• vom 03.12.2016, 15:30 Uhr

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Kunstvolles Scheitern




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Von Arnulf Knafl

  • Der Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der heuer 100 Jahre alt würde, hat ein vielgestaltiges Werk hinterlassen, das vom Spiel mit Fiktionen ebenso viel weiß wie vom melancholischen Verstummen.

Wolfgang Hildesheimer (9. 12. 1916 - 21. 8. 1991) . - © Ullstein/ Getty Images

Wolfgang Hildesheimer (9. 12. 1916 - 21. 8. 1991) . © Ullstein/ Getty Images



Die deutsche Nachkriegsliteratur hat in der Bündelung der "Gruppe 47" Dichterkarrieren ermöglicht, sie aus heutiger Sicht aber ungleicher Beständigkeit unterworfen. Während Gestalten wie Günter Grass oder Heinrich Böll sich quasi in den Himmel des Ruhms erheben konnten, scheint die Geschichte Wolfgang Hildesheimer eher in ein Fegefeuer gestoßen zu haben, aus dem zu entrinnen seit Jahrzehnten wenig Hoffnung besteht. Die 1991 erschienene Gesamtausgabe ist seit langem vergriffen. Als der Verfasser dieses Beitrags die Ausgabe antiquarisch in der Schweiz erwerben konnte, fand er auf der Innenseite den Stempel einer Städtischen Bücherei, versehen mit dem Vermerk: "ausgeschieden".

Dem von vielen Seiten geschätzten Freund und Dichterkollegen steht sein Werk gegenüber, das sich weder realistischen noch ideologisch verwertbaren Stilrichtungen andiente. Als nach 1960 Spielarten der Avantgarde den Literaturbetrieb zu beleben begannen, war Hildesheimer schon unterwegs zum "Ende der Fiktionen" - dieser Essay aus dem Jahr 1975 ist gleichsam Hildesheimers Nachruf auf den vielfältig proklamierten "Tod der Literatur".

Entschlafener Ruhm

Man könnte auch argwöhnen, entschlafener Ruhm sei Hildesheimers selbstverschuldetes Kalkül gewesen. Denn der vom Literaturbetrieb favorisierten Schaffung einer Marke durch Wiedererkennbarkeit entsprach Hildesheimer entschieden nicht. Dies galt für die biografischen Stationen des Autors ebenso wie für seine Werkgeschichte. Nicht der einmal eingeschlagene Weg war die Prämisse seiner künstlerischen Entwicklung, sondern dessen ständige Infragestellung bis hin zur resignativen Einsicht, wonach die stets erneute Erprobung künstlerischer Kreativität ihr Scheitern bis hin zum Verstummen bedeuten konnte - ja angesichts der Komplexität der modernen Welt geradezu musste.



Väterlicherseits bis zum Großvater zurück aus einer Rabbinertradition, mütterlicherseits aus einer Buchhändlerfamilie in Hamburg stammend, führte Wolfgang Hildesheimers Lebensweg durch Deutschland, die Niederlande, Palästina und Großbritannien und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst wieder zurück nach Deutschland. Eine für die Bildung prägende Station war die Odenwaldschule in Ober-Hambach, deren Gründer Paul Geheeb die Schule in den 30er Jahren nicht nur als Ort weltoffener Erziehung führte, sondern auch von antisemitischen Tendenzen freizuhalten wusste.

Information

Lebensstationen

(knafl) Stephan Braeses neue Hildesheimer-Biographie ist ein unentbehrliches Buch für Hildesheimer-Leser, enthält aber nebenbei auch fundierte Darstellungen u.a. des kulturellen Lebens von Emigranten im Palästina der 30er Jahre und des Literaturbetriebs der Bundesrepublik Deutschland der 50er und 60er Jahre. Braese schildert kenntnisreich und mit kluger Auswahl einschlägiger Quellen die Lebensstationen des Autors und die Rezeption seines Werkes. Auf biographischen Voyeurismus wird hingegen - im Bewusstsein diesbezüglicher Versuchungen, über die Hildesheimer selbst geschrieben hat - souverän verzichtet.

Stephan Braese

Jenseits der Pässe: Wolfgang Hildesheimer

Eine Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, 600 Seiten, 44,90 Euro.

Die Emigration der Familie noch vor Hitlers Machtübernahme nach Palästina führte Hildesheimer in eine kosmopolitische, von nationalen Gegensätzen freie Begegnung mit der arabischen, jüdischen, deutschen und englischen Bevölkerung. Die gleichwertige Beherrschung der englischen und deutschen Sprache ermöglichte ihm eine verschobene Zeitzeugenschaft zu den Verbrechen des Nationalsozialismus: In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zwischen 1947 und 1949 war er als Simultandolmetscher tätig. 1957 verlegte er seinen Wohnsitz in die Ortschaft Poschiavo in Graubünden, zeitweilig hatte er einen Zweitwohnsitz in Trasanni nächst Urbino.

Die ursprüngliche künstlerische Neigung insbesondere zur Bildenden Kunst (aber auch zur Musik) wurde erst in den Jahren nach 1950 von der Literatur ein- und überholt. Die Kurzgeschichten zum Band "Lieblose Legenden" begründeten eine rasche Etablierung im Literaturbetrieb. Satirische Offenlegung von Mechanismen der Konsumwelt und der restaurativen Stimmung im Nachkriegsdeutschland sowie die Erzeugung von Scheinwelten, die der politischen Klasse zum Machtausbau dienten, werden auch in Hörspielen wie "Das Ende kommt nie" (1953), "Prinzessin Turandot" (1954) und "Das Opfer Helena" (1955) greifbar. Dabei, wie auch in der um 1960 geführten Auseinandersetzung mit dem Absurden Theater und dem Surrealismus, wird aus der präzisen Analyse von Sprechideologien die Konfrontation von fragendem Subjekt und schweigender Welt vorgeführt. Sie führt - etwa in dem Stück "Mary Stuart" - zu dem Ergebnis, dass das Subjekt überlieferten Sinnangeboten entwachsen ist oder, diese negierend, in der Geschichte keinen Sinn zu erkennen vermag.

Einwendungen des Feuilletons gegen eine zur Abstraktion neigende Zeichnung von Figuren und Handlungen haben Hildesheimer um 1960 zu einer radikalen Neupositionierung seiner künstlerischen Produktion getrieben. Dabei erfolgte die Verabschiedung der realistischen Wirklichkeitsauffassung in der Romanform im Anschluss an James Joyce, Djuna Barnes - von beiden hat Hildesheimer Werke ins Deutsche übersetzt -, Samuel Beckett oder Günter Eich. Prämisse dieses Schreibansatzes war, dass Wirklichkeitserfahrung als künstlerisches Mittel im literarischen Werk sich erschöpft habe.

Ein wesentlicher Anteil an dieser Auszehrung der Fiktion erwuchs aus der Erinnerung an die Gräueltaten in der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gegenüber den Juden im Zweiten Weltkrieg. In den an Joyces Bewusstseinsstrom-Technik geschulten Monologromanen "Tynset" (1965) und "Masante" (1973) wurde die fiktionszerstörende Macht der Erinnerung aufgegriffen und bis zu deren Implosion zugespitzt. In beiden Werken wird eine Ich-Erzählerfigur im Zustand gesellschaftlicher Zurückgezogenheit, Entfremdung und Einsamkeit vorgeführt. Das Terrain freiheitlichen Handelns ist unter der Last des Denkens an die Geschichte eingeschrumpft. Doch während in "Tynset" die Erinnerung und deren Schrecken noch durch das Erzählen von Geschichten abgewendet oder wenigstens zeitweise verdrängt werden kann, lösen sich in "Masante" alle Erzählbezüge schlussendlich auf, und der Erzähler kann nur durch den Gang in die Wüste der Unverwüstlichkeit der Erinnerung entkommen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-01 16:08:09
Letzte ńnderung am 2016-12-01 18:47:28



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