• vom 13.12.2016, 15:56 Uhr

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Update: 22.12.2016, 15:44 Uhr

Political Correctness

Die Utopie denken




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Von Andrea Roedig

  • Was ärgert an sogenannter Political Correctness? Überlegungen am Beispiel von Carolin Emckes Buch "Über den Hass".

Politische Korrektheit birgt auch immer den Verdacht philisterhafter Unehrlichkeit.

Politische Korrektheit birgt auch immer den Verdacht philisterhafter Unehrlichkeit.© fotolia/Jim Vallee Politische Korrektheit birgt auch immer den Verdacht philisterhafter Unehrlichkeit.© fotolia/Jim Vallee

Vor kurzem gab es in den deutschen Feuilletons einen kleinen Wirbel um die diesjährige Friedenspreisträgerin des deutschen Buchhandels, Carolin Emcke. Nicht mit Lob wurde die Journalistin bedacht, die sich mit Berichten aus Kriegsregionen und politischen Analysen einen Namen gemacht hat, sondern kritisch und bisweilen sogar hämisch fielen die Kommentare zu ihrem neuen Buch "Gegen den Hass" und zu ihrer Friedenspreisrede aus. Zu staatstragend sei der Ton, zu pathetisch und von mittelstandsbraver Blauäugigkeit die Aussagen.

In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" schrieb der Kulturtheoretiker Alexander García Düttmann, Carolin Emcke führe einen zweideutigen, "unangreifbaren Diskurs", der genau die Gewalt provoziere, "von der er so entschieden Abstand nimmt". Offenbar geht die preisgekrönte Publizistin manchen auf die Nerven. Warum aber?


Emckes jüngstes Buch "Gegen den Hass" ist eine Art meditativer Essay, in dem sich die Autorin gewalttätige Situationen der Demütigung und Degradierung genau anschaut, um analysieren zu können, wie Hass funktioniert. Dazu nutzt sie Videomaterial aus dem Internet und beschreibt etwa Aufnahmen der Ausschreitungen im deutschen Clausnitz, als im Februar dieses Jahres rechte Protestierer einen Bus voller Flüchtlinge gewaltsam blockierten und die Insassen am Aussteigen hinderten. Ein zweites prominentes Beispiel im Buch betrifft den von einem Passanten gefilmten Polizeieinsatz gegen den Afroamerikaner Eric Garner, der im Juni 2014 in New York unschuldig kontrolliert, festgenommen und trotz seiner Worte "I can’t breathe" so brutal überwältigt wurde, dass er an den Folgen eines polizeilichen Würgegriffs starb.

Zu korrekt? Friedenspreisträgerin Carolin Emcke.

Zu korrekt? Friedenspreisträgerin Carolin Emcke.© afp/Daniel Roland Zu korrekt? Friedenspreisträgerin Carolin Emcke.© afp/Daniel Roland

Gewalt ist nicht einfach da, sie ist gemacht und verfestigt sich zu Strukturen gesellschaftlicher und politischer Wahrnehmung, das will Carolin Emcke bei der nacherzählenden Beschreibung dieser Videos zeigen.

Einfühlung in die Opfer
Das Besondere an Emckes Herangehensweise ist der Ton, in den sie sich einschwingt, als umtanze sie ihren Gegenstand. In die Beschreibung hinein stellt sie Zwischenfragen: Warum die Polizei die skandierenden Rassisten nicht zurückdrängt? Warum die Umstehenden tatenlos zusehen und nicht wenigstens weggehen? Warum niemand einen Arzt ruft, obwohl der am Boden liegende Eric Garner mehrmals stöhnt, dass er keine Luft bekomme? Emcke interveniert und versucht so eine Umdeutung dessen, was sie beschreibt. Sie nutzt dafür eine schöne Sprache, die hart an der Grenze zum Kitsch liegt, die rühren will, um so eine Zartheit, eine Einfühlung in die Opfer der Missachtung auszudrücken und herzustellen. Denn das ist die These: Der grundsätzliche Mechanismus des Hasses bestehe in einer "Engführung der Wirklichkeit" aufs Klischee; der Hass nivelliere den Einzelnen als Individuum und mache ihn nur als etwas "Monströses" - also als Verbrecher oder Freak - sichtbar.

Hier spricht Emcke als lesbische Frau auch aus eigener Erfahrung. Sie beschreibt die Melancholie, die aus der Missachtung entsteht, und die Scham der Minderheiten, für sich selbst zu sprechen. Es gibt ja den Wunsch, nicht alles selbst erkämpfen zu müssen, sondern dass jemand anderer sich starkmache. Emcke ergreift das Wort für die Benachteiligten, als wolle sie buddhistisches Mitgefühl und christliche Nächstenliebe in das säkular staatsbürgerliche Prinzip einer "Rechtsgemeinschaft aus Freien und Gleichen" überführen.

Was ist daran so provokant? Exemplarisch zeigte sich in der Emcke-Debatte wieder einmal das Gezänk um die sogenannte Political Correctness, die für manche schwer auszuhalten ist.

Nicht ganz koscher
Die moralische Entrüstung, die oftmals den politisch korrekten Auffassungen zugrunde liegt, scheint zwanghaft eine Aversion, eine Art "Gegenempörung" hervorzulocken. Offenbar sind es zwei grundsätzliche Faktoren, die stören: Erstens erscheint die politische Korrektheit als Einstellung unrealistisch, weil sie Moral mit Politik verwechsele. Da hört man schon die Realisten und Strategen mit den Säbeln rasseln. Freundlich zu den Fremden sein, den Einzelnen hören - das sei ja schön und gut, aber in der Politik gehe es anders zu. Das haben wir schon auf dem Schulhof gelernt, in der Politik geht es um Macht und es gewinnen die Stärkeren, die sich durchsetzen. Der zweite Punkt, der an Political Correctness die Gemüter erregt, ist ihre Rigidität und die Selbstgefälligkeit, moralisch im Recht zu sein und auf der richtigen Seite zu stehen. Das nervt, und der Verdacht philisterhafter Unehrlichkeit ist da nicht aus der Welt zu schaffen. Wer politisch korrekt denkt, kann angeblich nicht auch einmal fünf gerade sein lassen und zieht aus der Starrheit vielleicht auch einen versteckten Lustgewinn.

An der Aversion gegen das politisch Korrekte ist einiges nachvollziehbar, vor allem der Affekt gegen die Selbstgerechtigkeit. Denn die arbeitet ihrerseits mit Ausgrenzung und verleugnet fremde wie eigene Ambivalenzen. Sie scheint nicht ganz koscher, weil sie so tut, als könnte es koscher zugehen im Leben. Ein Spiel mit doppeltem Boden kann man aber auch den Gegnern von Political Correctness vorwerfen; sie bauen, wie der Journalist Matthias Dell einmal richtigerweise bemerkte, einen "Pappkameraden" auf, stilisieren sich zu Opfern eines angeblichen "Tugendterrors" und fühlen sich gegängelt von den Nichtrauchern, den EU-Richtlinien, den Diversity-Beauftragten. Hab dich nicht so, verdirb mir nicht den Spaß, sei nicht so kleinlich, bevormunde mich nicht: Die politisch unkorrekte Gegenentrüstung ist ihrerseits eine dumme Pose. Es war schon immer schöner, die eigene Wildheit gegen die elterliche Spießigkeit zu setzen, gerade wenn man wusste, dass die Eltern recht haben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-13 16:03:10
Letzte ńnderung am 2016-12-22 15:44:13



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