• vom 11.12.2016, 07:00 Uhr

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Unordnung als literarische Idylle




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Von Bruno Jaschke

  • Alltags-Befindlichkeiten: Der irische Schriftsteller Colm Tóibin setzt im Roman "Nora Webster" seiner Mutter ein literarisches Denkmal.

Der irischer Erfolgsautor Colm Tóibin, Jahrgang 1955. - © Gareth Cattermole/Getty Images

Der irischer Erfolgsautor Colm Tóibin, Jahrgang 1955. © Gareth Cattermole/Getty Images



Wir sind in einer provinziellen Kleinstadt im Irland der späten 1960er Jahre und begleiten Nora Webster durch einen dramatischen Lebensabschnitt: Gerade hat sie ihren Mann Maurice verloren. Von ihren vier Kindern sind die zwei Töchter Aine und Fiona bereits außer Haus, während die Söhne Donal und Conor noch bei ihr leben.

Wie betäubt versucht Nora wieder ins Leben zurückzufinden, was angesichts der Hürden, die sich ihr in den Weg stellen, nicht einfach ist: Zu Unsicherheiten über die Zukunft und der einzigen Gewissheit, dass der bisherige Lebensstandard nicht aufrechtzuerhalten sein wird, kommen Probleme mit ihren Söhnen: Donal, der Ältere, stottert; Conor wird in der Schule von seinem "Kameraden" drangsaliert.

Information

Colm Tóibin
Nora Webster
Roman. Übersetzt von Giovanni u. Ditte Bandini. Hanser, München 2016, 383 Seiten, 26,80 Euro.

Letztlich zwingt sie wirtschaftliche Not(wendigkeit), ihren früheren, mit wenig Freude ausgeübten Beruf im Sekretariat einer reichen Unternehmerfamilie wiederaufzunehmen. Eine Zufallsbekanntschaft erweckt in ihr dann die Leidenschaft für Musik. Und das ist das Einzige, was Nora wirklich konsequent verfolgt.

Widersprüche

Ansonsten präsentiert sich Nora Webster als ziemlich indifferenter Charakter: als Frau ohne Eigenschaften oder aber als Frau mit so vielen Eigenschaften, dass daraus kein kohärentes Persönlichkeitsbild geformt werden kann. Aus Diskussionen hält sie sich meist heraus; in ihrem Kontakt zu Mitmenschen ist ein starker Wunsch nach Distanz spürbar. Als sie sich selbst einmal fragt, wofür sie sich eigentlich interessiert, kommt sie zum Schluss: für nichts. Andererseits ist sie überdurchschnittlich intelligent, hat ein lebhaftes Vorstellungsvermögen, kann auch ein wenig boshaft sein und ist, wenn entsprechend herausgefordert, durchaus imstande, ihren Standpunkt mit Nachdruck zu vertreten. Das zeigt sich, als sie mit grimmiger Entschlossenheit und Hartnäckigkeit Conors Lehrer unter Druck setzt, die das Mobbing ihres Sohns herunterspielen wollen.

Die Figur der Nora Webster hat ein reales Vorbild: die Mutter des Autors Colm Tóibin. Das erklärt zum einen ihre Widersprüchlichkeiten: Reale Biographien fügen sich nun einmal nicht in das Schema idealtypischer literarischer Ikonen oder dramaturgischer Prämissen von Hollywood-Drehbüchern. Zum anderen liegt darin der Grund, dass die im wahrsten Wortsinn un-fassbare Protagonistin den Leser sofort für sich einnimmt.

Empathie

Die Empathie, die Toibin dem realen Vorbild entgegenbrachte, vermag er voll und ganz in ihr literarisches Abbild zu übertragen. Sein größter Trumpf ist dabei seine Meisterschaft im Einfangen des Alltags. Zwischen Getratsche am Arbeitsplatz, Streitschlichten am Esstisch, Ausflügen, Einkäufen, Friseurbesuch, Essen in billigen Buden und Besuchen bei Verwandten findet er das optimale Setting für das Unsichere, Zögerliche, Empfindsame, Melancholische seiner Heldin. Um den Preis, dass die daraus resultierende Handlungsarmut - an welcher der historische Hintergrund des sich abzeichnenden Nordirland-Konflikts nichts ändert - an einigen Stellen in Langatmigkeit ausartet.

Mit dem Gewinn, dass hier Mikrokosmen sprachlich zu funkeln beginnen; Unordnung etwa wird bei dem Meisterstilisten Toibin zu einer literarischen Idylle: "Durch ein Fenster sah sie ein ungemachtes Doppelbett und auf dem Fußboden verstreute Bücher, die so aussahen, als wären sie vom Bett heruntergefallen. Josie genoss offensichtlich ihren Ruhestand, dachte sie und lächelte."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-09 13:53:09
Letzte ─nderung am 2016-12-09 14:23:09



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