• vom 10.12.2016, 12:00 Uhr

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Update: 12.12.2016, 14:22 Uhr

Literatur

Radikale Selbsterkundung




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Von Andreas Wirthensohn

  • Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård macht sein subjektives Welterleben zum Dreh- und Angelpunkt von Essays mit metaphysischer Dimension.

Karl Ove Knausgård, geboren 1968 in Oslo.

Karl Ove Knausgård, geboren 1968 in Oslo.© André Løyning Karl Ove Knausgård, geboren 1968 in Oslo.© André Løyning

Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein. Da sitzt im Mai 2013 ein weltberühmter norwegischer Schriftsteller, dessen äußere Erscheinung durchaus etwas Wikingerhaftes an sich hat, in einem Café in Beirut, blickt hinaus auf das rege Treiben auf den Straßen und beschäftigt sich mit Søren Kierkegaards Schrift über den Begriff der Angst. Abends liest er dann zusammen mit acht anderen Schriftstellern aus seinem autobiographischen Projekt. Er liest eine Passage, in der er sich als junger Mann das Gesicht zerschneidet, weil eine Frau seine Avancen zurückgewiesen hat. Und je länger der Abend dauert, desto mehr regt sich in ihm ein schreckliches Gefühl der Scham.

Im Nachbarland Syrien herrscht Krieg, der Libanon ist voller Flüchtlinge und selbst noch immer von den langen Jahren des Bürgerkriegs gezeichnet. "Leid, Unsicherheit, Furcht, Tod, Verstümmelung. Und da komme ich daher und lese, dass ich mir das Gesicht mit einer Glasscherbe aufgeschnitten habe. Kann man narzisstischer sein? Nach der Lesung wendet sich ein Araber, der ungefähr Mitte sechzig ist, an mich und fragt in gebrochenem Englisch, woran ich gerade arbeite. Ich verstehe, dass auch er Schriftsteller ist. Ich antworte, dass ich derzeit Essays schreibe. Er fragt, geht es um Politik? Ich überlege, schüttele den Kopf und sage, no, not politics. Er sieht mich kurz an, dann dreht er sich wortlos um."

Information

Karl Ove Knausgård

Das Amerika der Seele
Essays. Aus dem Norwegischen von Paul Berf u. Ulrich Sonnenberg. Luchterhand, München 2016, 496 Seiten, 24,70 Euro.




Wer von Karl Ove Knausgård politische Einmischungen erwartet hat, der dürfte von seinen Essays in der Tat enttäuscht sein. Allerdings wäre es doch etwas überraschend gewesen, von einem Autor, für den alle Wahrheit im subjektiven Erleben liegt, Ausführungen, sagen wir, zur Flüchtlingskrise, zur Globalisierung oder zum grassierenden Populismus zu lesen. Wobei daran erinnert sei, dass ein Text von Knausgård vor ein paar Jahren durchaus Wellen schlug. "Der monofone Mensch" ist er betitelt, und er beschäftigt sich mit dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der 2011 über siebzig zumeist junge Menschen erschoss.

Knausgård will dessen grausame Tat nicht auf Abstand halten, er will sie nicht ideologisch oder pathologisch, sondern "menschlich" erklären, also mit Verweis auf charakterliche Prägungen, innere Kämpfe und eine schwierige Beziehung zu den Eltern. Das hat ihm einiges an Kritik eingetragen, doch Knausgård, dem wir die wohl radikalste Selbsterkundung der Gegenwartsliteratur verdanken, ist in gewissem Sinne radikaler Humanist: "Das Menschliche ist der einzelne Mensch, der nirgendwo sonst zu finden ist, und dieser einzelne Mensch ist nicht souverän, er ist begrenzt, unzulänglich und beinahe immer kleinlich."

Vom Menschlichen ist viel die Rede in diesen Essays, und einer der eindringlichsten Texte ist gar dem allzumenschlichen Bedürfnis des Scheißens gewidmet - für Knausgård ist der Aufenthalt auf der Toilette so etwas wie "die letzte Barriere des Individuums", der letzte Rückzugsort selbst noch im privaten Umfeld der Familie. Was Knausgård aus diesem eher peinlichen, tabubehafteten Thema macht, wie er, ausgehend von der eigenen Person, eine Art Philosophie des scheißenden Menschen entwickelt, ist durchaus irritierend, aber zugleich große Kunst, die vor allem durch eines besticht: eine extrem feine Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit, aber auch der Wirklichkeit rings um dieses erlebende Ich.

Die eigene Person, ihr subjektives Welterleben ist denn auch Dreh- und Angelpunkt dieser Essays - ganz gleich, ob es darin um die Bilder von Cindy Sherman oder Sally Mann, um Knut Hamsuns Romane, um die Literatur und das Böse, um das Selbstpor-trät oder die Wolken am Himmel geht.

"Weltgefühl" nennt Knausgård dieses Erleben, und es ist der Kern seiner künstlerischen Existenz: "Das meditativ und religiös gefärbte Erlebnis des Jetzt, diese ungeheure Konzentration auf den Augenblick, die enorme Wellen von Verbundenheitsgefühlen mit der Welt auslöst, und vielleicht nichts weiter sagt als ,ich existiere‘, ist nur möglich, wenn die Welt sichtbar wird als Welt und nicht als die Welt des Ichs, und das tut sie nur, wenn dieses Ich außerhalb von ihr steht. In ein und derselben Bewegung entfernt die Kunst uns von der Welt und führt uns näher zu ihr heran, zu dieser himmelumspannten und sich langsam bewegenden Materie, aus der auch unsere Träume sind."

Präsenz und Distanz

Präsenz und Distanz, Ich und Welt, die physische Existenz und die metaphysische Tätigkeit des Schreibens - zwischen diesen Koordinaten und mitunter auch Widersprüchen bewegt sich auch Knausgårds autobiographisches Werk "Min kamp", dessen abschließender sechster Band im Mai 2017 endlich auch auf Deutsch erscheinen soll.

Dass diese radikale Selbsterkundung eine durchaus religiöse, romantische, eben metaphysische Dimension besitzt, das ist die vielleicht überraschendste Erkenntnis, die diese Essays vermitteln. Doch auch ihnen gelingt, was nach Knausgård das Besondere der Kunst ausmacht: Sie erheben uns und setzen uns am Ende woanders wieder ab - klüger, mit einem anderen Blick auf die Welt und auf das, was man gemeinhin das Leben nennt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-09 13:50:09
Letzte nderung am 2016-12-12 14:22:14



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