• vom 09.11.2016, 15:53 Uhr

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Update: 09.11.2016, 16:05 Uhr

Türkei

"Eine Gesellschaft der Angst"




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Von Luitgard Koch

  • Die Autorin Esmahan Aykol über ihre Heimatstadt Istanbul, lähmende Furcht und das Leben in einem Polizeistaat.



Esmahan Aykol: "Die Türkei steht de facto vor einem Bürgerkrieg."

Esmahan Aykol: "Die Türkei steht de facto vor einem Bürgerkrieg."© Hüseyin Özdemir Esmahan Aykol: "Die Türkei steht de facto vor einem Bürgerkrieg."© Hüseyin Özdemir

Frau in einer Männergesellschaft, eine Krimibuchhändlerin unter Polizisten, eine Deutsche in Istanbul, jüdischer Herkunft in einem muslimischen Land: Mit Kati Hirschel schuf die im türkischen Edirne geborene Autorin Esmahan Aykol eine Krimiheldin mit einigem Konfliktpotenzial. Auch in ihrem neuen Band der Reihe, "Istanbul Tango" (Diogenes), das noch vor den dramatischen Ereignissen in ihrem Geburtsland spielt, kämpft ihre wunderbar eigenwillige Protagonistin nicht nur mit der Rolle der Frau und ihrem Singledasein, sondern auch mit dem virulenten politischen Klima.

"Wiener Zeitung": Sie schrieben den ersten Szene-Roman Istanbuls, eine Liebeserklärung an die Stadt. Wie hat sich Istanbul verändert?

Esmahan Aykol: Die Stadt wirkt unheimlich ruhig. Das ist nicht die kunterbunte, fröhliche Ausgehmetropole von früher. Aber das ist Istanbul schon länger nicht mehr so richtig. Am liebsten bleiben die Menschen daheim. Die Stadt wirkt permanent bedroht. Es ist sehr bedrückend. Wir leben in einer Art chronischem Ausnahmezustand, der fast Normalität geworden ist.

Wie sehen Sie die politische Entwicklung in der Türkei?

Die Türkei steht vor einem Bürgerkrieg. In meinen Augen ist Präsident Erdogan ein Kriegsverbrecher. Er verfolgt neo-osmanische Pläne und will sich abkoppeln vom Westen, um eine eigene Allianz, eine Art asiatischen Pakt in Richtung Russland, Arabien und China gegen den nordatlantischen aufzubauen. Er will den Einfluss der USA zurückdrängen. Nicht umsonst lieferte er Waffen nach Syrien. Seine drei Söhne sind im Transportgeschäft und besitzen Reedereien.

Gibt es trotzdem Hoffnung?

Information

Ernüchternder EU-Bericht
(czar) Von Fortschritten konnte kaum die Rede sein. Als die EU-Kommission gestern, Mittwoch, in Brüssel ihre regulären Berichte über die Entwicklungen in den Beitrittskandidatenländern präsentierte, musste die Türkei mit einer negativen Beurteilung rechnen. Denn seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli ging die konservative Regierung in Ankara samt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan rigoros gegen Oppositionelle, Journalisten und Kritiker vor, denen sie Verbindungen zu den Putschisten oder zu Terrororganisationen vorwarf. Im öffentlichen Dienst, im Bildungs- und Justizbereich, in der Polizei, in Medien kam es zu Massenverhaftungen und -entlassungen. Auch gewählte Volksvertreter waren davor nicht sicher: In den vergangenen Tagen wurde fast ein Dutzend Parlamentarier der von Kurden dominierten Oppositionspartei HDP festgenommen.
All dies erfüllt die EU mit wachsender Sorge, wie es in zahlreichen Reaktionen von Unionspolitikern heißt. Und die Analyse der EU-Kommission fällt denn auch "ernüchternd" aus, meinte der für Erweiterungsverhandlungen zuständige Kommissar Johannes Hahn. Er attestierte der Türkei Rückschritte bei Rechtsstaatlichkeit und der Einhaltung von Menschenrechten. Dieser Prozess sei "leider schon seit Jahren" sichtbar, sagte Hahn und konstatierte: "Die Türkei rückt von der EU weg." Dennoch sollen die Verhandlungen über einen möglichen EU-Beitritt des Landes fortgesetzt werden. Auch die Gespräche über Visafreiheit für türkische Bürger gehen weiter.

Nein, Präsident Erdogan wird die Todesstrafe einführen. Ich habe nie geglaubt, dass unter ihm eine funktionierende Demokratie möglich ist. Seine Frau und seine Töchter tragen Kopftuch. Das ist kein Zufall. Für mich ist das Kopftuch, auch wenn immer wieder von Freiwilligkeit oder kultureller Identität gesprochen wird, ein Zeichen der Unterdrückung. Gleich zu Beginn seiner Regierungszeit verkündete er in einer Rede, dass jede Frau drei Kinder gebären müsse. Das erinnert mich an Hitler und sein Mutterkreuz.

In den 1920er Jahren reformierte Mustafa Kemal, genannt Atatürk, die Türkei, um einen modernen, säkularen Staat zu schaffen. Ist sein Werk nun gescheitert?

Das war von Anfang an ein wunderbarer Traum. Sein Konzept blieb nur oberflächlich. Es ist nie ganz bei der breiten Masse der Bevölkerung angekommen. Das Bildungssystem hat das Volk nicht erreicht. Es ging nur mit Druck von oben. Schon die Versuche, eine Oppositionspartei zuzulassen, die 1925 und 1930 von Atatürk gemacht wurden, scheiterten.

Ängstigt Sie die aktuelle Lage?

Ja, das Regime schnürt einem die Luft zum Atmen ab. Trotzdem versuche ich, mich nicht von meiner Furcht lähmen zu lassen, und beteilige mich an Protesten. Die Türkei ist eine Gesellschaft der Angst geworden. Diejenigen, die das Land verlassen können, tun es. Ein schwuler Freund von mir, ein Künstler, hat in Kanada Asyl gesucht. Eine Freundin, Journalistin und alleinerziehende Mutter, floh nach London. Eine andere wohnt in Wien. Ich habe nur zwei Freunde, die nicht das Land verlassen haben. Auch ich weiß nicht, wie lange ich noch bleiben kann.

In Ihren Krimis schwingt immer Kritik an den politischen Zuständen in der Türkei mit. Wurden Sie deshalb jemals bedroht?

Nein, bisher noch nicht. "Istanbul Tango" ist in der Türkei freilich schon 2012 erschienen. Aber ich rechne damit beim nächsten Roman, den ich gerade schreibe. Aber die Stellung der Frau, vor allem als Alleinlebende, wird zunehmend schwieriger. Als Frau fühle ich mich mittlerweile sehr unsicher in Istanbul. Ich gehe nachts nicht mehr alleine aus dem Haus und vermeide es, zu lange abends unterwegs zu sein. Es ist eine Gesellschaft der Gewalt geworden. Das ist natürlich für Frauen sehr gefährlich. Wenn Gesellschaften religiös fanatischer werden, verlieren Frauen eindeutig mehr als Männer. Wir Schriftsteller müssen über alles schreiben, was in der Türkei passiert. Wir schulden das den Leuten, die täglich ums Leben kommen. Die Romane, die heute in der Türkei gelesen werden, sind allerdings hauptsächlich kitschige Romane über göttliche Liebe oder über osmanische Sultane.

In Ihrem Roman geht es um einen Militärputsch, und zwar 1976 in Argentinien. Die Realität hat Sie nun eingeholt. Wie haben Sie den Putsch in der Türkei erlebt?

Es war wie in einem Horrorfilm, einfach schrecklich. Ich konnte danach wochenlang nicht schlafen. Ich war traumatisiert und hatte Angst, allein zuhause zu bleiben. Ich bin zu einem Freund gegangen. Die Nacht des Putschversuchs war total düster. Kampfjets flogen über unseren Köpfen. Das Parlament wurde bombardiert. Tagelang gab es Dschihad-Rufe aus den Moscheen.

Sie haben lange in Berlin gelebt, haben einen deutschen Pass, haben sich aber dann doch für Istanbul entschieden. Warum?

Für meine Romane schien mir die politische Lage sehr wichtig. Ich empfinde meine Bücher zu einem Teil als eine Art Dokumentation über Istanbul. Die Stadt ist auf jeden Fall eine Hauptfigur.


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Schlagwörter

Türkei, Interview, Esmahan Aykol

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-09 15:56:12
Letzte ─nderung am 2016-11-09 16:05:46



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