• vom 22.11.2016, 18:40 Uhr

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Update: 22.11.2016, 18:58 Uhr

Interview

"Die Toleranz ist fast eine Karikatur"




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Von Christina Böck

  • Die Schriftstellerin Deborah Feldman über neues jüdisches Interesse an Europa und die Möglichkeit eines Zuhauses.

Fühlt sich politisch vereinsamt: Deborah Feldman (30).

Fühlt sich politisch vereinsamt: Deborah Feldman (30).© Mathias Bothor Fühlt sich politisch vereinsamt: Deborah Feldman (30).© Mathias Bothor

Mit ihrem Buch "Unorthodox" (Secession Verlag) hat Deborah Feldman einen vieldiskutierten Bestseller geschrieben: Sie erzählt darin von ihrem Leben in einer ultraorthodoxen, chassidischen jüdischen Gemeinde im New Yorker Hipsterviertel Williamsburg. Es war ihr nicht nur verboten, normale Kleidung zu tragen und weltliche Bücher zu lesen, sie musste nach ihrer (arrangierten) Hochzeit auch ihre Haare abrasieren und eine Perücke tragen. Sexualität war ein Tabu, die resultierenden zwischenmenschlichen Schwierigkeiten schildert Feldman schonungslos. Die Autorin hat die Gemeinde verlassen, wurde dafür von ihrer Familie verstoßen. Im darauffolgenden Buch "Exodus" berichtet sie von ihrem Leben als alleinerziehende Mutter nach ihrer Flucht. Ihr drittes Buch wird sich ihrem neuen Leben in Berlin widmen, wo sie seit zwei Jahren lebt. Die "Wiener Zeitung" traf die fließend Deutsch sprechende Schriftstellerin bei den Erich-Fried-Tagen.

"Wiener Zeitung": Wie waren die Reaktionen Ihrer Gemeinde auf Ihr Buch "Unorthodox"?


Deborah Feldman: Die Reaktion war krass, weil das erste Mal jemand wie ich aus dieser Welt so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, und das ist gefährlich für diese Gemeinschaft, denn die haben so lange so überlebt, weil sie keine Aufmerksamkeit bekommen haben. Wenn man in dieser Welt lebt, muss man sich jeden Tag rechtfertigen, warum man hier bleiben soll. Man muss überzeugt sein, dass die anderen unrecht haben, nur so kann man mit so einem Leben umgehen. Sie verfolgen mit psychologischer Bedrohung ihr Ziel, dich zum Scheitern zu bringen. Das wurde eine immer größere Last für mich. In Europa hatte ich das Gefühl, in einer anderen Zeit und in einer anderen Welt zu sein, das hat einen Puffer zwischen mir und diesem Leben geschaffen.

Sie sind von einer jüdischen Gemeinde, die den Holocaust als Strafe Gottes sieht, ausgerechnet nach Berlin gezogen. Ist das eine Botschaft?

Wenn ich nach Frankfurt gezogen wäre, schon. Aber Berlin ist in diesem Sinne nicht Deutschland, Berlin ist, was Paris in den 20er Jahren, New York in den 70er Jahren war. Berlin ist als Aggregatzustand gesehen für mich nicht fest, sondern eher ein Gas. Alles kann daraus werden. Es gehört zu niemandem und zu nichts. Das war auch immer so. Viele europäische Städte sind so steif wie Paris, die sind an der Oberfläche kosmopolitisch, aber neue Menschen bleiben immer Zugezogene. In Berlin habe ich kapiert, dass es einen Ort gibt, wo ich zuhause sein kann.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-22 15:44:06
Letzte ─nderung am 2016-11-22 18:58:43



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