• vom 12.12.2016, 19:19 Uhr

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Update: 12.12.2016, 19:26 Uhr

Romane

Caesar und seine Follower




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Umgang angloamerikanischer Romanautoren mit der römischen Antike bringt drei Meisterwerke und viel Spannung hervor.

: Irma Tulek, Quelle: Creative Commons

: Irma Tulek, Quelle: Creative Commons

Vielleicht liegt es am Namen, dass der Autor nicht so richtig bekannt ist. John Williams mag der Mann heißen, der im nächstgelegenen Drugstore die Peppermint Candies verkauft. John Williams mag der Zollbeamte heißen, der auf dem Flughafen Heathrow freundlich und mit Oxfordakzent bittet, ihn doch einen Blick in den Samsonite-Koffer werfen zu lassen. Aber heißt ein Schriftsteller John Williams? Wie verwechselbar ist das! James Williams, William Johns, James Williamson - Ephraim Ki-shon hätte daraus eine Buchladen-Satire machen können.

Nicht einmal ein John Taylor Williams ist er oder zumindest ein John T. Williams mit der berühmten Mittelinitiale, die man sich in den USA zulegt, will man seiner eigenen Person besondere Bedeutung zuerkennen - nein: John Williams heißt der Mann, ganz einfach John Williams.


Das wirft auf den Hochschullehrer an der University of Denver ein sehr uneitles Licht. Wirklich sympathisch macht ihn, wie wenig er in den rund einundsiebzigeinhalb Jahren seines Lebens (29. August 1922 - 3. März 1994) geschrieben hat: Vier Romane sind vollendet ("Nothing But the Night", 1948, "Butcher’s Crossing", 1960, "Stoner", 1965 und "Augustus", 1972), dazu kommen zwei Gedichtbände.

Jedes Werk von John Williams ist ein Meisterwerk. Bei "Stoner" hat es die Kritik nach den Ersterscheinungen freilich ebenso wenig erkannt wie bei "Augustus". Es mussten Jahrzehnte vergehen, in denen die Erkenntnis wuchs, dass es sich um Hauptwerke der US-amerikanischen Nachkriegsliteratur handelt.

Nun ist "Augustus" in der - hervorragenden - deutschen Übersetzung von Bernhard Robben erschienen. Das Lob im deutschsprachigen Feuilleton war, sofern man sich des Romans annahm, einstimmig und berechtigterweise groß.

In "Augustus" stellt Williams die Frage, was die Bedeutung eines Menschenlebens ausmacht. An seinem Ende weiß der erste römische Kaiser zwar um seine epochale Stellung, er zweifelt aber an der Art, wie er seine Zeit geprägt hat.

Eine Fortschreibung Wilders?
Viel bestaunte man Williams virtuosen Aufbau aus Tagebuchfragmenten, Briefen, Senatsbeschlüssen und Schmähgedichten, die ein Mosaik ergeben, aus dem vor den Augen des Lesers die Zeit von 45 v. Chr. bis 14 n. Chr. ersteht. Jeder Person gibt Williams ihren eigenen Tonfall, was von spielerischer Leichtigkeit bis philosophischer Tiefenschau reicht.

Doch gerade bei der Struktur wandelt Williams in - freilich bester - US-amerikanischer Tradition der erzählerischen Antikenaufarbeitung. Thornton Wilder (1897- 1975) schrieb 1948 den heute leider kaum noch gelesenen Roman "The Ides March" (Die Iden des März) über die Ermordung Julius Caesars. Auch Wilder wählt die Form des Briefromans. Die vier Teile liegen wie Schalen übereinander: Jeder beginnt früher und endet später als der vorangegangene Teil. Wilder hatte keinen historischen Roman im Sinn, sondern einen Roman über den Zerfall einer Epoche, über das Entstehen von Gegenbewegungen zu einer Regierung, einen Roman auch über die Zeit selbst, die ohnedies eines der beherrschenden Themen Wilders war.

Man könnte - man sollte sogar "Augustus" als Fortsetzung der "Iden des März" lesen, und der Verdacht liegt nahe, dass Williams, seines Zeichens Professor für Englische Literatur, der Gedanke einer Fortschreibung Wilders durchaus gekommen sein mag: So, wie der historische Augustus auf Caesar folgt, so folgt auf die "Iden des März" der "Augustus"-Roman, der die herkömmliche Erzählweise noch stärker fragmentiert und auf noch mehr unterschiedliche Stimmen aufsplittert und sich dabei zur selben Komplexität, aber auch zur selben Virtuosität des Schreibens bekennt.

Wobei sich die Frage stellt, woher im angloamerikanischen Sprachraum die erzählerische Freude am antiken Rom kommt. Sie einzig auf den Übervater alles englischsprachigen Wortefügens zurückzuführen, scheint zu kurz gegriffen. Zwar mögen William Shakespeares "Julius Caesar" und "Antony and Cleopatra" in ihrer Unbekümmertheit im Umgang mit historischen Fakten bis heute für all jene Autoren Pate stehen, die gut gebaute Geschichten höher stellen als trockene Geschichte. Aber es könnte da noch etwas anderes mitspielen.

Großbritannien ist von der lateinischen Wiege der europäischen Zivilisation weiter entfernt als die meisten Nationen, die sich als Herzen Europas verstehen. England konnten die Römer nie wirklich romanisieren, Schottland und Irland mieden sie ganz. In den USA wiederum herrscht in der Oberschicht eine teils unterschwellige, teils offen artikulierte Sehnsucht nach Europa, wohl auch im Wissen, dass der Erdteil über dem großen Ozean eine Art Heimatplanet ist, Lichtjahre entfernt und doch so nahe und doch so verwandt. Sowohl Briten als auch Nordamerikaner können sich aber schreibend dieser zentraleuropäischen Geschichte nähern und sich ihr auch durch die Literatur im wahrsten Sinne des Wortes einschreiben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-12 19:23:05
Letzte ─nderung am 2016-12-12 19:26:56



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