• vom 25.11.2016, 16:49 Uhr

Autoren


Interview

"Es gibt keinen Seelenfrieden mehr"




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christina Böck

  • US-Schriftsteller Jeffrey Eugenides über eine unerfreuliche Zukunft und die Notwendigkeit von Heiligen.

"Die Demokraten können nicht nur Partei für trendy Themen sein": Jeffrey Eugenides.

"Die Demokraten können nicht nur Partei für trendy Themen sein": Jeffrey Eugenides.© Philipp Hutter "Die Demokraten können nicht nur Partei für trendy Themen sein": Jeffrey Eugenides.© Philipp Hutter

US-Schriftsteller Jeffrey Eugenides hat zuletzt wenige Gespräche geführt, in denen er nicht über Donald Trump reden musste. Eugenides, bekannt für seine Romane "Middlesex" und "Die Liebeshandlung", kam diese Woche zu den Erich-Fried-Tagen nach Wien. In Europa ist er übrigens lieber als in seiner Heimat. Aus politischen Gründen würde er aber nie übersiedeln - ja, auch in diesem Interview blieb Eugenides von der Trump-Thematik nicht verschont.

"Wiener Zeitung": Sie haben einen Text zur US-Wahl geschrieben, in dem Sie von der gegenwärtigen Faszination für Dystopien sprechen. Können Sie diese Beobachtung weiter ausführen?


Jeffrey Eugenides: Fast jeder neue Roman befasst sich mit einer nahen Zukunft, in der es nicht gut läuft, wo es totalitäre Staaten gibt, sogar in populären Romanen wie "Hunger Games". Geschichten, in denen die Armen gegeneinander aufgehetzt werden. Oder Bücher, die in einem Ödland spielen, wie "Die Straße" von Cormac McCarthy. Ich sehe viele Parallelen zu unserer jetzigen Situation im Spätkapitalismus. Ich frage mich, warum das gerade jetzt die Vorstellungskraft so beeinflusst. Ich schließe daraus, dass die Menschen ein Bauchgefühl haben, dass die Welt aus den Fugen gerät und dass das, was in ein paar Jahren passiert, keinesfalls gut sein wird. Es gibt überhaupt keine Utopien mehr, keine positiven Zukunftsvorstellungen. Ich habe mich gefragt, ob es dieses Bauchgefühl ist, dass die Menschen dazu gebracht hat, Trump zu wählen.

Kennen Sie die Serie "Black Mirror"? Die erzählt dystopische Geschichten, die nahe am Alltag sind und so besonders subtil verstören.

Ich habe sie bis jetzt nicht gesehen. Aber das ist genau, was ich meine: Von der Serie gibt es drei Staffeln, aber genau jetzt redet jeder darüber! Manchmal ist so etwas ein Korrektiv. Da gibt es eine Episode über die Auswirkungen unserer Technologie. Ich kenne einige Leute, die danach gesagt haben, sie werden wohl Facebook aufgeben oder das Smartphone. Vielleicht hilft es, wenn man diese Entwicklungen in übertriebener Form sieht, sich aus dem Mahlstrom zu befreien.

Wir leben in einer Ära der permanenten Aufregung. Die Menschen echauffieren sich über Aussagen vom anderen Ende der Welt und sind dabei vom großen Ganzen abgelenkt. Sehen Sie das auch?

Ja, es ist schon erstaunlich, niemals zuvor kamen wir nur mit einer Fingerbewegung zu Nachrichten. Aber der Effekt ist, dass wir besessen sind von sehr kleinen Details. Das hat man ja im US-Wahlkampf gesehen, wenn man gegeneinander aufwiegt, wie viel über tatsächliche Inhalte oder globale Probleme geredet wurde und wie viel über Trumps Unsinn oder darüber, ob Hillary nun krank ist. Als der Arabische Frühling begann, schwärmten alle von der Facebook-Revolution, die alle befreien würde, und heute hat es sich ins Gegenteil verdreht. Soziale Medien verhindern, dass die Menschen miteinander kommunizieren, die sperren alle in ihren eigenen Bunker. Das Resultat der Überlast an Information ist, dass wir kleine Mengen davon selbst auswählen, und so nur sehr wenig von der Welt sehen. Aber in Amerika hat man schon vorher nicht viel vom Rest der Welt mitbekommen. Die USA ist da eine große Insel.

Dystopisch ist auch diese These: Die Wirkung der Sozialen Medien erscheint fast wie eine Strategie, die Diktaturen anwenden: Lenke die Menschen mit Kleinigkeiten ab und stelle sie so ruhig. Nur: Da ist gar kein Diktator dahinter, der das Ganze zumindest lenkt.

Ja, aber noch verstörender ist ja, dass die Menschen nicht ruhig sind. Es macht sie verrückt, jeder ist dauernd aufgebracht. In den USA zumindest ist es so. Die Leute sind in Aufruhr, die haben keinen Seelenfrieden mehr. Vielleicht kommen wir an den Punkt, an dem alles automatisiert ist - es ist fast so, als würde das System sich selbst lenken, der Diktator ist keine Person mehr, sondern eine Art Roboter oder Algorithmus.

Wie fühlen Sie sich, wenn nun die ganze Welt wieder einmal besser weiß, wie die Amerikaner hätten wählen sollen?

Es ist ein seltsames Land. Als ich nach Berlin gezogen bin, hatten wir Clinton als Präsident, da war es gut, Amerikaner zu sein. Dann hatten wir Bush, da war es schlecht, Amerikaner zu sein. Dann hatten wir Obama und es war wieder gut. Und jetzt haben wir Trump und es ist wieder schlecht. Wir torkeln vor und zurück zwischen den unterschiedlichen politischen Ideen. Es wird jetzt sehr viel über ein Buch gesprochen, das ich bereits letztes Jahr gelesen habe, "Achieving our country" von Richard Rorty. Er ahnt da viel voraus, was gerade mit uns passiert. Seine These ist, dass es zwei Linke in den USA gegeben hat. Die erste Linke gab es von 1900 bis in die 60er, die kümmerte sich um wirtschaftliche Qualität, Rechte der Arbeiter und Gewerkschaften, also die echte, alte Linke. In den 60ern, mit dem Vietnamkrieg, haben viele Linke befunden, dass man im System nichts bewirken kann, das ganze System ist korrupt, es braucht eine revolutionäre Antwort. Und diese Bewegung mündete schließlich in die sogenannte zuschauende Linke. Die hat aufgegeben, die Politik ändern zu wollen. Sie befassen sich nur mit Identitätspolitik, rassistischen Vorurteilen, Genderfragen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-25 16:53:05



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Die Orgie wird kalt!"
  2. steiermark
  3. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
Meistkommentiert
  1. Menasse gewinnt den Deutschen Buchpreis
  2. Die Stadt der Bücherleser
  3. zeichen?

Werbung





Werbung


Werbung