• vom 11.11.2016, 19:46 Uhr

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Update: 11.11.2016, 19:47 Uhr

Nachruf

Schnell, solange du noch tot bist




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Von Christina Böck

  • Ilse Aichinger, eine der wichtigsten Vertreterinnen der österreichischen Nachkriegsliteratur, ist gestorben.

"Man überlebt nicht alles, was man überlebt": Ilse Aichinger auf einem Foto aus dem Jahr 2006. - © Anita Schiffer - Fuchs / Interfoto / picturedesk

"Man überlebt nicht alles, was man überlebt": Ilse Aichinger auf einem Foto aus dem Jahr 2006. © Anita Schiffer - Fuchs / Interfoto / picturedesk

"Die Spatzen schreien fröhlich. Sie wissen nicht, dass es verboten ist, die Toten zu erwecken. Der junge Mann geht vor deinem Sarg her(...) Sie tragen dich ins Haus und die Stiegen hinauf. Du wirst aus dem Sarg gehoben. Dein Bett ist frisch gerichtet. Und sie werden dich waschen und deine Hemden wechseln, und einer von ihnen wird sich schnell über dein Herz beugen, schnell, solang du noch tot bist. (...) Geh nach Hause! Und leg dich in dein eigenes Bett zurück."

Das ist ein Ausschnitt aus dem Beginn der "Spiegelgeschichte" von Ilse Aichinger. Mit dieser Kurzgeschichte, in der Aichinger das Leben einer Frau rückwärts erzählt, vom Sterbebett bis zur Wiege, gelang der Schriftstellerin 1952 der Durchbruch. Die Gruppe47 - jenes Bündnis, das sich in den Nachkriegsjahren der Entdeckung junger literarischer Talente verschrieb - verlieh ihr für diesen Text den Preis der Gruppe. Es ist eine Geschichte, die vor ungewohnt üppiger Symbolik flirrt, eine Geschichte, die in ihren höchstens acht Minuten Lesezeit die ganze Wucht eines Lebens aufprallen lässt. Selten zuvor und selten danach wurde der Verlust der Sprache mit den Mitteln der Sprache so berührend und nachvollziehbar beschrieben.


Mut und Angst
Nun ist Ilse Aichinger nur ein paar Tage nach ihrem 95. Geburtstag gestorben. Bereits in einem Interview im Jahr 1996 hatte sie auf die Frage, was sie sich von der Zukunft wünscht, geantwortet: "Dass meine Zukunft nicht mehr lange dauert."

Geboren wurde Ilse Aichinger mit ihrer Zwillingsschwester Helga am 1. November 1921 als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien. Ihre Eltern ließen sich früh scheiden, sie verbrachte einen Teil ihrer Kindheit bei der Großmutter. Das letze Mal sah sie diese Großmutter in einem Lastwagen am Schwedenplatz, der sie in ein Konzentrationslager bringen sollte. Aichinger selbst überlebte den Krieg mit ihrer Mutter gerade so in einem kleinen Zimmer. Die Zeit des Krieges hat Aichinger in ihrem einzigen Roman "Die größere Hoffnung" verarbeitet. Da erzählt sie das Schicksal einer Gruppe jüdischer Kinder in Wien. Der Roman ist ein Bekenntnis zu einem Glauben daran, dass das Leiden des Menschen nicht vergeblich ist, ein Appell, Mut und Angst nicht auseinanderzudividieren. In einem Interview mit der "Zeit" sagte sie einmal: "Der Krieg war meine glücklichste Zeit. Die Kriegszeit war voller Hoffnung. Der Krieg hat die Dinge erklärt." Der Roman, den Aichinger bereits 1942 begonnen hat und der 1948 erschien, war zu jener Zeit naturgemäß kein großer Erfolg. Zu nahe waren noch die geschilderten Ereignisse. Heute zählt er zu den wichtigsten Werken der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Assoziationskraft
Eigentlich wollte Aichinger ja Ärztin werden, jedoch hinderten sie erst die Rassegesetze der Nazis an einem Medizinstudium und danach ihre "Ungeschicklichkeit". Sie arbeitete stattdessen als Lektorin beim S. Fischer Verlag in Frankfurt und an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. 1953 heiratete sie den Schriftsteller Günter Eich, mit dem sie einen Sohn und eine Tochter hatte. Die Familie lebte in Bayern, seit 1988 lebte Aichinger wieder in Wien.

Stilistisch entfernte sich die Dichterin immer mehr von konventionellen kausalen Zusammenhängen und gab der Sprache und ihrer Assoziationskraft mehr Raum. Mit Erzählungen wie "Eliza Eliza" oder "Rede unter dem Galgen", ihren Gedichten wie "Verschenkter Rat" und ihren Hörspielen wie "Auckland" sowie den Dialogen "Zu keiner Stunde" hat Aichinger ein zeitlos-poetisches, in seiner Präzision glasklar klirrendes Werk hinterlassen. Dafür wurde sie mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Anton-Wildgans-Preis (1968), dem Petrarca-Preis (1982) und dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (1995).

"Man überlebt nicht alles, was man überlebt", schrieb sie einmal. Der Tod war ein freundlicher Begleiter der Schriftstellerin, in vielen Gesprächen und Interviews hat sie sich immer wieder mit ihm beschäftigt. "Das Sterben war früher auch nicht besser, die Auffassung vom Sterben war anders. Es war kein Misserfolg. Es war eine Art Heimkehr", sagte sie einmal. Und: "Gute Literatur ist mit dem Tod identisch."

Und doch war es das Schreiben, das das Leben der Ilse Aichinger gerettet hat. Zum großen Glück der österreichischen Literatur. "Schreiben hat mir ermöglicht, auf der Welt zu bleiben. Ich glaube, dass ich es nötig gehabt habe, sonst hätte ich es nicht getan."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-11 18:11:06
Letzte ─nderung am 2016-11-11 19:47:17



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