• vom 07.11.2016, 16:33 Uhr

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Sachbuchkritik

Die Anatomie der Wölfin




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Von Edwin Baumgartner

  • Die britische Historikerin Mary Beard erzählt eine revolutionäre Geschichte des Römischen Reichs der Antike.


© wikipedia/Jastrow © wikipedia/Jastrow

Cicero heiratet. Dass er sich gerade scheiden hatte lassen - gut, das soll in den nobelsten Häusern vorkommen. Aber seine neue Frau... Sofern man sie überhaupt schon als Frau bezeichnen konnte, Publilia mit ihren 15 Jahren. Cicero war rund 45 Jahre älter.

Wie alt waren die Frauen oder Mädchen der römischen Antike eigentlich, als sie heiraten durften (oder mussten)? Vierzehn oder fünfzehn Jahre für die erste Ehe war normal, mit zehn oder elf waren sie jung, aber nicht zu jung für die Ehe. Ob es auch zum Vollzug kam, "ist eine heikle Frage, die sich nicht beantworten lässt", konstatiert Mary Beard in ihrem Buch "SPQR - die tausendjährige Geschichte Roms". In ihm hat sie für die nächste Zeit die römische Geschichte weggeschrieben.


Exponierte Positionen

Rom-Spezialistin: Historikerin Mary Beard.

Rom-Spezialistin: Historikerin Mary Beard.© reuters/Eloy Alonso Rom-Spezialistin: Historikerin Mary Beard.© reuters/Eloy Alonso

Es genügt, der 1955 geborenen britischen Althistorikerin auf einem Foto ins Gesicht zu blicken, um zu wissen, dass Witz und Weisheit selten eine vollkommenere Verbindung eingingen. Eines ihrer wichtigsten Bücher verfasste sie (folgerichtig, möchte man sagen) über den Humor der römischen Antike. In der BBC-Serie "Meet the Romans" radelt sie zu den Schauplätzen der Doku und signalisiert so glaubhaft, dass selbst ihre Professur am Newnham College in Cambridge keinen hochakademischen Dünkel bei ihr ausgelöst hat. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center löste sie mit ihrer Stellungnahme, die USA seien durch ihre Außenpolitik mitverantwortlich am Terror, wütende Reaktionen aus. Aber die waren nichts im Vergleich zu den Beschimpfungen, die sie auf sich zog, nachdem sie in der Fernsehserie "Question Time" 2013 positiv die Beiträge der Immigranten zur britischen Gesellschaft hervorhob. Auf dem Video-Portal YouTube kann man sie in einer Debatte zum Thema "Greece vs Rome" (Griechenland gegen Rom) erleben, in der sie den profunden Antike-Kenner und Athen-Apologeten Boris Johnson, hierzulande eher bekannt als Brexit-Politiker, mit Witz und Wissen niederringt. Akademische Kreise anerkennen Mary Beards Kompetenz rückhaltlos, einige Kollegen, etwa der Tübinger Archäologe Manuel Flecker, benörgeln freilich auch, dass sie mit Seitenhieben auf andere Forscher ihre eigene Deutungshoheit in Sachen römische Antike sichern wolle.

Feldstecher der Historikerin
Vielleicht wird man ihr auch vorwerfen, wie sie römische Geschichte schreibt: Der Tonfall der gelehrten Abhandlung ist das nicht. Mary Beards Stil ist bewunderungswürdig leicht und klar. Aus dem Dunkel der Gründungslegenden und der Königszeit entwickelt sie die Grundschwingung Roms. Dann wieder holt sie, in geschichtlich fassbarer Zeit, fast im Plauderton, Einzelereignisse wie mit dem Feldstecher heran und untersucht sie in allen Facetten: War Catilina der Desperado, als den ihn Cicero hinstellt? Weshalb legte man Caesars Einstellung, Gegnern zu verzeihen, gegen ihn aus? Darf man Geschichte so - paradox gesagt - erzählerisch erzählen? Mary Beards Arbeit ist ein triumphales Ja, das für den Leser den größtmöglichen Lustgewinn bedeutet.

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Schlagwörter

Sachbuchkritik, Mary Beard, SPQR

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Dokument erstellt am 2016-11-07 16:38:08



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