• vom 25.12.2016, 12:00 Uhr

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Update: 27.12.2016, 10:24 Uhr

Literatur

Erzählen gegen die Fremde




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Von Detlef Berentzen

  • "Unsere Hilflosigkeit schlägt sich in Kinderaugen nieder": Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Peter Härtling und seinem neuen Buch, "Djadi, Flüchtlingsjunge".



Der Schriftsteller Peter Härtling (geb. 1933 in Chemnitz) an seinem Arbeitstisch.

Der Schriftsteller Peter Härtling (geb. 1933 in Chemnitz) an seinem Arbeitstisch.© Berentzen Der Schriftsteller Peter Härtling (geb. 1933 in Chemnitz) an seinem Arbeitstisch.© Berentzen

"Er kam unerwartet für die Wohngemeinschaft. . ." So fängt es an. Und es stimmt. Alle kamen sie unerwartet. Niemand hatte auf sie gewartet. Doch man hätte all die erwarten können, ja müssen, die ein mörderischer Krieg vor sich her treibt. Aber man tat es nicht. Also kommt auch Djadi unerwartet. Keine Eltern, keine Geschwister, voller Angst. Kommt mit den Flüchtlingen, den vielen. Und der hochsensible Schriftsteller Peter Härtling entdeckt ihn, schreibt ihn auf. Sein Roman liegt bei unserem Gespräch im hessischen Walldorf auf dem runden Tisch: "Djadi, Flüchtlingsjunge".

Peter Härtling: "Die Fernsehbilder von Kriegskindern und Kriegsmüttern haben mich in den letzten Jahren so durcheinander gebracht, dass mir oft die Tränen gekommen sind. Irgendeine alte Verletzung in mir ist aufgebrochen. Als ich dann dieses eine Foto von dem Kind, das tot am Ufer liegt, gesehen habe, ist die Unruhe in mir so groß geworden, dass ich anfing, Texte über Kinder, die unbegleitet herkommen, zu lesen. Es gibt ja Fachliteratur, eine Menge schon. Und mein Sohn, der Kinderpsychiater, hört ebenfalls viel von solchen Kindern. In einem der Bücher, ich weiß nicht mehr, welches es war, stand eine Fallbeschreibung und da tauchte der Name "Djadi" auf - das war wie ein Zuruf: Das bin ich! Und dann hatte ich ihn, zusammen mit all den Bilderschichten, auch den eigenen Ängsten und Engen, die dazu gehören - daraus entstand eine innere Verwandtschaft.





Information

Peter Härtling

Djadi, Flüchtlingsjunge

Roman. Verlag Beltz & Gelberg, 2016, 116 Seiten, 13,40 Euro.

In den meisten seiner vielen Romane war Peter Härtling unterwegs mit randständigen Figuren, mit Außenseitern, Suchenden, Eigensinnigen - von Hölderlin bis Schubert. Nichts daran hat sich geändert: Härtling ist bei sich geblieben. Auch bei dem Kind, das er einst war, das ihn bis heute begleitet, aufmerksam sein lässt und hellwach. War Peter doch als Bub selbst auf der Flucht gewesen - von Olmütz über Zwettl und Wien bis nach Nürtingen, verlor erst den Vater, dann die Mutter an die Folgen der Nazi-Barbarei. All die Anfänge seiner Kindheit gerieten ihm, genau wie Djadi, wesentlich zu Angst und Schmerz, auch zu Wut.

Härtling: Es sind Verletzungen, die längst vergessen sind und aufgearbeitet scheinen. Aber ich sehe selbst bei Menschen, die mir nah sind, dass das nie enden wird. Ich glaube, dass solche Anfangsängste und Anfangsverluste so heftig sind, dass sie wie ein rasendes Echo durch ein ganzes Leben gehen. Und diese Echos schmerzen, wenn sie laut werden, da hat mir Djadi in jeder Hinsicht geholfen. Diese Echos haben mir auch geholfen, ihn zu verstehen, die Kinder hier zu verstehen. Wenn wir - das rate ich immer jenen, die sich aufregen über Fremde und Flüchtlinge - in die Augen dieser Kinder schauen, dann erblicken wir unser ganzes Elend, eigentlich unsere Unmenschlichkeit. Unsere Hilflosigkeit, auch unsere Dummheit, ja, unsere Erbärmlichkeit schlagen sich in diesen Kinderaugen nieder.

Der Flüchtlingsjunge Djadi gerät an der Hand des Sozialarbeiters Jan in dessen Wohngemeinschaft. Und später nicht selten ob der ihn plagenden Panikattacken unters Sofa. Djadi wird sich anfreunden mit Dorothea, Detlef und Gisela, mit Kordula und vor allem mit dem pensionierten Lehrer Wladimir. Denn bei ihnen gibt es Nähe und Wärme. Und fraglose Hilfe. Und da sind viele Fragen: Nichts hier ist Djadi bekannt, er muss lernen, sie alle müssen lernen - und sie tun es, lernen voneinander, auch "Von fremden Ländern und Menschen", es gibt sogar Momente, die sind "Glückes genug" und verhindern das "Fürchtenmachen".

Härtling: Mir fiel immer wieder Robert Schumann ein. Die Gebrochenheit der "Kinderszenen", in denen steckt der ganze Djadi drin. Diese Szenen sind für mich eine Bewegung des Heranholens - die Musik trennt mich nicht von ihm, ich fange ihn mit meiner Musik ein.

Die "Kinderszenen" haben für Härtling - dem Autor von "Schumanns Schatten" - die außerordentliche Nähe zu dem Flüchtlingskind intoniert. So nahe war er ihm, dass Härtling ihn im Buch nur einer dieser altbewährten "Wohngemeinschaften" anvertrauen wollte, die, so wie er selbst, noch nicht aufgegeben haben, deren ergraute Bewohner auch heute noch in der Lage sind zu lernen, zu begreifen - und neugierig sind.

Härtling: Das ist genau genommen eine Ausdrucksweise, die ich von einer zivilisierten Gesellschaft erwarte: die Kombination von Intelligenz, Gemeinsamkeit und miteinander etwas machen, wobei die drei Paare in der Alten-WG ja höchst unterschiedlich sind, aber ihre Unterschiede zueinander bringen. Und da dachte ich mir: Gut, dass mit Wladimir einer da ist, der sozial interessiert ist - im Gegensatz zu den anderen, die nicht ganz so beteiligt sind -, und dass ausgerechnet er auf diesen kleinen Menschen stößt. Dem Wladi muss doch klar sein: Das schaffen wir, wir Sechse, wir kriegen das hin! - Und der kriegt das auch hin. Und das Kind erfährt auf diese Art die unterschiedlichen Ausdrucksweisen unserer Zivilisation. Djadi erfährt, dass es Steuerberater gibt, die mit unglaublich vielen Zahlen umgehen, dass es Sozialarbeiter wie Jan gibt, die helfen wollen, dass Dorothee eine Psychologin ist, die mit kaputten Seelen umgeht, und dass es einen wie Wladimir gibt, einen alten Mann, der sozusagen den Restbestand von Liebe verwaltet.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-22 17:17:08
Letzte nderung am 2016-12-27 10:24:13



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