• vom 15.10.2016, 09:00 Uhr

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Von Jochen Jung

  • Das Lesen von Büchern bildet eine Grundlage unserer Kultur. Es schafft Zugang zu uns selbst - und zum Dasein in all seinen Möglichkeiten.

"Die Leserin" von Pietro Magni. - © gemeinfrei

"Die Leserin" von Pietro Magni. © gemeinfrei

DER LESER UND SEIN BUCH: DER - Pardon, aber wir müssen gleich mit einer Korrektur beginnen: Denn nicht nur aus Gendergründen, sondern (falls das etwas anderes ist) aus Gründen der Gerechtigkeit muss sofort klargestellt werden, das der Leser heutzutage überwiegend eine Leserin ist. Es sind schon seit längerem die Frauen, die die Pflege der Kultur des Bücherlesens übernommen haben.

Weibliches Gespür
Die Gründe dafür sind sicher vielfältig und unscharf: Die Frauen arbeiten schon längst so viel(fältig) wie die Männer, und höchstens die Männer meinen, dass sie eh schon alles wissen. Mag sein, dass Frauen grundsätzlich neugieriger sind als Männer, gewiss interessieren sie sich mehr für seelische Vorgänge und haben daraufhin auch ein differenzierteres Gefühl für sprachliche Besonderheiten. Andererseits wissen wir von den Großen der Literatur, was Männer können, und wir wissen auch, wie blöd in Wahrheit diese Unterscheidungen großer Gruppen sind: die Österreicher sind so, die Deutschen hingegen so. Und die Liechtensteiner?


Tatsache ist, dass das Personal in vielen Verlagen und den meisten Buchhandlungen weiblich ist (wenngleich auch dort in den leitenden, entscheidenden Positionen die Männer immer noch in der Überzahl sind), und unbestreitbar sagt die Statistik, dass die Frauen die Kundinnen in der Buchhandlung sind, sie kaufen die Bücher und lesen sie, sie bestimmen, was zu Hause auf dem Tisch liegt, sie kaufen die Geschenke zu den klassischen Terminen (was bedeutet, dass oft auch sie es sind, die entscheiden, was die Männer lesen).

Seit das Bürgertum im 18. Jahrhundert die Literatur entdeckte, waren es die Frauen, die die Romane lasen, um etwas von der Welt zu erfahren (der realen und der der Möglichkeiten), ungeachtet der Drohgebärden der Männer, die, in der Literatur eine Konkurrenz witternd, der Meinung waren, Romane verstörten die Seelen ihrer Frauen. Noch das Schicksal von Madame Bovary legt, wenn auch intelligenter argumentierend, davon Zeugnis ab.

Im Übrigen zeigte die bildende Kunst immer schon neben den Kirchenvätern und anderen intellektuellen Heiligen Maria als eine, die bei der Verkündigung irritiert von ihrem Buch aufblickt, in dem sie gerade gelesen hat (und natürlich ist es die Bibel, die sie liest und in der sie die Stellen sucht, in denen im Alten Testament - das Neue konnte es ja noch nicht geben - auf ihr Schicksal prophetisch hingewiesen wird.

In jedem Falle ist das Bild eines runzligen Alten, der sich mit Steinbrocken kasteit und von der Lektüre ablenkt, weniger ansehnlich und zum Selberlesen verführend als eine hübsche Studentin, die gerade ihre aparte Zukunft verkündet hört. Zwar ist nicht jedes Buch eine Bibel, aber es ist doch ein Zeichen dafür, dass es in Büchern Wahres zu lesen gibt; um nicht zu sagen: Jeder Autor ist seit Moses der Meinung, dass das, was er schreibt, wahr ist.

Jochen Jung, geboren 1942 in Frankfurt a. M., ist österreichischer Verleger (Verlag Jung und Jung, Salzburg) und Schriftsteller (zuletzt "Zwischen Ohlsdorf und Chaville", Haymon 2015).

Jochen Jung, geboren 1942 in Frankfurt a. M., ist österreichischer Verleger (Verlag Jung und Jung, Salzburg) und Schriftsteller (zuletzt "Zwischen Ohlsdorf und Chaville", Haymon 2015). Jochen Jung, geboren 1942 in Frankfurt a. M., ist österreichischer Verleger (Verlag Jung und Jung, Salzburg) und Schriftsteller (zuletzt "Zwischen Ohlsdorf und Chaville", Haymon 2015).

Seltsame Figur
LESER: Eine seltsame Figur: Da sitzt einer (d.h. eine, aber ich werde von jetzt an wieder auf alte Art maskulin subjektivieren und dabei alle meinen), hält etwas in der Hand, als wäre es ein Kleinkind (Frauen!), starrt es mit selten bewegter Miene an, greift alle fünf Minuten zu und blättert um, und wenn wir im richtigen Moment dabei sind, dann hören wir beim abschließenden Zuklappen auch einen schönen Seufzer oder seltener ein schrilles Auflachen. In dieser Zeit ist der Leser kaum ansprechbar, erhebt sich nur fürs Nötigste (Nachfüllen des treu zur Seite stehenden Glases und dessen Folgen) und ist auch im ersten Moment kaum zu distanzierten Kommentaren fähig.

Dann aber, wenn all das in Kopf und Herz, was dort angezettelt (gebucht) wurde, zusammengeronnen ist, kommt der Kommentar: entweder kurz und knapp mit "so ein Scheiß" oder doch mit "tolles Buch", oder es beginnt eine Suada, als wolle jemand noch einmal die Länge des Buches nachvollziehen. Schließlich hat man ja auch eine gutes Stück Lebenszeit in die Lektüre investiert, und das auch noch mit einer Präsenz und Intensität, gegen die oft selbst die morgendliche Zeitungslektüre (bekanntlich auch ein beliebter Kommentaranstifter) verblasst.

Damit das alles in verdienter Entspanntheit geschehen kann, gehören dazu die entsprechenden Möbel, und auch da war das 18. Jahrhundert Vorreiter: Recamière und Chaiselongue dienten nicht nur der Präsentation der darauf liegenden Dame, sondern ebenso der Bequemlichkeit beim Lesen. Der sogenannte Lesesessel mit Fußbank, heutzutage leider von der Möbelindustrie schwer vernachlässigt, hat seine Dienstbarkeit überwiegend dem Sofa hinterlassen, auf dem längs zu liegen, den Rücken an der gepolsterten Lehne, wahrlich viel Gutes hat.

Lesen im Bett
Man hat es sich verdient, die Härte der Schulbank mit weichen Freizeitpolstern (dazu später mehr) zu ersetzen, hingegen das Lesen im Bett: Ich höre immer wieder von dem Vergnügen daran, um nicht zu sagen, von der Notwendigkeit (wie soll man einschlafen, wenn man nicht vorher ein paar Seiten. . .). Was mich betrifft, so habe ich die Haltung noch nicht gefunden, in der Arme und Restkörper sich nicht nach Kurzem protestierend melden. Die Ausnahme waren die Betten in den Krankenhäusern mit ihren diversen Verstellmöglichkeiten, aber . . .

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-14 15:56:14
Letzte ─nderung am 2016-10-14 16:49:41



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