• vom 11.12.2016, 18:00 Uhr

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Die Spur des "weißen Goldes"




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Von Stefanie Holzer

  • Der britische Keramiker und Autor Edmund de Waal fasziniert mit seinem Abriss der Keramikkunst.

Edmund de Waal bei seiner Ausstellung "Lichtzwang" (Theseustempel, Wien 2014). - © apa/Herbert Pfarrhofer

Edmund de Waal bei seiner Ausstellung "Lichtzwang" (Theseustempel, Wien 2014). © apa/Herbert Pfarrhofer



Es gibt Bücher, deren Existenz eigentlich unwahrscheinlich ist. So eines scheint mir Edmund de Waals "Die weiße Straße. Auf den Spuren meiner Leidenschaft" zu sein. Denn fragte man Buchhändler, ob ihre Kunden sich für ein Buch über Keramik interessieren, so würde sich die Begeisterung wohl in Grenzen halten. Fügte man aber hinzu, dass das in Frage stehende Buch von Edmund de Waal stammt, sähe die Sache ganz anders aus. Denn der Keramikkünstler Edmund de Waal ist einer breiten Öffentlichkeit durch seine brillant geschriebene Familiengeschichte "Der Hase mit den Bersteinaugen" ein Begriff.

In diesem 2010 auf Englisch und 2011 auf Deutsch erschienenen Buch schildert er berührend, wie seine Vorfahren via Odessa, wo sie mit Getreidehandel ein Vermögen verdient hatten, nach Wien gekommen waren und ein schier unvorstellbares Finanzimperium aufgebaut hatten, das mit dem Palais Ephrussi bis heute eine Spur im Wiener Stadtbild hinterlassen hat. Die Familie selbst wurde von den Nazis ausgeraubt und vertrieben. De Waals Großmutter entkam dem Naziterror nach England, wo der Autor mit seiner Familie heute lebt.



Information

Die aktuelle Ausstellung "Edmund de Waal trifft Albrecht Dürer" im Kunsthistorischen Museum in Wien läuft noch bis 29. Jänner 2017.

Siehe dazu auch: Der Teufel im Glas - "During the Night": Edmund de Waal zeigt im Kunsthistorischen Museum eine außergewöhnliche Ausstellung über die Angst.


Edmund de Waal
Die Weiße Straße. Auf den Spuren meiner Leidenschaft.
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Zsolnay, Wien 2016, 462 Seiten, 26,80 Euro.

Töpferndes Kind

Edmund de Waals berufliches Hauptstandbein ist allerdings nicht das Schreiben, sondern die Bildende Kunst. Schon als Kind töpferte er. Bei einem Japanaufenthalt hatte er als Jugendlicher zum ersten Mal Porzellanerde in seinen Händen. Dieser Materialkontakt war entscheidend, denn daraus entwickelte sich eine lebenslange Passion. Nach Studien in Cambridge und Sheffield war der 1964 in Nottingham geborene Autor auch Professor für Keramik an der University of Westminster. Seine Arbeiten werden auf der ganzen Welt ausgestellt, etwa im ehrwürdigen Londoner Victoria und Albert Museum und in der Gagosian Gallery in New York.

"Die weiße Straße. Auf den Spuren meiner Leidenschaft" setzt ein, als soeben die Einladung zu de Waals New Yorker Ausstellung hereingeflattert ist und seine Assistenten noch mit den Fluten von Zuschriften zu seinem ersten Buch beschäftigt sind.

Mit seinem zweiten Buch verfolgt der Autor dasselbe Ziel wie mit seiner Familienbiographie. Es geht darum, denjenigen, die "früher waren", Schuld oder Dank abzustatten. De Waal hat ein tiefes Empfinden für das Nachwirken der Vergangenheit. Er wäre nicht, wie er ist, sein Leben wäre nicht, wie es ist, wenn nicht viele Generationen von Menschen vor ihm gelebt und gearbeitet hätten. Deshalb liest sich "Die weiße Straße" ein bisschen wie der Bericht von einer Wallfahrt zu den heiligen Stätten der Keramikkunst.

Das beginnt in China in Jingdezhen, wo seit 1000 Jahren Porzellan hergestellt wird. Der Autor steigt auf Jahrhunderte lang aufgeschütteten Scherbenhalden herum und sucht nach seiner Scherbe, die er als Souvenir mitnehmen kann.

Die Kaiser von China beschenkten europäische Herrscher mit Vasen und Tafelgeschirr. So kam etwa in Dresden der immer dringender werdende Wunsch auf, selber Porzellan herzustellen. In diesen Passagen hat das Buch etwas von einem Abenteuerroman oder einem historischen Krimi, wenn Apotheker, Alchimisten und Könige ungeduldig Versuch um Versuch unternehmen, endlich Porzellan, "weißes Gold" herzustellen.

Persönliches Reisebuch

Die Verbindung zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit ist schon im Material begründet: "Denn die Porzellanmasse ist zugleich Gegenwart und historischer Präsens. Ich befinde mich hier in Tulse Hill, ganz nahe der South Circular Road in Süd-London, in meinem Studio hinter einer Reihe von Hühnchen-Imbissbuden und einem Wettbüro, eingezwängt zwischen ein paar Tapezierern und einer Tischlerei für Küchenmöbel, und während ich den Krug anfertige, bin ich in China. Porzellan ist die Reise nach China." Weil das so ist, muss er selber wenigstens einmal nach Jingdezhen fahren, weiter nach Dresden und schließlich nach Plymouth in England.

"Die weiße Straße" ist ein persönliches Reisebuch, ein spannender Abriss über das Werden der Keramikkunst - und insgesamt ein poetisches Sachbuch. Edmund de Waal hat die rare Gabe, durch sein Schreiben die menschliche Dimension in künstlerischen Objekten erstehen zu lassen. Nach der Lektüre dieses ungewöhnlichen Buches betrachte ich auch meine Augartentasse mit anderen Augen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-09 13:59:08
Letzte nderung am 2016-12-09 14:09:11



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