• vom 05.11.2016, 12:00 Uhr

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Von Anna Weidenholzer

  • Literarisches Schreiben braucht die Außenwelt, aber auch die Einsamkeit, den leeren Raum, der durch nichts eingeschränkt wird. Ein Essay.

- © Jugoslav Vlahovic

© Jugoslav Vlahovic



Eine Geschichte könnte so beginnen: Reihe dreiundzwanzig, hier sind wir. Von weiter vorn riecht es nach Essen, ein Mann schnarcht und eine Frau schaut auf, sie legt das Bordmagazin zur Seite und zieht ihre Handtasche unter dem Sitz hervor, holt ihr Telefon heraus, das in einer abgegriffenen Lederhülle steckt. Sie wischt über die Bildschirmoberfläche, wischt von Bild zu Bild:

Ein Restaurantbesuch mit einem Mann, ein Aussichtspunkt, ein Teller mit Essen und ein Glas Wein. Sie wischt regelmäßig, ohne sich aufzuhalten. Bis sie bei einem Foto ankommt, das wieder sie und den Mann zeigt, er hat seinen Arm um sie gelegt, seine Wange an ihren Kopf gedrückt, beide lachen in die Kamera.

Als ob sie diesem Moment nachhängt, als ob sie jetzt sofort dorthin zurückmöchte, wo sie zu diesem Zeitpunkt war, bitte, wenden Sie das Flugzeug, bitte, kehren wir um, die Frau starrt auf ihr Telefon. Dann legt sie Daumen und Ringfinger auf die Gesichter und zieht sie langsam auseinander, lässt die Köpfe wachsen, bis sie bei ihrem Lächeln angekommen ist. Sie schaut eine Weile auf den Bildschirm, setzt fort, das Bild zu vergrößern, bis es nicht mehr weiter geht. Sie sieht sehr lange ihre Zähne an. - Das könnte ein Anfang sein, denke ich, als wir über den Atlantik fliegen, ein paar Stunden vor Wien, und suche nach einem Stift, um aufzuschreiben, was ich gerade gesehen habe.

"Wohin geht der Blick beim Erzählen, wohin greifen die Hände . . .?"

"Wohin geht der Blick beim Erzählen, wohin greifen die Hände . . .?"© Margit Krammer "Wohin geht der Blick beim Erzählen, wohin greifen die Hände . . .?"© Margit Krammer

Anstoß zum Erzählen

Eine Geschichte könnte so beginnen, bedeutet nicht, dass sie genau da ihren Anfang nimmt, nicht einmal, dass diese Szene Teil des Erzählten bleiben wird. Es ist der Anstoß zum Erzählen, eine Möglichkeit, die in diesem Moment beginnt. Denn ein Text trägt stets mehr in sich, als auf den ersten Blick zu sehen ist.

Über mein Schreiben schreiben also. Es ist ein Zustand, über den ich sagen kann: Ich denke ständig darüber nach und gleichzeitig nie, weil es mich mit solch einer Selbstverständlichkeit begleitet.

Haruki Murakami, so las ich vor kurzem, hatte an einem sonnigen Nachmittag während eines Baseballspiels die Eingebung, schreiben zu müssen, es passierte, nachdem er den Ton gehört hatte, mit dem ein Ball auf einen Schläger traf und im Stadion vereinzelt Applaus aufkam. Am selben Tag noch ging Murakami in ein Schreibwarengeschäft, kaufte Manuskriptpapier und Füller und begann zu schreiben, ein halbes Jahr später war sein erster Roman fertig.

Anna Weidenholzer wurde 1984 in Linz geboren und lebt in Wien. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und debütierte als Autorin 2010 mit der Erzählung "Der Platz des Hundes". 2013 erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Zuletzt ist der Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen" erschienen (Matthes & Seitz, 2016).

Anna Weidenholzer wurde 1984 in Linz geboren und lebt in Wien. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und debütierte als Autorin 2010 mit der Erzählung "Der Platz des Hundes". 2013 erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Zuletzt ist der Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen" erschienen (Matthes & Seitz, 2016).
© Otto Reiter Anna Weidenholzer wurde 1984 in Linz geboren und lebt in Wien. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und debütierte als Autorin 2010 mit der Erzählung "Der Platz des Hundes". 2013 erhielt sie den Reinhard-Priessnitz-Preis. Zuletzt ist der Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen" erschienen (Matthes & Seitz, 2016).
© Otto Reiter

Das ist eine gute Geschichte, sie kommt einer Offenbarung nahe, einer Erleuchtung. Ich habe kein solches Schlüsselerlebnis, nichts Großes zu erzählen. Und doch, einen gewissen Anstoß zum Erzählen gab es, auch wenn er mich nicht zum Schreiben an sich brachte, das schlich sich ein, sobald ich schreiben konnte, sondern eher dorthin, wo das Material liegt, das mich zu meinen Texten führt.

Während meines Studiums arbeitete ich im Chronikressort einer Tageszeitung. Es ist sicher nicht das anspruchsvollste Ressort, in das es einen verschlagen kann, vielleicht aber das härteste. Eine meiner ersten großen Geschichten als Praktikantin war ein Verkehrsunfall: Ein Ehepaar, das seinen freien Tag für einen Fahrradausflug nutzte, ein Holztransporter, der auf der Bundesstraße umkippte, genau in dem Moment, als die beiden an ihm vorbeifuhren. Das Ehepaar und der Lastkraftwagenlenker starben an der Unfallstelle. Ich war Anfang zwanzig, und ich musste O-Töne einfangen, damit die Geschichte menschlich wird, wie es so schön hieß - im Idealfall mit den Kindern sprechen, ein wenig jünger als ich, mit Verwandten, Bekannten, zumindest mit Leuten aus dem Ort. Auf meinem Computerbildschirm waren Fotos der Unfallstelle, Markierungen auf dem Asphalt, Baumstämme, ein demoliertes Fahrrad, ich klickte sie weg.

Nach einer Weile erreichte ich den Pfarrer, bei der Familie ließ ich es nur kurz läuten, in der Hoffnung, niemand würde ans Telefon gehen. Keine Frage ist unangebrachter, als Angehörige in solch einer Situation nach ihrem Befinden zu fragen, und die unmenschlichsten Geschichten sind oft die, die unter dem Stichwort "menschlich" verkauft werden, das lernte ich bald.

Zuhören & Hinschauen

Ich sollte in den folgenden Jahren noch ein paar Mal in vergleich- bare Situationen kommen. Mit der Zeit härtet man ab, ein Verkehrsunfall ist ein VU, ein Selbstmord ein SM, und doch möchte ich so etwas nie wieder machen, etwas schreiben, was ich nicht schreiben möchte, Geschichten aus Menschen herausziehen, mit wenig Rücksicht auf das Gegenüber, das betroffen ist, und mit großer Rücksicht auf jenes, das beim Frühstückskaffee betroffen sein möchte, weil es sein Abonnement bezahlt. Dennoch, was ich an guten Tagen in der Redaktion gelernt habe: Das Hineingehen in neue Situationen, das Zuhören und das Sprechen, das Hinschauen, das Beobachten, wie jemand erzählt, auf welche Art und Weise. Geblieben ist mir ein großes Interesse für die scheinbar toten Winkel, wo einem das Leben oft umso heftiger entgegenschlägt.

Seither ist Schreiben für mich unmittelbar mit der Außenwelt verbunden, der Alltag zieht mich an, es ist ein ständiges Sammeln von Sätzen, Situationen, Spuren und Bildern. Ich schreibe auf, ich fotografiere, ich nehme auf, ich bin froh, dass mein Telefon das alles kann. So wächst etwas heran, das etwas zum Schwingen bringt, ein späterer Ausgangspunkt sein kann, manchmal ist es auch nur die Melodie, die von einer Beo-bachtung oder einem Gespräch bleibt. Latentes Material könnte man es in Anlehnung an Klaus Merz nennen, der ein Großer da-rin ist, mit wenigen Sätzen unheimlich viel zu erzählen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-03 16:02:18
Letzte ─nderung am 2016-11-03 17:25:03



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