• vom 06.11.2016, 08:30 Uhr

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Österreichischer Buchpreis

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Von Christina Böck

  • Prügel, Prekariat und Familiengeschichten-Aufarbeitung: die Anwärter für den Buch-Debütpreis.

Die drei von der Shortlist: Sacha Batthyany, Friederike Gösweiner, Katharina Winkler. - © Maurice Haas, Thomas Larcher, Stefan Klüter/Suhrkamp

Die drei von der Shortlist: Sacha Batthyany, Friederike Gösweiner, Katharina Winkler. © Maurice Haas, Thomas Larcher, Stefan Klüter/Suhrkamp

"Schläge fallen von der Decke. Schläge fallen von den Wänden. Schläge kriechen aus den Ritzen im Boden. Schlag. Um Schlag. Schlag. Um Schlag." So beschreibt Katharina Winkler in ihrem Roman "Blauschmuck", wie eine türkische Frau von ihrem Mann verprügelt wird. Es ist diese eindringliche Sprache, die einerseits brutale Bilder erweckt, sogar den Klang des Missbrauchs schonungslos nachahmt, und andererseits seltsam distanziert bleibt, die Kritiker bei diesem Roman begeistert. Und wohl auch die Juroren des Österreichischen Buchpreises. Winklers "Blauschmuck" ist eines von drei Büchern, die in der Kategorie Debütpreis nominiert sind. Der Roman erzählt die Geschichte von Filiz, die in einem kurdischen Dorf aufwächst, in dem Frauen nicht viel Wert haben. Filiz brennt mit 15 Jahren mit einem Burschen durch, doch es ist kein Ausbruch aus dem patriarchalischen Horror. Er schlägt und vergewaltigt sie regelmäßig. Auch als das Paar nach Österreich geht, ändert sich nichts. Dass die Thematik ihres Buchs in eine Zeit fällt, in der Frauen und ihr Platz in der muslimischen Welt von kundigen und weniger kundigen Seiten diskutiert wird, ist Winkler eher unangenehm. Als politisches Zeichen will sie ihr Buch nicht verstanden wissen.

Würde mit aller Kraft
Der Titel "Blauschmuck" deutet die Ambivalenz schon an: Blau sind die Flecken, die Filiz von den Ausbrüchen ihres Mannes zurückbleiben. Als Schmuck kann man sie nur sehen, wenn man sehr zynisch ist. Oder wenn man sich mit aller Kraft ein Stückchen Würde zurückholen will. Oder, wie es auch in dem Buch heißt: "Du schlägst mich tot, aber du kommst mir nicht nahe."


Auf den ersten Blick eher trostlos wirkt auch das Szenario des zweiten Romans auf der Debütpreis-Shortlist: Friederike Gösweiners "Traurige Freiheit". Sie erzählt die Geschichte der jungen Journalistin Hannah, die auf der Suche nach einem Job in eine Albtraum-Abwärtsspirale des Prekariats gerät. Sie geht von Wien nach Berlin, doch auch dort scheint sie immer wieder gegen eine unsichtbare Wand zu rennen. Der Arbeitsmarkt will sich ihr einfach nicht öffnen, durch welche Hintertür sie es auch probiert. Kritiker loben Gösweiners kühle, aber dabei nicht unempathische Analyse einer Generation, die selbst für ein unbezahltes Praktikum in einen mörderischen Konkurrenzkampf treten muss - ohne irgendeine Aussicht darauf, dass dieses moderne Sklaventum dann als Türöffner zu einem richtigen Job fungieren kann.

Die zunehmende Orientierungslosigkeit in einer Arbeitswelt, in der man alles richtig macht und doch nicht weiterkommt, schlägt sich auch metaphorisch auf Hannahs Gesundheit nieder: Immer öfter verliert sie den Boden unter den Füßen.

Völlig anders als die beiden Konkurrenz-Titel ist Sacha Batthyanys Debütpreis-Kandidat "Und was hat das mit mir zu tun?". In dieser Spurensuche widmet sich der Journalist einer Geschichte, die bereits Elfriede Jelinek in ihrem Theaterstück "Rechnitz" auf die ihr eigene Weise bearbeitet hat. Bei Batthyany ist die Ausgangslage noch einmal eine andere: Es war seine Großmutter, Margit Thyssen-Batthyány, auf deren Schloss Rechnitz jenes Fest stattgefunden hat, während dem 180 jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden.

Jahrzehnte Schweigen
Das Kriegsende war nah, die Russen standen schon an der Donau. Die Festgesellschaft unterbrach Tanz und Trank, um die Menschen, die am Bahnhof warteten, zu erschießen, nach dem Massenmord feierten die lokalen Nazi-Größen weiter. Das Verbrechen wurde jahrzehntelang verschwiegen, die verscharrten Leichen nie gefunden. Sacha Batthyany suchte Antworten auf die Frage: "Was hat das mit mir zu tun?" Er erhält von seinem Vater ein Tagebuch der Großmutter, sie hatte ihn damit beauftragt, es zu vernichten. Ob seine Großmutter selbst zur Mörderin wurde, hat auch Batthyany nicht mehr herausfinden können. Es ist schlussendlich nicht die dringlichste Frage in diesem Buch, das eher zur Diskussion stellt, wie sehr man selbst von den Taten einer früheren Familiengeneration geprägt sein muss.

Wer von den drei Autoren für das beste Debüt geehrt wird, zeigt sich Dienstag Abend. Da wird der neu geschaffene Österreichische Buchpreis erstmals verliehen.

Katharina Winkler: "Blauschmuck" (Suhrkamp)

Friederike Gösweiner: "Traurige Freiheit" (Droschl)

Sacha Batthyany: "Was hat das mit mir zu tun? (KiWi)




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-04 16:38:09
Letzte ńnderung am 2016-11-04 16:56:04



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