• vom 18.12.2016, 15:00 Uhr

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Von Gerhard Hubmann

  • Im Herbst 1966 arbeitete Heimito von Doderer an einer Rezension von Peter Marginters Roman "Der Baron und die Fische". Sein Tod am 23. Dezember verhinderte die Fertigstellung des Textes, doch sein Leseexemplar mit Anmerkungen blieb erhalten.

Mit Bleistift schrieb Doderer in Marginters Roman: "in der Monarchie gab es keine Gummiknüppel", worauf Marginter sehr viel später mit Kugelschreiber das Wort "Säbel" eintrug. - © Hubmann

Mit Bleistift schrieb Doderer in Marginters Roman: "in der Monarchie gab es keine Gummiknüppel", worauf Marginter sehr viel später mit Kugelschreiber das Wort "Säbel" eintrug. © Hubmann

Im Hochsommer 1966 betrat ein sonderbares Trio die literarische Bühne: ein Baron mit dem knorrigen Namen Elias von Creutz-Querheim und mit Maulwurfsblut in den Adern, sein afroamerikanischer Diener Joseph Buonaparte Novak und sein Sekretär und Jurist Dr. Simon Eybel. Der Baron, ein weltweit anerkannter Privatgelehrter auf dem Gebiet der Fischkunde, nützt die Gelegenheit eines Ballonabsturzes im spanischen Panticosa, um mit seinen beiden Mitarbeitern nach den sagenhaften singenden Fischen zu forschen.

Parallel zu dieser letztlich fatalen Suche macht Simon Eybel die Wandlung in ein gottähnliches Wesen durch, für das die irdischen Regeln von Raum und Zeit nicht gelten. Wo er sich auch aufhält - ständig tauchen Leute auf, die in die Vorgänge irgendwie eingeweiht sind und Simons Metamorphose gespannt verfolgen.


Diese kuriose, rätselhafte Welt tut sich im Roman "Der Baron und die Fische" von Peter Marginter auf. Der 1934 in Wien geborene Schriftsteller, der 2008 gestorben ist, war als promovierter Jurist und Staatswissenschafter im österreichischen Auslandskulturdienst tätig, der ihn in die Türkei, nach Russland und zuletzt nach England führte. In London beendete er seine Beamtenlaufbahn als Leiter des Österreichischen Kulturinstituts. Nebenher und außerhalb der Amtsstunden, wie er immer wieder betonte, schuf er ein originelles, stilistisch gediegenes Werk.

Ins Blaue fabuliert
"Der Baron und die Fische" blieb sein bekanntestes Buch, das im treffendsten Sinn des Wortes sein Erstling war. Denn Marginter hatte bis dahin kein literarisch gemeintes Wort geschrieben. Erst als 1962 seine Freundin und spätere Frau Eva den Sommer in Paris verbrachte, fing er literarisch Feuer. Statt sentimentaler Briefe schrieben die beiden abwechselnd, im Rhythmus der Post, an einer ins Blaue fabulierten Geschichte. Peter Marginter riss das Projekt bald an sich und stellte eine erste Version des Romans her, die 700 Typoskript-Seiten umfasst haben soll.

Nach Wien zurückgekehrt, dampfte Eva Marginter das Manuskript auf die Hälfte ein und übergab es hinter dem Rücken ihres Mannes einer Mitarbeiterin der traditionsreichen Buchhandlung Heger. Über diese Zwischenstation gelangte der Roman an den Langen Müller Verlag in München und in die Hände des Verlagsleiters Joachim Schondorff, der sofort zugriff.

Information

Gerhard Hubmann, geboren 1982, ist Mitarbeiter der Handschriftensammlung der Wienbibliothek im Rathaus, wo er den Nachlass Peter Marginters aufgearbeitet hat.

Schondorff hatte eine ausgeprägte Neigung zu literarischen Skurrili- und Pekuliaritäten aus Österreich. "Der Baron und die Fische" passte bestens in diese Programmlinie. Marginters Roman erschien Ende Juli 1966 und wurde viel und gut besprochen. Allerdings verkaufte er sich schlecht. Die deutschen Buchhändler bissen bei dem Roman um den adeligen Fischkundler nicht an. Alle Hoffnungen lagen auf einer gewichtigen Stimme aus Österreich, die Marginter bereits 1965 dafür gewinnen konnte, sich seines Buches anzunehmen, nämlich jener Heimito von Doderers. Wolfgang Fleischer, der zu dieser Zeit Doderers Sekretär war, hatte seinen Freund Marginter mit dem Meister zusammengebracht. Doderer hatte dann bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" angefragt, ob man ihm die Rezension des "Baron" reservieren könne. Er halte den Debütanten "für ein wirkliches Phänomen der Erzählungskunst". Doderer erhielt den Auftrag - und Marginter und sein Verleger erwarteten ungeduldig die Rezension.

Der gesundheitlich angeschlagene Doderer hatte angekündigt, sich nach den Feierlichkeiten rund um seinen 70. Geburtstag an die Niederschrift zu machen. Doch Anfang November begab er sich wegen starker Bauchschmerzen in ein Spital in Döbling, wo er nach zwei Darmoperationen am 23. Dezember 1966 starb. Die Rezension, die er gerüchteweise nur mehr hätte diktieren müssen, blieb ungeschrieben. Sie war wohl das letzte publizistische Kleinprojekt, das Doderer im Blick hatte.

Zu Besuch bei Eva Marginter, Juni 2016. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Leseexemplar des "Baron", ein schmuckloser Buchblock ohne Einband. Verlage verschickten solche Exemplare einige Wochen vor dem Erscheinungstermin an Buchhändler und potentielle Rezensenten, um für den neuen Titel zu werben. Dass dieses ganz spezielle Exemplar des "Baron" existiert, verriet Peter Marginter 1998 in einem Aufsatz: Doderers Witwe hatte ihm das Buch, das "zahlreiche sehr präzise Randbemerkungen" enthalte, geschenkt.

Wenn man die glückliche Gelegenheit erhält, darin zu blättern, fallen einem schnell zwei verschiedene Handschriften auf, die den gedruckten Text kommentieren. Die Zusätze mit blauem Kugelschreiber, die bei weitem in der Überzahl und späteren Datums sind, stammen von Marginter selbst, die Notate mit Bleistift von Doderer. Blendet man Marginters Einfügungen fürs Erste aus, dann hat man es bei diesem Exemplar des "Baron" mit einem rührend-komischen Zeugnis spontaner Leseeindrücke zu tun. Doderer ist hier beim ersten Lektüredurchgang zu beobachten - und es stellt sich heraus, dass er - wie andere Leser auch - den Finten und Tücken eines ihm unbekannten Romans ausgeliefert war. So kennt man Doderer gemeinhin nicht.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-15 18:08:05
Letzte ─nderung am 2016-12-15 18:21:12



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