• vom 10.10.2016, 16:57 Uhr

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Forschung und Politik

Warum Wissenschaft verkauft werden muss




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Von Eva Stanzl

  • Studierende der Fachhochschule Wien haben 22 Experten zur Lage der Forschung befragt - die Antworten sind durchaus erhellend.

Wien. Österreich hat gute Wissenschafter, aber sie müssen kämpfen. Kettenverträge und knappe Budgets machen ihre Existenz zur Zitterpartie. Mit Forschung ist, wie es scheint, hierzulande keine Politik zu machen, weswegen sich kein Politiker mit Leib und Seele dafür einsetzt. Das Fazit: "Österreich lebt nicht von seiner Intellektualität", stellt die Molekularbiologin Renee Schroeder nüchtern fest.

Die Professorin für Biochemie der Max F. Perutz Laboratories in Wien ist eine von 22 Wissenschafterinnen, Politikern, Unternehmenschefs und Förderexperten, die von den Studierenden des Instituts für Journalismus und Medienmanagement der Fachhochschule Wien zur Zukunft befragt wurden. "Forschung und Politik: Zur Lage und Zukunft von Wissenschaft und Innovation in Österreich" heißt der so entstandene, von der Journalistin Anneliese Rohrer und dem Kommunikationsmanager Clemens Hüffel herausgegebene Band, der mit interessanten Details und Zahlen aufwartet. Die unterschiedlichen Sichtweisen der Interviewpartner geben durchaus vertiefte und erhellende Einblicke in die Historie, Problematik und Mentalität eines Landes, das über Jahre seine Innovationsfähigkeit steigern konnte, nun aber stagniert und in internationalen Rankings zurückfällt.


"Es fehlt der Mut"
Zum Hintergrund: Nach einer weitreichenden Umstrukturierung ihrer Förderagenturen steigerte die öffentliche Hand ab den 1990er Jahren ihre Investitionen in Wissenschaft und Forschung. Seit 2008 erhöht sich die Forschungsquote jedoch langsamer als zuvor. Zwar hat die Bundesregierung im Jahr 2011 eine ambitionierte Strategie für Forschung, Technologie und Innovation vorgelegt, jedoch hat sie nicht die dafür nötigen Mittel aufgebracht.

Fünf Jahre nach dem Beschluss der Strategie gibt Österreich drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung aus. Das Ziel von 3,76 Prozent bis 2020 gilt bei der derzeitigen Wachstumsdynamik jedoch als unerreichbar.

Zwar wurden Unternehmensinvestitionen in die Forschung gesteigert - die Mittel für Grundlagenforschung und Universitäten sind jedoch immer noch nicht mit jenen von Top-Forschungsnationen wie etwa Schweden vergleichbar, deren Leistungen als besser eingeschätzt werden. "Die Papiere sind da. Aber die Umsetzung ist äußerst mangelhaft. Es fehlt an Mut und Konsequenz", sagt Friedrich Faulhammer, Rektor der Donau Universität Krems:

Der Chef des Forschungsrats, Hannes Androsch, sieht nicht nur limitierte finanzielle Mittel, sondern auch eine Schieflage der öffentlichen Haushalte insgesamt: Zu hohe Arbeitslosenunterstützungen und ein Pensionssystem ohne Reform würden Gelder am falschen Ort binden. Auch die Forschungsförderlandschaft selbst sei mittlerweile zum wenig effizienten Dickicht mit einigen Doppelgleisigkeiten herangewachsen.

Das alles hat zur Folge, dass Nachwuchsforscherinnen wie die Informatikerin Ivona Brandic an der Technischen Universität (TU) Wien komplett abhängig von Drittmittelgeldern ist. 2015 erhielt sie den Start-Preis des Wissenschaftsfonds und 2011 den Forschungspreis der TU Wien. "All meine Doktoranden werden durch diese Förderungen plus EU-Gelder finanziert", sagt sie, "mit der Zeit lernt man, hauszuhalten". Fixe Stellen gibt es oftmals nur, wenn jemand in Pension geht, was eine seltsame Art von Wettbewerb hervorruft, in der Forscher desselben Instituts um Aufstiegsmöglichkeiten oder Ressourcen gegeneinander konkurrieren müssen - "und zwar in einem Bereich, in dem gemeinsam etwas geschaffen werden soll", betont die Politologin Barbara Preinsack, Ethik-Expertin für Biomedizin.

Mangels Karriereperspektiven gehen viele Jungforscher ins Ausland - wo sie auch lernen, warum Wissenschaft in gewissem Sinn "verkauft" werden muss. Sie ist zu einem großen Teil öffentlich finanziert, hat daher die Bringschuld, der Öffentlichkeit auf verständliche Art und Weise mitzuteilen, was mit ihrem Steuergeld geschieht, heben der Wissenschaftsjournalist Martin Kugler und Österreichs Wissenschafter des Jahres 2016, der Archäologe Wolfgang Neubauer, hervor. Denn nur, worüber berichtet wird, ist bekannt und kann öffentlich diskutiert und in der Folge zum Politikum werden. Und das bringt - vielleicht - letztlich mehr Geld.

SACHBUCH

Forschung und Politik

Hrsg. Clemens Hüffel,

Anneliese Rohrer

Holzhausen, 160 Seiten,

19 Euro




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Dokument erstellt am 2016-10-10 17:02:05



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