• vom 08.11.2016, 21:59 Uhr

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Update: 08.11.2016, 22:26 Uhr

Buchpreis

Das Wunder der Blumen




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Von Edwin Baumgartner

  • Friederike Mayröcker gewinnt mit "fleurs" den ersten Österreichischen Buchpreis.

Überschreibt die Welt mit Poesie: Friederike Mayröcker.

Überschreibt die Welt mit Poesie: Friederike Mayröcker.© Apa/Neubauer Überschreibt die Welt mit Poesie: Friederike Mayröcker.© Apa/Neubauer

Wien. "Für ein faszinierend freies Spiel der Worte und Assoziationen, für ein Gedankenstöbern, das auf fast schon verstörende Weise wunderschön und gelungen ist" verlieh die Jury den ersten Österreichischen Buchpreis an Friederike Mayröcker für "fleurs".

Hat Friederike Mayröcker jemals erzählt? - Also "erzählt" im Sinne von "eine Handlung berichtet"? Selbst in ihrer Prosa ist die Doyenne der österreichischen Literatur immer Dichterin geblieben. Allenfalls arrangierte sich die Flut der Bilder im Kopf des Lesers zum Eindruck eines Vorgangs. "fleurs" ist der letzte Teil der Trilogie, die Friederike Mayröcker 2013 mit "études" begann und im Jahr darauf mit "cahiers" fortsetzte.


"fleurs" ist autobiografische Prosa. Damit ist die Schublade bedient, schließlich will der potenzielle Leser wissen, womit er es zu tun bekommt. Dennoch zögert die Hand, wenn sie den Band mit seinen 150 Seiten dicken Papiers zwischen zwei Pappdeckeln mit gerade einmal einer Vorsatz- und einer Nachsatzseite, beide in schwarz, hineinlegen will. Treffen mit Schriftstellerkollegen? Auseinandersetzungen mit dem Verlag? Anekdotisches?

Sinnliche Klarheit
Nichts davon. Statt dessen: "Wir telefonierten meistens am Morgen (aber mit Händen voller Blumen, JD), ich will dann immer etwas erfahren von dir aber du sagst, ich kann dir nichts erzählen am Morgen ich habe noch nichts erlebt!"

Das ist die Kunst der Friederike Mayröcker. Die sinnliche Klarheit ihrer Sprache, das präzise gesetzte Reizwort, die Verknappung. Ein einziges Wort weggelassen aus diesem Satz, ein einziges Satzzeichen, nach dem die Grammatik verlangt, hinzugefügt, und seine Schönheit ginge verloren.

Die Germanisten haben Friederike Mayröcker immer wieder in die "experimentelle Literatur" eingeordnet (da ist sie wieder, die Schublade). Gewiss: Wenn sich die Literatur nur auf die Pole "traditionell" und "experimentell" beschränkte, dann stünde Friederike Mayröcker im Lager der Experimentellen. Doch die Verkopfung der Experimentellen, ihre Entsinnlichung der Sprache, ihre Zertrümmerungen von Wort und Satz, hat die Mayröcker nie mitvollzogen. Im Gegenteil hat sie die Sprache mit Sinnlichkeit aufgeladen, eine poetische Landschaft entworfen, die der Leser durchstreift, in der er sich sowohl verlieren als auch wiederfinden kann.

Friederike Mayröcker nähert sich ihrem 92. Geburtstag (20. Dezember). Tagelang bleibt die Dichterin in der Zettelwerkstatt ihrer Wohnung in der Wiener Zentagasse und überschreibt die reale Welt draußen mit ihrer Poesie. "fleurs" ist der dritte Teil ihres langen, unendlich schönen und unendlich berührenden Ausklingenlassen eines Dichterlebens. "geh ein in die Nacht / geh ein in den Schlaf" wisperte Friederike Mayröcker 1951 eindringlich in einem der schönsten Gedichte, das jemals geschrieben wurde. In "fleurs" geht sie jetzt selbst ein in die Sprache, hellsichtig und klar, im Zustand eines Wachtraums.

Der "poetische Wahnsinn" ergreift von ihr Besitz: Namen ruft sie an, Szenen beschwört sie herauf, Beschwernisse des Alters und Splitter der Erinnerung bindet sie zur Bilanz und eines Lebens, in dem Existenz das Wort bedeutet und das Wort die Existenz: "Die innere Welt musz wieder äuszere Welt werden = das Gedicht." Überschlagende Bilder, ineinandergeschoben, Grammatik und Syntax zurücklassend, und doch mit Sinn aufgeladen, eilend alles sagen, was noch gesagt sein muss: "HASE! HASE! Suche Praktikerin nicht Wolkenfrau, weiszt du, 1 Hauch v.Rose, Flügel v.Sommers Ende, flamme ich flehe ich dich Allee v.Apfelbäumchen sausen mir." In der Ekstase der dichterischen Schau ist sie immer wieder ganz nahe der Sappho: "hinweggeweht, bin Akelei, sagst du, ich lasse mich treiben, bin ausgelöscht, bin androgyn, bin ,Post der Traurigkeit‘, das Weinen als Sprache."

Schmusende Heckenrosen
Und immer die Blumen: "schmusend wie Heckenrosen habe gesponnen, durchs Blut der erdbeeren mit ockerfarbenem Fusze streifend : fuchsend : schwärmend (es war das Blut der Erdbeere das meinen Fusz färbte)". Fast scheint es, als schreibt Friederike Mayröcker ein Blumenwunder mit Schmerz und Schönheit herbei. Es ist das herrlichste Wunder von allen. Wir dürfen Zeuge sein.

Das wurde nun mit dem mit 20.000 Euro dotierten neuen Österreichischen Buchpreis gewürdigt, den Kulturminister Thomas Drozda am Dienstag Abend zur Eröffnung der BuchWien vergeben hat. In der mit 10.000 Euro dotierten Kategorie Debütpreis siegte Friederike Gösweiner mit "Traurige Freiheit".

Friederike Mayröcker: "fleurs"

Suhrkamp, Berlin 2016, 150 Seiten

23,60 Euro




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-08 22:02:05
Letzte ─nderung am 2016-11-08 22:26:25



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