• vom 15.10.2016, 12:00 Uhr

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Update: 17.10.2016, 12:05 Uhr

Interview

"Lesen und Schreiben haben mich gerettet"




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Von Bernhard Viel

  • Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff über Dantes Aktualität in ihrem neuen Roman, dumme Formulierungen in ihrer einstigen Dresdner Rede - und ihren Bezug zur österreichischen Literatur von Doderer bis Handke.

Spricht die Verheerungen unserer Zeit an: Sibylle Lewitscharoff. - © Leber/ullstein bild/Getty Images

Spricht die Verheerungen unserer Zeit an: Sibylle Lewitscharoff. © Leber/ullstein bild/Getty Images

"Wiener Zeitung": Frau Lewitscharoff, Dantes "Göttliche Komödie" schwelgt in ausgesuchten Höllenqualen: da werden die Seelen in flüssiges Pech getaucht oder schmoren in glühenden Särgen. Wo bleibt da die Komödie?

Sibylle Lewitscharoff: Dante hat sein Werk mit voller Absicht so genannt. Wobei man sich unter einer Komödie damals keine lustige Burleske vorstellte, sondern einen literarischen Stoff oder ein Theaterstück mit gutem Ende. Und die "Commedia" endet gut, in einem beschwingten, freiheitlichen Beglückungszauber auf den Schwingen der Poesie.


Der selbst in Sünden verstrickte Erzähler Dante verbannt seine italienischen Zeitgenossen, Bankiers, damals Wucherer genannt, Politiker, Päpste, scharenweise ins Inferno. Sie büßen für ihre unlauteren Methoden, ihre Gewalttaten, ihre Habgier. Sie üben im "Pfingstwunder", Ihrem neuen Roman, eine ganz ähnliche Kritik.

Information

Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 als Tochter eines bulgarischen Arztes und einer Deutschen in Stuttgart geboren. 1973 ging sie nach Berlin, wo sie seitdem lebt, und studierte Religionswissenschaft. 1994 erschien ihr erster Roman ("36 Gerechte"), seit Anfang der 2000er Jahre ist sie als freie Autorin tätig. Zu ihren bekanntesten Werken zählen die Romane "Pong" (mit einem Ausschnitt daraus gewann sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis ), "Apostoloff" (2009), "Blumenberg" (2011) und "Killmousky" (2014). Soeben ist ihr neues Buch, "Das Pfingstwunder" (siehe Besprechung), erschienen  2013 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Die Verheerungen unserer Zeit werden angesprochen - etwa das Elend der Flüchtlinge, wobei der Roman 2013 spielt, einem Jahr, in dem der massenhafte Exodus erst begann. Auch die Vernichtungswut des Nationalsozialismus ist Thema, weil sich in den Konzen-trationslagern etwas Merkwürdiges zugetragen hat: Gebildete Italiener, aber auch manche Russen und Polen erinnerten sich der "Commedia" als dem einzigen Text, mit dem sie ihre Leiden in Zusammenhang bringen konnten. Natürlich nur den ersten Teil, das Inferno, nicht das Purgatorium und erst recht nicht das Paradiso.

Im Canto 21 des "Paradieses" klärt ein Kritiker des römischen Klerus Dante darüber auf, niemals werde das Auge eines Menschen Gottes Willen zu erfassen vermögen. Und er trägt ihm auf: "Und das berichte du, wenn du hinabsteigst, dem Erdenvolk, dass man sich nicht erkühne, jemals den Schritt nach diesem Ziel zu lenken." Das klingt wie eine Warnung, Gott ins Handwerk zu pfuschen, etwa mit Reproduktionsmedizin.

Diese Stelle bezieht sich allgemein darauf, dass Gott im letzten Grunde unerforschlich bleibt, dass wir nicht behaupten dürfen, sein Bestreben genau zu kennen. Das führt sonst nur zu einem anmaßenden Überlegenheitsverhalten gegenüber anderen Menschen. Man urteilt dann gleichsam mit geschwelltem Gottessegel über seinen Nächsten - zumeist unbarmherzig.

"Dante schaut auf den Läuterungsberg": Ein Gemälde von Agnolo Bronzino (1530).

"Dante schaut auf den Läuterungsberg": Ein Gemälde von Agnolo Bronzino (1530).© gemeinfrei "Dante schaut auf den Läuterungsberg": Ein Gemälde von Agnolo Bronzino (1530).© gemeinfrei

In Ihrer Dresdner Rede haben Sie 2014 in heftigen Worten auf die Schattenseiten künstlicher Befruchtung und Leihmutterschaft hingewiesen, und meinten unter anderem, "angesichts dieser Entwicklungen" kämen Ihnen "die Kopulationsheime" der Nationalsozialisten "fast wie harmlose Übungsspiele" vor. Die Empörung schlug so hohe Wellen, dass Ihr Plädoyer für einen ethisch bewussten Umgang mit der modernen Medizin darunter begraben wurde.

Einige meiner Formulierungen waren zu scharf und damit auch dumm. Ich wäre gut beraten gewesen, dies differenzierter zu formulieren, dann hätte es vielleicht eine anregende Diskussion geben können. Aber ich will mich mit dem Thema nicht mehr befassen. Alles Nötige und Unnötige ist von meiner Seite dazu gesagt. Es ist idiotisch, sich in Kämpfe zu verbeißen, wenn das Gelände derart vermint ist. Ich schreibe in erster Linie Romane, und die befassen sich mit diesem Thema nicht.

Ihre Frankfurter Poetikvorlesungen tragen den treffenden Titel "Vom Guten, Wahren und Schönen". Indessen zünden Sie eine scharfe Philippika gegen die Nachkriegsliteratur, die einem öden Realismus verfallen sei, während die Gegenwartsliteratur nur "ein bißchen autobiographische, ein bißchen grausame, ein bißchen sexelnde" Romane hervorbringe. Böse Zungen könnten Ihnen das als Rückfall in die konservative Zivilisationskritik vorwerfen, welche die wahre Dichtung gegen die "zersetzende Asphaltliteratur" etwa eines Döblin ausspielte.

Sie stellen das nicht ganz richtig dar. So eindeutig habe ich das nicht in Bezug auf die deutschsprachige Literatur der Nachkriegszeit insgesamt formuliert, zumal sich die österreichische Literatur von der deutschen gewaltig unterscheidet. Ich halte es eher mit den Österreichern, und die waren beileibe nicht rückwärtsgewandt, sondern erfindungslustig. Mit konservativer Zivilisationskritik hat meine Haltung nicht das Geringste zu tun. Ich war immer aufgeschlossen für literarische Experimente, für Georges Perec, Ernst Jandl oder den hinreißenden Gert Jonke. Allerdings liebe ich auch den opulenten Heimito von Doderer, liebe überhaupt die Österreicher: Christine Lavant und Ilse Aichinger, Thomas Bernhard und Peter Handke, um nur einige zu nennen. Wahrlich, die Österreicher haben eine Fülle erstklassiger Schriftsteller hervorgebracht, die auf indirekten Wegen vom Erbe der einst großen Monarchie schmausten, auch wenn sie diese verachtet haben.

Gehören Sie eigentlich zu den Georges-Simenon-Begeisterten?

Ich habe ihn gern gelesen, aber er gehört nicht zu meinen Säulenheiligen.

In Ihrem zu Unrecht weniger beachteten Kriminalroman "Killmousky" kommt der Ermittler Ellwanger ständig mit einer Zigarette vor. Und oft erscheinen gut gekleidete Männer in Hut und Mantel auf der Szene. Das erinnert an die klassischen Gangsterfilme der 30er, 40er Jahre.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-14 15:53:08
Letzte ─nderung am 2016-10-17 12:05:38



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