• vom 29.10.2016, 15:30 Uhr

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Brauner Bannfluch




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Von Günter Bitala

  • Der Dramatiker Ödön von Horváth verbrachte einige Jahre in Murnau am Staffelsee, wo seine Eltern eine Villa besaßen. Die Nationalsozialisten nannten ihn die "Zierde des Kommunistenlagers" - und vertrieben ihn aus dem Ort.



Ödön von Horváth (re.) mit seiner Mutter und Bruder Lajos auf der Terrasse ihrer Murnauer Villa.

Ödön von Horváth (re.) mit seiner Mutter und Bruder Lajos auf der Terrasse ihrer Murnauer Villa.© Bildarchiv Schlossmuseum Murnau Ödön von Horváth (re.) mit seiner Mutter und Bruder Lajos auf der Terrasse ihrer Murnauer Villa.© Bildarchiv Schlossmuseum Murnau

Maria Hermine von Horváth, geborene Prehnal - Gattin des österreichischen Staatsbeamten Dr. Edmund von Horváth - brachte am 9. Dezember 1901 in Sušak, einem Vorort der damals zu Ungarn gehörenden Stadt Fiume, ihren ersten Sohn, Ödön, zur Welt. Heute ist das Rijeka in Kroatien. 1909 zog der Vater beruflich nach München und holte 1913 seine Söhne - Ödön und den zwei Jahre jüngeren Bruder Lajos - in die Hauptstadt des bayerischen Königreiches.

Im Sommer 1920 war die Familie Horváth in Richtung Alpen unterwegs. Später erinnerte sich Ödön: "Wir fuhren durch das bayerische Oberland und in der Nähe von Partenkirchen, dort wo die Berge beginnen, durchfuhren wir einen sogenannten schmucken Markt. Die Sonne schien, und Sonntag wars. Aber abgesehen vom Tage des Herrn herrschte eine überaus feierliche Stimmung. Fahnen, Musik, jubelnde Bevölkerung - sowohl Eingeborene als auch Fremde. Biedere Landmänner und erholungsbedürftige Bürgersleut." Gemeint ist Murnau am Staffelsee, 1921 kaufte die Familie dort ein Grundstück in der Hindenburgstraße, die heute Bahnhofstraße heißt. 1924 war die Villa bezugsfertig.

Ödön von Horvath (1901-1938).

Ödön von Horvath (1901-1938).© Bildarchiv Schlossmuseum Murnau Ödön von Horvath (1901-1938).© Bildarchiv Schlossmuseum Murnau

Information

Horváth-Tage in Murnau:
3. bis 12. November 2016. Im Mittelpunkt steht die Verleihung des Ödön-von-Horváth-Preises an den deutschen Filmemacher Edgar Reitz.
www.horvath-gesellschaft.de

Günter Bitala, geb. 1959, lebt als freiberuflicher Journalist in Murnau am Staffelsee. Er befasst sich mit Kulturthemen Oberbayerns.

Vermögendes Haus

Die Murnauer fragten sich, womit die erwachsenen Söhne ihren Lebensunterhalt verdienten. Sahen aber beim Blick über den Zaun des weitläufigen Gartens - wie Elisabeth Tworek vom Literaturarchiv "Monacensia München" in einem Buch schreibt: "Die Horváths hatten Geld. Es gab mehrere Bedienstete, und Mädchen in Spitzenhäubchen servierten auf der Terrasse das Essen."

Der Fotograf Werner Kraus hatte als Bub den Dramatiker immer wieder gesehen: "Ödön von Horváth kam mit seiner Mutter Maria Hermine im großen Wagen angefahren, parkte und winkte den Wartenden am Straßenrand zu. Die Menschen winkten zurück."

Hoch ging es bei den Faschingsfesten im "Strandhotel" am Staffelsee her. Die Horváth-Clique, zu der Gustav Gründgens und Francesco von Mendelsohn aus Berlin anreisten, war dabei immer die ausgelassenste Gruppe. Mal tanzten die Männer als Afrikaner in Baströckchen durch den Festsaal, mal als Schulbuben in Matrosenanzügen.

Ödön war mit Wiggerl Haller befreundet, einem bärenstarken Murnauer und bekannten Boxer. Ein Platz im Ort zog die beiden magisch an: das Denkmal für Ludwig II., dem von den Landeskindern hoch verehrten "Märchenkönig". Eingerahmt wird die lebensgroße Büste von zwei mächtigen Löwen. Wiggerl Haller und Ödön von Horváth warfen die Bronzeviecher ins Gras - und sahen von einem Versteck aus lachend zu, wie ein halbes Dutzend Burschen die Löwen wieder an ihre alten Plätze zu wuchteten.

Horváths erstes Werk, das "Buch der Tänze" - eine Pantomime - war ein Flop. Das Buch erschien in einer Auflage von 500 Stück. Die meisten Exemplare kaufte der Autor selber auf - und warf sie weg. Gegenüber seinem Bruder Lajos bedauerte er einmal, dass es im Murnauer Haus nur Zentralheizung gäbe: "Sonst könnte ich das ganze Zeugs verbrennen."

Wirbel gab es um den Text "Ein sonderbares Schützenfest". Beinahe hätte Horváth Prügel von Mannsbildern bezogen, die mit dem Artikel eine heilige Kuh des bayerischen Brauchtums verunglimpft sahen - das Schützenwesen. Horváth beschrieb die Feierlichkeiten zum Gedenken einer blutigen Schlacht zwischen Bayern und Tirol. Er stellte die Kritik in den Mittelpunkt, dass dieser "Trauertag" mit Schützenfest und Blasmusik begangen wurde.

Stammtisch-Gespräche

Die Männer an den Stammtischen erzählten Ödön von Horváth von ihren Alltagsfreuden und Sorgen. Auf kleinen Zetteln notierte sich der Schriftsteller das Gehörte. Elisabeth Tworek: "Aus allernächster Nähe konnte Horváth menschliche Charakterzüge und Verhaltensweisen der Schicht studieren, die den raschen Aufstieg des Nationalsozialismus begründeten. In dieser kleinen Welt bekamen Inflation, Arbeitslosigkeit und der aufkommende Nationalsozialismus ein persönliches Gesicht."

Später flossen die Geschichten der Einheimischen in Horváths Texte. Zum Beispiel in "Zur schönen Aussicht" - seinem ersten Theaterstück (1926), benannt nach einem Murnauer Hotel. Das ist eine bitterböse Komödie, die sich mit halbseidenen Existenzen der Stadt und geldgierigen Einheimischen auseinandersetzt.

"Die Bergbahn" (1929) wiederum beschreibt die harten Arbeitsverhältnisse beim Bau der Tiroler Zugspitzbahn. Die dramatischen Ereignisse anlässlich eines Zugunglücks bei Murnau verarbeitete Ödön von Horváth dann in seinem Stück "Der jüngste Tag". Und in "Italienische Nacht" (1931) interessierte ihn, warum die Menschen einer süddeutschen Kleinstadt dem sich rasch ausbreitenden Nationalsozialismus nichts entgegensetzten, warum gerade sie für diese Ideen so anfällig waren. Dafür bot Murnau als Hochburg des Nationalsozialismus reiches Anschauungsmaterial.

Ein wichtiges Datum für Murnau und Bayern auf dem Weg in die braune Diktatur war die SA-Saalschlacht im Gasthof "Zur Traube". Es ist die erste gerichtsmäßig verbürgte Wirtshausschlägerei dieser politischen Art in Bayern gewesen. Am Sonntag, dem 1. Februar 1931, war eine Versammlung der Sozialdemokraten angesetzt. Unter den rund 200 Versammlungsteilnehmern waren etwa 150 Nationalsozialisten. Der Vizepräsident des Bayerischen Landtages und Sozialdemokrat, Erhard Auer, sprach. Nach einer Pause meldete Otto Engelbrecht, der NSDAP-Ortsgruppenleiter, seinen Redebeitrag an.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-28 13:53:08
Letzte ńnderung am 2016-10-28 14:05:36



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