• vom 13.11.2016, 15:00 Uhr

Autoren


Literatur

Geknechtet und verraten




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Piotr Dobrowolski

  • Vor 100 Jahren starb der polnische Literaturnobelpreisträger Henryk Sienkiewicz. Sein umfangreiches Werk prägt Polens Geschichtsverständnis - und spielt den National-Konservativen in die Hände.

Henryk Sienkiewicz (1846-1916), porträtiert von Kazimierz Pochwalski.

Henryk Sienkiewicz (1846-1916), porträtiert von Kazimierz Pochwalski.© Wikimedia/gemeinfrei Henryk Sienkiewicz (1846-1916), porträtiert von Kazimierz Pochwalski.© Wikimedia/gemeinfrei

Die Vorstellung, Literatur könne als Schlüssel zum Verständnis aktueller politischer Probleme dienen, ist gefährlich. Zu leicht führt sie in die Versuchung, sich bei James Joyce über Dinge informieren zu wollen, über die ein Dublin-Reiseführer doch besser Bescheid weiß.

Zum hundertsten Todestag des polnischen Autors und Literaturnobelpreisträgers Henryk Sien-kiewicz darf dennoch die These gewagt werden: Wer Polen und seine eigentümlichen nationalen Befindlichkeiten verstehen will, kann aus dem Werk des am 15. November 1916 Verstorbenen jede Menge an Erkenntnis gewinnen.


Zum Beispiel aus "Quo Vadis", dem 1896 veröffentlichten und Jahrzehnte später mit Peter Ustinov und Robert Taylor verfilmten Monumental-Roman. Anders als im Westen, wo der Text vor allem als eine wendungsreiche Liebesgeschichte zwischen der Christin Lygia und dem jungen Patrizier Marcus Vinicius gelesen wurde, gilt das Werk in der innerpolnischen Wahrnehmung bis heute primär als ein nationales Erbauungsepos - als eine Allegorie auf das zum Zeitpunkt der Erscheinung von Russland, Preußen und Österreich besetzte, unfreie Polen.

Lygia, eine Vertreterin der unter Nero brutal verfolgten Christen, wird in dieser Lesart gleichgesetzt mit der katholischen polnischen Nation, die ebenso brutal unterdrückt wird wie Roms Christen von Nero.

Moralisch überlegen
Ähnlich werden auch die anderen Schlüsselwerke des Autors interpretiert, etwa die in Polen bis heute ungemein populäre "Trilogie", eine Abfolge der Romane "Mit Feuer und Schwert" (1884), "Die Sintflut" (1886) und "Herr Woodyjowski" (1888). Ihre Geschichte spielt im 17. Jahrhundert und behandelt pro Band einen militärischen Konflikt, an dem Polen beteiligt war: die Kosakenaufstände, den zweiten Nordischen Krieg und den Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Polen und der Türkei.

Parallel zu den historischen Ereignissen treibt in jedem Band aber auch eine Liebesgeschichte die Handlung voran, die stets dem gleichen Muster folgt: eine edle und begehrenswerte Frau steht zwischen zwei Männern, einem aufrechten polnischen Offizier und einem Verräter, der mit den Feinden Polens kooperiert. Natürlich bleibt dabei der Offizier immer zumindest der moralische Sieger. Als Sienkiewicz die Trilogie im ausgehenden 19. Jahrhundert veröffentlichte, war die Quintessenz einer solchen Darstellung für jeden halbwegs gebildeten Polen leicht zu entschlüsseln: Weder Verrat noch Unterdrückung kann wahren Polen ihre moralische Überlegenheit nehmen, noch den Glauben daran, dass der nicht existierende polnische Staat eines Tages wiederauferstehen wird.

Noch stärker tritt das aus der Not geborene Gefühl der moralischen Überlegenheit in den "Kreuzrittern" (1900) zutage. Wieder haben wir es mit einem Liebesroman zu tun, und wieder bildet die Historie einen bedeutungsschweren Hintergrund: Die weibliche Hauptfigur, Danusia, wird vom Deutschen Orden entführt, weil ihr Vater, Jurand, gegen den Orden und für die polnische Nation kämpft. Der junge Held Zbyszko, der sich in Danusia verliebt hat, unternimmt alles, um sie zu befreien. Als es aber so weit ist, stirbt die entkräftete Danusia auf dem Weg zurück in die Heimat. Immer wieder berichtet der Roman auch von den Grausamkeiten des Deutschen Ordens, etwa als geschildert wird, wie die Ordensritter Jurand blenden, misshandeln und ihm bei lebendigem Leib die Zunge aus dem Leib reißen.

Heute sind viele der stereotyp negativen Charakterzüge, die Sienkiewicz seinen deutschen Kreuzritter-Figuren zuschreibt, kaum noch lesbar. Als er den Roman unter dem Eindruck der brutalen Germanisierungswelle in den damals deutsch besetzten Gebieten Polens schrieb, traf er damit allerdings die Stimmung unter seinen Landsleuten ziemlich genau. Dass er mit den "Kreuzrittern" überdies die deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs gewissermaßen schreibend-symbolisch vorwegnahm, konnte der 1916 Gestorbene nicht wissen.

Während des Kriegs und auch lange danach wurde sein Roman in Polen sehr stark in diese Richtung rezipiert. Nach Kriegsende war er daher auch das erste Buch, das im befreiten Polen erschien. Und über Jahrzehnte diente er als ein wichtiger Abgrenzungstext gegenüber der vielfach als Nachfolgestaat von Nazi-Deutschland empfundenen Bundesrepublik.

Inzwischen schreiben wir das 21. Jahrhundert, Polen ist ein freier Staat, Deutschland kein Feind mehr. Und doch beherrscht das Narrativ von der geknechteten polnischen Nation, die um ihre Freiheit kämpfen muss, noch die national-konservative Propaganda im Land. Denn Polens National-Konservative sehen die Landesgeschichte ab dem späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart als ein fast ununterbrochenes Kontinuum der Unterdrückung.

In dieser Sichtweise folgt, was historisch auch korrekt ist, auf die Teilungen Polens schon bald die noch schlimmere Besatzung durch Hitlerdeutschland, die dann aber nicht mit einer Befreiung im Jahr 1945 endet, sondern quasi übergangslos in eine jahrzehntelange De-Facto-Besatzung durch die Sowjetunion mündet. Dass das kommunistische Volkspolen zwischen 1945 und 1989 zwar ein totalitärer und von den Sowjets abhängiger, aber doch souveräner Staat war, blenden die National-Konservativen völlig aus. Und auch die Zeit nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 gilt ihnen nicht als ein Übergang zu Freiheit und Demokratie, sondern als eine weitere Episode der Unterjochung: Nach Hitler und Stalin, so die Darstellung, regieren nun die internationalen Finanzinstitutionen das Land. Wieder ist die Nation bedroht, wieder muss sie um ihr Überleben kämpfen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-10 17:44:05



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Experiment in Entschleunigung
  2. vergleiche
  3. Ein Chor Heimatloser
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. "Das sind gefährliche Mythen"
  3. Ein Chor Heimatloser

Werbung





Werbung


Werbung