• vom 10.12.2016, 06:30 Uhr

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Von Oliver vom Hove




    Der Polin Reiz ist unerreicht, kündet die Operettenweisheit. Schon mancher Liebhaber, nicht nur in Musik und Literatur, konnte sich von der Wahrheit dieser Behauptung überzeugen. Eine solche Polin scheint auch Ellénore zu sein, die Hauptgestalt in Benjamin Constants Erzählung "Adolphe": anmutig, bestrickend, selbstbewusst.

    Der junge Fant Adolphe verschaut sich tief in die zehn Jahre ältere Gefährtin des Grafen von P. Doch die Schöne erwidert seine Avancen vorerst kaum. Als Mätresse ihres emigrierten älteren Landsmanns, dem sie zwei Kinder geboren hat, hütet sie ein Geheimnis, das mit ihrer noblen Vergangenheit zu tun hat. In der französischen Gesellschaft, in der sie nun lebt, ist die unverheiratete Ausländerin eine Geächtete.

    Adolphe, der eben seine Studien beendet hat, sucht unbedingte Anerkennung. Die verwechselt er mit Liebe. In der so unnahbar scheinenden Begleiterin des polnischen Grafen meint er das Objekt seiner entzündlichen Gefühle erkannt zu haben. Da Ellénore seine Gesellschaft als willkommene Abwechslung zu genießen beginnt, weicht er nicht mehr von ihrer Seite: "Wir lasen zusammen englische Dichter, wir gingen miteinander spazieren; ich ging sie oft des Morgens besuchen, ich kehrte abends zu ihr zurück; ich unterhielt mich mit ihr über tausend Gegenstände."

    In seinem Drang nach siegreicher Eroberung geht Adolphe aufs Ganze: Er bestürmt Ellénore mit seinen Liebesbeteuerungen - und er siegt. "Ich war durch ihre Gegenwart beflügelt; ich erreichte, dass sie mir zuhörte, und sah sie bald lächeln." Der nach Liebe und Freiheit Strebende hat selber Feuer gefangen: "Es war nun in mir keine Rede mehr von berechnenden Absichten und Plänen; ich fühlte aufrichtig und wahrhaftig Liebe."

    Doch Ellénore beginnt ihn mit ihrem Liebesanspruch schier zu erdrücken. Die hohe Dynamik ihrer Gefühle zeigt Züge von Panik und Verlustangst. Es beginnt eine Zeit der Entfremdung und inneren Abkehr bei Adolphe. Ellénores Anhänglichkeit enthüllt einen obsessiven Charakter. Sie verfolgt den Geliebten, macht ihm heftige Vorwürfe, weiß ihn mit dem Verzicht auf das große Vermögen, das ihr durch den Tod des Vaters zugefallen ist, zu erpressen. Adolphe sucht sich vergeblich aus diesem Marty-

    Benjamin Constant

    Benjamin Constant© Wikimedia Commons Benjamin Constant© Wikimedia Commons

    rium der Lustlosigkeit zu befreien. Zugleich macht er sich Vorwürfe, durch Eigenliebe einen unhaltbaren Zustand herbeigeführt zu haben.

    Constant schreibt Sätze, geschmeidig wie Veloursamt. Zugleich vermag er seiner Analyse einer Liebesentfremdung eine geradezu vivisektorische Aufrichtigkeit und Genauigkeit abzugewinnen, die sein literarisches Hauptwerk auch 200 Jahre nach dessen Erscheinen (1816) mitreißend gegenwärtig erscheinen lässt.

    Zu Recht wurde "Adolphe" denn auch ein "überraschend früher Vorläufer des modernen selbstanalysierenden Seelenromans" genannt. So offenherzig, so jugendlich frisch ist vorher, zumal in der französischen Literatur, nicht über die Wonnen, vor allem aber nicht über die Qualen der Liebe erzählt worden. Constant macht seine eigenen männlichen Erfahrungen unmittelbar und ohne die Trennwand eines moralischen Vorbehalts öffentlich. Er setzt damit die Innensicht eines an sich und seiner Liebe Zweifelnden frei, lässt ihn gleichsam vor seinem Gewissen Zwiesprache mit sich selbst halten.

    Eine schillernde Figur war der 1767 in Lausanne geborene Schweizer Benjamin Constant zeitlebens. Mit nervenaufreibenden Beziehungen kannte er sich aus: Neben seinen zwei Ehen unterhielt er u.a. Liebesverhältnisse mit Madame de Staël, mit der auch eine Tochter hatte, sowie mit Ju-liette Récamier, die ihrerseits Geliebte des Bildhauers Canova war wie später Chateaubriands.

    1795 hatte Constant in Paris im Gefolge der Revolution eine vielbeachtete publizistische Karriere begonnen. Nach dem Staatsstreich Napoleons wurde er kurzzeitig sogar Mitglied des Tribunals, ehe er 1802 kaltgestellt wurde. Nach Napoleons Rückkehr an die Macht wurde er 1815 wieder mit wesentlichen verfassungsrechtlichen Aufgaben betraut. Nach Napoleons Niederlage floh er nach England, wo 1816 sein "Adolphe" erstmals erschien. Dieses Erzählwerk hat seinen Autor letztlich mehr berühmt gemacht als alle seine Maßstäbe setzenden staatstheoretischen Schriften, in denen er einem gemäßigten Liberalismus zum Durchbruch verhalf.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-12-09 14:05:07
    Letzte ─nderung am 2016-12-09 14:58:35



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