• vom 05.11.2016, 15:00 Uhr

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Von Wolfgang Martin Roth

  • Am "Tag des inhaftierten Schriftstellers", der am 15. November begangen wird, steht heuer die Situation türkischer Autoren im Mittelpunkt.

Seit August 2016 verhaftet: die türkische Schriftstellerin und Kolumnistin Asl Erdogan. - © PEN intern.

Seit August 2016 verhaftet: die türkische Schriftstellerin und Kolumnistin Asl Erdogan. © PEN intern.





Seit 35 Jahren wird am 15. November weltweit in allen Ländern, in denen es Zentren der internationalen Schriftstellervereinigung PEN (Poets, Essayists, Novelists) gibt, der "Tag des inhaftierten Schriftstellers" (Writers-In-Prison-Day) begangen. Dieser Tag wurde von PEN im Jahre 1981 eingeführt mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf gefangene, ermordete oder anderweitig bedrängte Schriftstellerkollegen zu lenken.

Es gibt jedoch einen wichtigen Vorbehalt: Gefangene, die wegen Propagierung von Gewalt oder gar ihrer Anwendung verurteilt wurden, und solche, die zum Rassenhass aufgerufen haben, werden nicht unterstützt, weil ihre Aktivitäten mit der Charta des Internationalen PEN unvereinbar sind.

Information

Hinweis:

Am 15. November veranstaltet der österreichische PEN-Club den Writers-in-Prison-Day um 19 Uhr in der Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien. Als Ehrengast kommt der soeben freigekommene katarische Dichter Mohammed al-Ajami, Honorary Member des österreichischen PEN. Manfred Novak, Professor für Internationales Recht und Menschenrechte, wird das Buch "Desaparecido" vorstellen. Der Schauspieler Wolfgang Böck und Mitglieder des WIP-Komitees werden Texte inhaftierter Autoren lesen.
Zum Anlass des Writers-In-Prison-Day erscheint im "Augustin" die von der Alten Schmiede verantwortete Beilage "Der Hammer" mit dem Thema "Das gefährdete Wort: Writers-In-Prison"

Nach sorgfältiger Prüfung wählt PEN jedes Jahr fünf exem-plarische Fälle aus verschiedenen Regionen aus, die als zentraler Fokus für dieses Anliegen am Writers-In-Prison-Day dienen sollen. Es wird die bedingungslose Freilassung gefordert. Es wird niemanden verwundern, dass zu den fünf Ausgewählten für dieses Jahr eine türkische Schriftstellerin gehört, vollzieht sich doch gerade vor unser aller Augen die Entwicklung der Türkei zu einem Polizeistaat. 135 Journalisten wurden in der Türkei angeklagt und in Untersuchungshaft genommen, 100 Publikationsorgane wurden verboten, 30 Nachrichten-Websites unter Zensur gestellt und 600 Journalisten wurde die Akkreditierung entzogen.

Aktualisierte Fälle

Asl Erdogan, eine namhafte Schriftstellerin in der Türkei, wurde am 17. August 2016 in ihrem Haus in Istanbul verhaftet. Sie ist Kolumnistin und im Redaktionsbeirat der pro-kurdischen oppositionellen Tageszeitung "Özgür Gündem’s", die nach dem gescheiterten Staatsstreich am 15. Juli 2016 verboten wurde. Man wirft ihr "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung" und "Unterminierung der nationalen Einheit" vor. Sie leidet an Asthma, einer obstruktiven Lungenerkrankung und Diabetes. PEN hat daher ihre sofortige bedingungslose Freilassung verlangt.

Innerhalb des Internationalen PEN und der nationalen PEN-Zentren wird die Arbeit für die inhaftierten Schriftsteller in sogenannten Writers-In-Prison-Committees geleistet. Das Komitee wurde 1960 gegründet, als Reaktion auf die bedrohlich wachsende Zahl an Ländern, die versuchen, Schriftsteller durch Repressionen mundtot zu machen. Der Begriff "writer" wurde inzwischen erweitert: Alle, die aufgrund des geschriebenen Wortes verfolgt werden, also Romanciers, Lyriker, Dramatiker, Verleger, Journalisten, Redakteure, Blogger, Nutzer sozialer Netzwerke, Filmregisseure, Drehbuchautoren, Karikaturisten, Illustratoren und Songwriter, können mit der Unterstützung des Internationalen PEN rechnen.

Alle sechs Monate legt das Writers-in-Prison Committee der Londoner Zentrale eine aktualisierte Auflistung (Caselist) vor, die sämtliche ihm bekannt gewordenen Fälle aufführt. Die Angaben werden ständig aktualisiert. Das Sekretariat des Writers-in-Prison-Committees in London sammelt Informationen über die Gefangenen und gibt sie an die nationalen Zentren weiter. Als Quelle dienen Presseberichte, Recherchen von Menschenrechtsgruppen, Berichte von Verwandten und Freunden der Verfolgten oder von PEN-Mitgliedern aus diesen Ländern.

In der PEN Statistik für 2015 scheint die Zahl von 1054 verfolgten Schriftstellerinnen und Schriftstellern auf. "Reporter ohne Grenzen" meldet für das gleiche Jahr die erschreckende Zahl von 144 getöteten Journalisten und Medienmitarbeitern.

Derzeit wirken 62 der insgesamt 140 PEN-Zentren weltweit aktiv im Writers-in-Prison-Committee mit. Jedes dieser Komitees ernennt verfolgte Autoren zu Ehrenmitgliedern (Honorary Members) und nimmt sich ihrer an.

Beauftragte des jeweiligen Komitees machen auf diplomatischem Weg oder in Form öffentlicher Kampagnen auf das Schicksal ihrer Ehrenmitglieder aufmerksam, um die Freilassung der Gefangenen zu erwirken. Sie korrespondieren mit den Angehörigen der Gefangenen, wenn möglich auch mit diesen selbst. Sie schreiben Artikel über ihre Kollegen und setzen sich dafür ein, dass deren Arbeiten übersetzt, in öffentlichen Lesungen bekanntgemacht und publiziert werden.

Auch im österreichischen PEN-Club ist ein solches Writers-in-Prison-Komitee tätig. Immerhin sind im letzten Jahr vier inhaftierte Ehrenmitglieder des österreichischen PEN dank weltweit konzertierter Aktivitäten freigekommen: Enoh Meyomesse (Kamerun), Omar Hazek (Ägypten), Marzieh Rasouli (Iran) und Mohammed al-Ajami (Katar).

Noch immer sind jedoch vier andere Ehrenmitglieder des österreichischen PEN-Clubs in Haft: Jimi’e Kmeil (Journalist, Eritrea, in Haft seit 2005), Mahvash Sabet (Dichterin und Bahá’í-Führerin, Iran, in Haft seit 2008), Mohammad Sadiq Kabudvand (kurdischer Publizist, Iran, in Haft seit 2007) und Alaa Abd El Fattah (Blogger und Aktivist, Ägypten, in Haft seit 2013).

Auf einen Gefangenen sei besonders hingewiesen, der seit neun Jahren im Evin-Gefängnis in Teheran gefangen ist: Mohammad Sadiq Kabudvand war Chefredakteur der kurdischen Wochenzeitung "Payam-e mardom-e Kurdestan" ("Kurdistan People’s Message") im Iran und als kurdischer Menschenrechtsaktivist tätig; außerdem hat er die "Kurdistan Human Rights Organisation" gegründet. Ab 2004 war er Ziel von Ermittlungen der Justiz und wurde zunächst zu einer Strafe von 18 Monaten auf Bewährung verurteilt. Zusätzlich erlegte man ihm ein fünfjähriges Publikationsverbot auf, weil er kritische Berichte über die Situation der Menschenrechte im Iran veröffentlicht
hatte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-03 16:26:07
Letzte nderung am 2016-11-03 18:16:41



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