhaupt, nur mit seinem Engagement für die Kommunisten aufgefallen war, wurde der bedeutendste Literaturpreis eines Jahres zugesprochen. Ein Preis, den ein Jorge Luis Borges, ein Ezra Pound, ein Louis-Ferdinand Céline nie bekommen hat.

Welch ein Skandal!

Welch ein Skandal?

Der Skandal-Ruf setzt voraus, dass der Literaturnobelpreis auch tatsächlich für eine literarische Leistung vergeben wird. Doch Alfred Nobel verpflichtete die Jury ausdrücklich, den Idealismus des Autors als Maßstab anzulegen. Die Haltung ist also der literarischen Qualität übergeordnet. Beide Kriterien, Haltung wie literarische Qualität, überantworten die Zuerkennung der Subjektivität. Denn wie bemisst sich literarischer Wert? Wie die Moral? Minus mal minus ergibt plus, doch Subjektivität mal Subjektivität ergibt nicht Objektivität, sondern Subjektivität zum Quadrat.

So mokierte sich auf der literarischen Ebene der deutsche Avantgarde-Autor Arno Schmidt in den 1950er Jahren über den Literaturnobelpreis: "Was sich gut übersetzen läßt, kriegt’n Preis!" Der sei daher das "Stigma der Mittelmäßigkeit", denn bei bedeutender Literatur kommt es auf das Wort an, seine Unterbedeutungen, auf Klang und Rhythmus - alles Kriterien, die eine Übersetzung schwer bis unmöglich machen.

Borges, Céline und Pound kamen für den Preis, trotz ihrer literarischen Bedeutung, nie in Frage. Ihre Sympathien für Faschismus und Militärdiktaturen waren ein Hindernis bei einer Auszeichnung, die literarische Qualität sagt, aber moralische Integrität meint.

Manch seltsam scheinende Entscheidung wird vor diesem Hintergrund verständlich: Schweden hatte unter dem deutschen Nationalsozialismus gelitten - das prägt. Und wenn man dem britischen Premierminister Winston Churchill aufgrund seines wenig pazifistischen Verhaltens in seiner gesamten politischen Laufbahn bei bestem Willen nicht den Friedensnobelpreis verleihen konnte, ihm aber einen Nobelpreis verleihen wollte für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, so sprach man ihm halt für seine literarisch eher unauffälligen Memoiren 1953 den Literaturnobelpreis gleichsam als Ersatz-Friedensnobelpreis zu. Bei der Österreicherin Bertha von Suttner war es 1905 genau umgekehrt gewesen: Die Autorin von "Die Waffen nieder!" bekam - den Friedensnobelpreis.

Ab Mitte der Fünfzigerjahre erfolgte beim Literaturnobelpreis eine weitere moralische Weichenstellung durch die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion und dem Kommunismus sowjetischer Prägung. Der Literaturnobelpreis stand ab da endgültig eher für Haltungen als für Gedichte oder Romane, wenngleich die vergebende Schwedische Akademie ihre Entscheidungen bis heute literarisch begründet.

Fallweise lässt sich das eine ohnedies mit dem anderen kombinieren, wie im Fall von Boris Pasternak, der 1958 den Preis "für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der großen russischen Erzähltradition" zugesprochen bekam, obwohl die Spatzen von den Dächern pfiffen, dass man vor allem dem Sowjetregime eins auswischen wollte, das mit Pasternak wegen dessen "Doktor Schiwago" haderte. Dass die Sowjets den Schriftsteller nötigen, den Preis abzulehnen, zeigt, in welchem Ausmaß der Literaturnobelpreis politisiert ist - und auch als Instrument der Politik aufgefasst wird.

Wie als Bitte um Verzeihung sprach die Akademie 1965 Michail Scholochow den Preis zu - eine Groteske, denn der Autor hatte nicht nur 1930 in "Neuland unterm Pflug" Stalins Zwangskollektivierungen gefeiert, er war auch ein treuer Parteigänger der KPdSU. Der in den Statuten festgeschriebene Idealismus hatte in seinem Fall die letzte Ölung lange hinter sich. Doch nicht nur das: Glaubwürdige Gerüchte gingen um, Scholochow habe die Romantetralogie "Der stille Don", für die er ausgezeichnet wurde, gar nicht selbst oder zumindest nicht allein geschrieben, er sei vorgeschoben worden, weil er als linientreuer Autor kaum mit Repressalien zu rechnen habe, obwohl das Thema der Donkosaken innersowjetische Reibeflächen bieten würde.

Danach wurden Schriftsteller des Ostblocks beziehungsweise des ehemaligen Ostblocks nur noch ausgezeichnet, wenn sie sich antikommunistisch legitimiert hatten, wie etwa Alexander Solschenizyn (1970), der Pole Czesław Miłosz (1980) oder der Tscheche Jaroslaw Seifert (1984). Die antikommunistische Richtlinie galt indessen nur für die Sowjetunion und deren Trabantenstaaten - sie lagen ja auch näher an Schwedens Grenze als beispielsweise Chile: Pablo Neruda, Mitglied der dortigen kommunistischen Partei, konnte 1971 den Nobelpreis entgegennehmen - ein Jahr nach Solschenizyn. Es riecht nach politischem Ausgleich.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-07 09:47:06
Letzte nderung am 2016-10-07 09:53:30



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