• vom 06.11.2016, 15:00 Uhr

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Europäische Literaturgeschichte

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Von Bernhard Widder

  • Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Peter Weiss geboren, dessen vielfältiges Werk die Krisen, Konflikte und Parteinahmen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt und analysiert.



Peter Weiss, Dramatiker, Romancier, Essayist.

Peter Weiss, Dramatiker, Romancier, Essayist.© Ullstein Bild Peter Weiss, Dramatiker, Romancier, Essayist.© Ullstein Bild

Der deutschsprachige Schriftsteller, bildende Künstler und Filmschaffende Peter Weiss, dessen 100. Geburtstag am 8. November 2016 zu gedenken ist, war von 1960 bis zu seinem Tod im Jahr 1982, also etwa zweiundzwanzig Jahre lang, ein Autor, dessen vielseitiges, facettenreiches Werk intensiv und kontroversiell diskutiert wurde, vor allem in den beiden deutschen Staaten, der BRD und der DDR.

Nach 1960 galt Weiss durch die Veröffentlichung des Kurzromans "Der Schatten des Körpers des Kutschers" als Vertreter der experimentellen Avantgarde, der mit einem äußerst präzisen Stil, von den Stilmitteln des Films und der Malerei geprägten Sprachbildern plötzlich Furore machte. Weitere Prosawerke folgten, Jahr für Jahr: "Abschied von den Eltern", "Fluchtpunkt", "Das Gespräch der drei Gehenden".

Als Dramatiker gelang Weiss im April 1964 mit der Uraufführung eines Stückes am Westberliner Schillertheater ein Welterfolg. Der Titel des Dramas enthielt ein merkwürdiges Sprachspiel, dessen "Historizität" besonders prägend war: "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" (Kurzversion: "Marat / De Sade"). Es handelt sich dabei um "Theater im Theater", in dem die Insassen einer Irrenanstalt im Jahr 1809 die Ermordung des Jakobiners Marat im Jahr 1793 nachspielen.

Politische Literatur

1965 wurde das Holocaust-Stück "Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen" an sechzehn Theatern in der BRD und der DDR gleichzeitig uraufgeführt. Weitere politische Dramen im Sinn des dokumentarischen Theaters jener Zeit folgten bis in die 1970er Jahre, aber nur wenigen war Erfolg beschieden, obwohl der Dramatiker Weiss weiterhin im Mittelpunkt der Feuilletons stand.

Im politischen Manifest "10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt" ergriff Weiss 1965 Partei für den Sozialismus. Zwischen 1975 und 1981 erschien sein Prosa-Hauptwerk "Die Ästhetik des Widerstands" in drei umfangreichen Bänden.



Weiss starb am 10. Mai 1982 im Alter von 65 Jahren - danach wurde es merklich ruhiger um sein Werk, obwohl weiterhin nachgelassene Bücher oder deutsche Übersetzungen aus seinem auf Schwedisch geschriebenen Frühwerk publiziert wurden.

Information

Literatur:

Peter Weiss: "Dem Unerreichbaren auf der Spur".Essays,
Aufsätze und Interviews 1950-1980. Hrsg. und aus dem Schwedischen
übersetzt von Gustav Landgren. Verbrecher Verlag, Berlin 2016, 303
Seiten, 24,- Euro.

Jens-Fietje Dwars:Und dennoch Hoffnung.Peter Weiss. Eine Biografie. Aufbau Verlag, Berlin 2007, 302 Seiten, 24,95 Euro.

Die Werke von Peter Weiss sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Dort hat der Historiker Werner Schmidt soeben eine neue Biographie veröffentlicht: Peter Weiss. 461 Seiten, 35,- Euro.

Mit dem (vorläufigen) Ende des Kalten Kriegs, der Auflösung der kommunistischen Regimes in Mittel- und Osteuropa, dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschob sich zwischen 1989 und 1993 die gesamte Weltpolitik. Die politischen Themen, die der engagierte Links-Intellektuelle Weiss vor allem seit Mitte der 1960er Jahre vehement diskutiert hatte, kamen aus der politischen Mode, auch wenn das aus heutiger Sicht sehr kurzsichtig gedacht erscheint. Sein Werk verschwand aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit, obwohl noch 1991 eine erste sechsbändige Ausgabe bei Suhrkamp erschienen war.

Im selben Jahr zeigte die Berliner Akademie der Künste zum ersten Mal sein künstlerisches Gesamtwerk in einer Ausstellung: "Der Maler, Filmemacher Erzähler und Dramatiker gab sich in all seinen Facetten zu erkennen. Ein universaler Künstler von Weltrang", schrieb der ostdeutsche Schriftsteller Jens-Fietje Dwars in seiner Peter Weiss-Biografie "Und dennoch Hoffnung" (2007).

Im einleitenden Kapitel dieses Buchs zitiert Dwars den damaligen Präsidenten der Berliner Akademie, Heiner Müller: Weiss’ Werk werde "im leeren Raum unsrer vergänglichen Gegenwart, die glaubt, ohne Zukunft auskommen zu können, Leser und Zuschauer verlieren, weil es nach einer Zukunft greift, deren nächste Erscheinung noch keine Gestalt hat, aber es gibt kein Leben in der Ewigkeit des Augenblicks."

Und weiter erwähnt Dwars in seiner Sicht von 2007: "Er hat sie verloren, die Leser und Zuschauer. In den vergangenen fünfzehn Jahren der ‚Wiedervereinigung’ war kein deutscher Autor von Rang weniger präsent als Peter Weiss. Die Werkausgabe wurde bald verramscht, sein Epochenroman schien vergessen, weit, weit von den heutigen Problemen entfernt, erledigt mit dem Zusammenbruch des Kommunismus. Auch die Stücke des Dramatikers werden kaum noch gespielt, seine Filme fast nirgends gezeigt."

Aber, so Dwars später: "Die Forschung hat ihn nie vergessen". Das bezieht sich auf eine Reihe von Dissertationen, Symposien und Veröffentlichungen aus dem Nachlass von Peter Weiss.

Surrealismus

Es ist schwer zu ergründen, woran die Nicht-Wahrnehmung dieses Werks vor allem seit der deutschen Wiedervereinigung liegt. Weiss’ Schaffen ist äußerst vielfältig: Es gibt eben nicht nur den seit 1965 prononciert engagierten Autor, der sich vor allem als unerschütterlicher Gegner des Vietnam-Kriegs als Sozialist und Humanist bewies, sondern auch den Künstler, der in seinen frühen Prosabüchern (und seinem wenig bekannten bildnerischen und filmischen Werk) vom Surrealismus, Absurden Theater, von Psychoanalyse, am Anfang seines künstlerischen Werdegangs als Zeichner auch von einer Freundschaft mit Hermann Hesse in der Schweiz geprägt war.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-04 18:02:11
Letzte ─nderung am 2016-11-04 18:18:26



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