• vom 20.11.2016, 16:00 Uhr

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Vergessene Literatur

Der kaiserliche Musikmatrose




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Von Gerhard Strejcek

  • Bohuslav Kokoschka war der jüngere Bruder des berühmten Malers Oskar Kokoschka. Eine Neuauflage seines Romans "Ketten ins Meer" erinnert an diesen vielseitig begabten Grafiker, Musiker und Autor.



Bohuslav Kokoschka (1892-1976), aufgenommen im Jahr 1970 von Otto Breicha.

Bohuslav Kokoschka (1892-1976), aufgenommen im Jahr 1970 von Otto Breicha.© Imagno/picturedesk.com Bohuslav Kokoschka (1892-1976), aufgenommen im Jahr 1970 von Otto Breicha.© Imagno/picturedesk.com

Oskar Kokoschkas Bruder Bohuslav musste im Herbst 1914 zur Kriegsmarine einrücken. Die Mutter war in Sorge, denn beide Brüder dienten nun ihrem obersten Kriegsherrn, dem greisen Kaiser Franz Joseph I. und seinen Generälen sowie Admirälen. Eine zeitgenössische Fotografie zeigt Oskar Kokoschka in der schmucken Uniform des Einjährig-Freiwilligen mit dem Tschako der k.u.k. Armee, dem Säbel und einem Orden an der hoch aufgeschlossenen Offiziersjacke; daneben lehnt der ebenso schlanke Bruder Bohuslav in seiner bescheidenen Matrosenmontur mit einem malignen Lächeln.

Dank der Protektion von Mentor Adolf Loos konnte Oskar, der Ältere, seinem Ego und Ansehen gemäß in ein vornehmes Kavallerieregiment eintreten; Bohuslav wurde hingegen, obwohl er keine musikalische Ausbildung hatte, als Musikmatrose eingezogen.

Vermutlich hoffte die Familie, dass die Kriegsflotte erst gar nicht aus dem Hafen in Pula auslaufen würde. Oskar Kokoschka hingegen kam an der galizischen Front zum Handkuss. Wie wir auch aus Heimito von Doderers Biografie wissen, war der Kriegseinsatz der österreichischen Kavallerie verlustreich und voller Enttäuschungen. Die Stockerauer und Breitenseeer 3er-Dragoner erwarteten sich Orden und Heldentaten, doch zumeist wurden ihre edlen Pferde gar nicht par force geritten, sondern als Zugtiere beschlagnahmt oder als Kanonenfutter bei sinnlosen Angriffen auf Schützengräben eingesetzt.



Bei einem solchen Angriff an der Ostfront erlitt Oskar Kokoschka einen Bajonettstich in die Lunge und eine gefährliche Schussverletzung; sein Bruder Bohuslav aber blieb unversehrt, wenn er auch viele unleidliche Stunden im Arrest des Küstenlandes verbringen musste.

Seine Erlebnisse brachte er sukzessive zu Papier, wobei der vor hundert Jahren begonnene, autobiografisch inspirierte Roman "Ketten ins Meer" erst langsam ausreifte und spät einen Verleger fand.

Information

Bohuslav Kokoschka: Ketten ins Meer. Roman. Nachwort von Adolf Opel. Edition Atelier, Wien 2016, 341 Seiten, 25.- Euro.

Das Buch wird am 6. Dezember um 19.00 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Herrengasse 5,1010 Wien, präsentiert.

Der Roman als Logbuch

Erstmals erschien der Roman 1972 unter dem Titel "Das Logbuch des Bohuslav Kokoschka", den der Verleger gegen den Willen des Autors durchgesetzt hatte. Zweifellos sollte hier der Werbe-Effekt des berühmteren älteren Bruders genutzt werden, denn der Familienname ist selten, sodass sofort die zutreffende Assoziation beim Kunden entsteht. So weit die naheliegende Reklameversion.

Fairerweise muss aber gesagt werden, dass die Bezeichnung "Logbuch" das Genre dieses opus magnum durchaus treffend umschrieb. Hingegen weckt der Originaltitel Erinnerungen an expressionistische Werke wie "Tiere in Ketten" (Ernst Weiß), wo es um Prostitution und Menschenhandel geht.

In der Tat verbindet man Ketten eher mit Alcatraz oder dem Bundeswappen, russischen Strafprozessen oder Bärenfesseln als mit der Befestigung eines Ankers. Bohuslav, der Sturschädel, wollte indes nicht nur das Rasseln der Ankerwinde phonetisch in Erinnerung rufen, sondern metaphorisch die Befreiung von den Ketten anklingen lassen: "Ketten in das Meer! Wort Freiheit braus‘ in das Gehör, Lied steig’ auf zur Sonne", so zitiert der Kulturpublizist und Herausgeber Adolf Opel am Ende seines Nachworts die Meuterer von Cattaro, deren Elan Kokoschka angesteckt hat.

Bohuslav Kokoschka litt nicht nur unter dem Dunkelarrest der Marinezeit, sondern auch unter jenen der Demütigungen, die ihm 1939 die Gestapo für sein beharrliches Schweigen über den Aufenthaltsort des als "entartet" diffamierten Bruders zufügte. Dem Latrinenputzen in Wiener Kasernen konnte er sich während der NS-Herrschaft durch eine Einberufung zum ländlichen Arbeitsdienst entziehen, aber den fein gewobenen, familiären Banden nicht. Dazu trat die Last, welche ein begonnener, aber nicht vollendeter Roman bedeutet. Nachdem das bereits um 1916 begonnene Prosawerk vor rund fünfzig Jahren vollendet war, fristete es ein Schattendasein als Ladenhüter.

Bruder als Vormund

Die Bemühungen Oskar Kokoschkas um die Publikation des Romans waren symptomatisch für das diffizile Verhältnis der Geschwister zueinander. Frühzeitig übernahm der Erstgeborene statt Vater Gustav die Rolle des pater familias, kümmerte sich um die minderjährige Schwester Berta und um die Mutter, als deren Betreuer er den jüngeren Bruder bestimmte. Als die Mutter 1934 verstarb, äußerte sich Oskar höchst besorgt, was nun aus Bohuslav werden sollte.

Eines jedenfalls wollte er nicht: Dass der nunmehr von Verpflichtungen enthobene Bruder womöglich in seine Fußstapfen trat. Oskar hätte es gar nicht ins Karriere-Konzept gepasst, wenn auch ein Kokoschka II als Maler und Schriftsteller Furore gemacht hätte.

In ambivalenter Weise zeigt sich das brüderliche Verhältnis in den Briefen, die Adolf Opel im Nachwort zum Roman zitiert. Einerseits sind die Episteln als eine Abfolge von "väterlichen" Ratschlägen zu deuten. Andererseits tritt zwischen den Zeilen auch die exzentrisch-egomanische Art des älteren Bruders zutage. Aus dem Lazarett schrieb Oskar, selbst dem Tod nahe, rührende Briefe, dass sich das "Kind" (gemeint: Bohuslav) schonen sollte. Statt Kaffee und Zigaretten verpasste der fürsorgliche Oskar dem 25-jährigen warmen Kakao. Nach dem Kriegsende aber gab er Befehle, äußerte Unverständnis über die Ambitionen von Bohuslav, der seine eigenen Werke nach Vorbild OKs in der Galerie Miethke um 1920 ausstellte. Unbewusst presste er den Jüngeren in den familiären Glassturz, wo er möglichst l‘art pour l‘art betreiben und unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle bleiben sollte.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-17 16:56:08
Letzte ─nderung am 2016-11-17 18:31:31



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