• vom 19.11.2016, 09:00 Uhr

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Abenteuerliteratur

Naturbursch mit Schreibfeder




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Von Oliver vom Hove

  • Vor hundert Jahren starb der VielschreiberJack London. Ein neue Biographie schildert sein abenteuerliches Leben, und ein Terroristen-Roman aus seinem Nachlass erweist sich als aufregend aktuell.



Jack London (1908).

Jack London (1908).© Aus Alfred Hornung: "Jack London"/Lambert Schneider Jack London (1908).© Aus Alfred Hornung: "Jack London"/Lambert Schneider

Sein Ruhm segelt mit ihm weiter, auch hundert Jahre nach seinem Tod. Dieser Weltruhm gründet sich bis heute vorwiegend auf drei Romane, die ihrem Autor gleich nach ihrem Erscheinen Bestseller-Erfolge eintrugen: "Ruf der Wildnis", "Der Seewolf" und "Wolfsblut". Nahezu jede Generation von Lesern - und in ihrem Gefolge auch von Filmschaffenden - stürzte sich im vergangenen Jahrhundert auf diese Verherrlichungen einer rauen Natur und deren Beherrschung durch harte Männlichkeit.

Doch Jack London, dieser Tausendsassa unter den vielen Abenteurern der amerikanischen Literatur, hat in seinem kurzen Leben einige Dutzend weitere Bücher geschrieben, dazu eine Menge Kurzgeschichten und Zeitungsartikel. Und dies alles, obwohl er nach einer abgebrochenen Schulausbildung anfangs des Lesens und Schreibens kaum kundig war.

Geboren wurde dieser spätere Autodidakt 1876 als unehelicher Sohn eines obskuren Wanderpredigers und Spiritisten namens William Henry Chaney und der Bürgerstochter Flora Wellman. Der unstete Vagabund Chaney hatte von Flora die Abtreibung des Kindes verlangt. Nach ihrer Weigerung hatte er die Schwangere aus dem Haus gejagt, worauf sie einen Versuch unternahm, sich in den Kopf zu schießen.

Noch im selben Jahr heiratete Flora Wellman den Nähmaschinenverkäufer John London, der das Kleinkind adoptierte. Seither trug Jack den Familiennamen des Stiefvaters und musste mit den Eltern in Kalifornien ein von Armut geplagtes Leben zwischen Kleinstädten und Farmen teilen.

Später wohnte man in Oakland. Dort nahm sich die ehemalige Sklavin Virginia Prentiss als Ziehmutter fürsorglich des Halbwüchsigen an. Nachdem John London als Kriegsinvalider arbeitsunfähig wurde, war der elfjährige Knabe dazu angehalten, als Zeitungsverkäufer, Wirtshausgehilfe und Arbeiter in einer Fabrik zum Familieneinkommen beizutragen.

"Frisco-Kid"

Mit 15 riss der junge Jack von zu Hause aus und versuchte sich als Austernräuber (genannt "Frisco-Kid") in der Bucht von San Francisco über Wasser zu halten. Er durchstreifte als Tramp halb Amerika und Kanada, fuhr als Robbenjäger bis nach Japan zur See und schloss sich schließlich völlig ergebnislos den Goldsuchern auf ihrem harten Weg nach Klondike in Alaska an.



Einer solch zerklüfteten Kindheit und Jugend zu entfliehen, wurde früh eine wichtige Antriebskraft für seine leidenschaftliche Hinwendung zum Lesen und später zum eigenen Schreiben. In Oakland hatte eine Bibliothekarin seinen Lesehunger erkannt und ihn fachkundig beraten. Nach seiner Rückkehr aus Kanada 1897 begann er, den vielen Geschichten der Goldgräber, die ihm zu Ohren gekommen waren, als Erzähler eine passende Gestalt zu geben. Er hatte schlagenden Erfolg und schob gleich weitere Romane und Erzählungen über das todesmutige Ringen kühner Haudegen mit einer wilden, ungebändigten Natur nach.

Information

Neu erschienene Bücher

Alfred Hornung: Jack London. Abenteuer des Lebens.Eine Biographie. Verlag Lambert Schneider, Darmstadt 2016, 320 Seiten, 25,70 Euro.

Jack London:Mord auf Bestellung.Ein Agententhriller. Vervollständigt von Robert L. Fish. Übersetzt von Eike Schönfeld. Nachwort von Freddy Langer. Manesse Verlag, Zürich 2016, 272 Seiten, 25,70 Euro.

Jack London:Das Haus von Mapuhi. Südseegeschichten.Hg. u. übersetzt von Andreas Nohl. C.H. Beck, München 2016, 153 Seiten, 17,50 Euro.

Jack London: Die Reise mit der Snark.Hrsg. und übersetzt von Alexander Pechmann. Mare Verlag, Hamburg 2016, 352 Seiten, 28,80 Euro.

Mit seinem erzählerischen Realismus reihte sich Jack London bei den Verfassern jener traditionellen Abenteuergeschichten ein, in denen der Held sich allein gegen eine überlegene Umwelt - Natur, Mitmenschen - stellt. Neu waren bei diesem Autor die Erfahrungsberichte aus erster Hand, die sich den anhaltenden Expeditionen des Draufgängers London verdanken. Neu war auch der sozial-darwinistische Nachdruck, mit dem hier teilweise die Aura starker Einzelner gerühmt wird, die sich im unerbittlichen Kampf als Frontmänner bei der Eroberung neuen amerikanischen Lebensraums durchzusetzen wissen.

Bewährung im Norden

Mitten in eine neuerdings zur imperialistischen Landnahme entschlossene, von starken Einwanderungswellen erfasste und darob unsicher gewordene amerikanische Nation schickte dieser Erzähler seine weit über das Alltägliche hinausgehenden Nordland-Berichte über die wagemutigen Auseinandersetzungen weißer Männer mit den extremen Bedingungen des arktischen Klimas, denkbar entfernt von allem, "was Zivilisation bedeutet". Die Leser waren fasziniert, wie London authentisches Erleben mit kernigen Durchhalteappellen inmitten einer feindlich erlebten Umwelt zu verbinden wusste.

Doch in das Hohelied von Männermut und Durchsetzungskraft mischte sich auch Zweifel an solch rücksichtslosen Eroberungs- und Bereicherungskonzepten. "Dieses Land ist nicht gemacht für weiße Menschen", lässt London in der Kurzgeschichte "Das weiße Schweigen" (1898) einen seiner Protagonisten grüblerisch sinnieren, und der Autor beschwört emphatisch die kosmische Stille, in der sich die Eindringlinge in dieser alles überragenden Wucht einer menschenfernen Natur wiederfinden: "Die Natur besitzt viele Wege, auf denen sie den Menschen von seiner Endlichkeit überzeugen kann . . . Aber das Ungeheuerlichste und Beeindruckendste ist die absolute Stille des Weißen Schweigens. Jede Bewegung erstirbt, der Himmel wird kristallklar, das leiseste Flüstern erscheint als Sakrileg, und der Mensch wird furchtsam, erschrickt vor dem Laut seiner eigenen Stimme . . . "

Die literarische Feier der Stärksten im Überlebenskampf gegen die Naturgewalten taugte nicht als Konzept für die Reportagen, die ihn in der Folge beispielsweise in die Elendsquartiere des Londoner East End trieben. Jack London hatte seine Erfahrungen als Knabe in der Konservenfabrik von Oakland nicht vergessen und war ein überzeugter Anhänger sozialistischer Ideen geworden. In dem Bericht "Volk am Abgrund" ("The People of the Abyss", 1903) prangerte er kenntnisreich die Armut und Verelendung der Massen an. Für seine Erkundungen in den Slums von Ostlondon kaufte er sich als Undercover-Reporter bei einem Trödler in Stepney einen verschlissenen Anzug und mischte sich einen Sommer lang unter die Obdachlosen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-18 16:08:07
Letzte ─nderung am 2016-11-18 16:20:55



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