• vom 18.10.2016, 15:33 Uhr

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Update: 18.10.2016, 15:59 Uhr

Literaturkritik

Pegasus lernt fliegen




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Von Edwin Baumgartner

  • Was zeichnet gute Dichtung aus? Die Diskussion darüber lebt auch jenseits von aktuellen Buchpreisen und -messen.

: hack (Quellen: Arne Dedert/dpa, incomible/Fotolia)

: hack (Quellen: Arne Dedert/dpa, incomible/Fotolia) : hack (Quellen: Arne Dedert/dpa, incomible/Fotolia)

Warum, zum Kuckuck, will mir schon wieder einer erklären, was, seiner Meinung nach, gute Gedichte wären? Das Metrum wechseln - oder auch nicht, Reime drechseln oder frei: Beides ist keine Hexerei. Doch ein gutes Gedicht garantiert, wie zu ersehen, das alles noch lange nicht.

Bei der Prosa ist es ebenso: Kein Regelwerk kann Qualität objektiv definieren. Die meisten Handbücher zum guten Stil mögen, steckt man ihren Wirkungsrahmen mit Schulaufsatz, Zeitungsartikel und Illustrierten-Roman ab, durchaus wirkungsvoll sein. Doch es wird kaum eine Seite eines bedeutenden Prosaautors ohne Verstoß gegen die Prinzipien vergehen. Genies haben eben ihre eigenen Regel-Auslegungen.


Gerade in dieser Grauzone der Subjektivität wuchert das Gestrüpp der Literaturkritik. Wasser hat keine Balken? - Die Literaturkritik hat nicht einmal Wasser.

Im besten Fall besitzt sie etwas so ganz und gar Unstoffliches wie Geschmack und gesteht dessen Subjektivität ein. Die Darlegung der subjektiven Koordinaten macht die Kritik zwar nachvollziehbar. Aber sie macht sie auch, seien wir ehrlich, lahm. Man diskutiert in Anzug und Krawatte. Die Leidenschaft ist ’raus seit dem Tod von Marcel Reich-Ranicki. Hellmuth Karaseks ironische Distanz ist gleichfalls verstummt. Bleiben nur noch Sigrid Löffler, Iris Radisch, Ijoma Mangold, Denis Scheck und ein paar ganz wenige andere, die den Streit anheizen, was gute Literatur ist.

Der gestaltet sich zwar endlos - doch er ist notwendig. Denn Streit über Literatur bedeutet Auseinandersetzung mit Literatur. Das ist wichtig in einer Zeit, in der Feuilletonisten die Kritik am Literaturnobelpreis für Bob Dylan damit zurückweisen, dessen Songtexte würden nur durch die Übersetzung verflacht. Was bedeutet, dass Shakespeare, Joyce oder Ungaretti in - beispielsweise - deutscher Übersetzung Groschenheftautoren sind; mit Goethe auf Französisch befinden sie sich in guter Gesellschaft.

Nicht zufällig zeichnen in einer mit persönlichen Meinungen zunehmend vorsichtig hantierenden Zeit die Jurys der diversen Literaturpreise immer öfter moralische Haltungen eher aus als Stil. So geht der Deutsche Buchpreis 2016 an Bodo Kirchhoff, dessen "Widerfahrnis", so die Begründung, "ein vielschichtiger Text" sei, "der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt". Das Thema, wie gut das stilistisch geschrieben ist, bleibt unangesprochen. Die Frankfurter Buchmesse, auf die der Deutsche Buchpreis quasi einstimmt, ist sowieso ein Bücherurwald vom Trivialem bis zur Dichtung. Wie da durchfinden, wenn die Literaturkritik, die der Seismograph des Geschehens bleibt, kaum noch ausschlägt - weder im Gelobten wie im Gerügten? Es geht dabei nicht um Vorgaben des Urteils, das muss der Leser ohnedies selbst finden; es geht schlicht um den Leseanreiz über den Klappentext hinaus.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-10-18 15:38:05
Letzte ńnderung am 2016-10-18 15:59:04



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