• vom 26.12.2016, 12:00 Uhr

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Dem Fluss der Imagination folgen




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Von Sabine Ertl

  • Der japanische Autor Haruki Murakami verlässt in seiner Autobiographie den Pfad der gewohnten Zurückhaltung - und lässt tief in seine erfolgreiche Schriftstellerkarriere blicken.

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren.

Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren.© Markus Tedeskino/ag. Fokus Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren.© Markus Tedeskino/ag. Fokus

Es gibt eine ewige Anwärter-Liste zum Literaturnobelpreis. Vor nicht allzu langer Zeit stand Bob Dylan ganz oben. An diese Stelle rückt nun der mittlerweile 65-jährige japanische Erfolgsautor Haruki Murakami, der heuer wieder leer ausgegangen ist. Sicherlich hätte ihn diese Auszeichnung gefreut, doch er lässt sich durch nichts beirren: Er schreibt seit immerhin 35 Jahren in seinem Rhythmus weiter. Und das ist schon eines der wesentlichen Geheimnisse, das er im Buch "Von Beruf Schriftsteller" ausplaudert: sich von Rückschlägen nicht aufhalten lassen, Kritikern die Stirn bieten, unbeugsamen Willens sein, zäh und kontinuierlich weiterarbeiten.

Richtiger Zeitpunkt

Nebenbei braucht man Talent: Bei den einen mag es knapp unter der Oberfläche liegen, andere müssen da schon etwas tiefer graben. Irgendwann trete es zu Tage oder eben nicht, davon ist Murakami überzeugt. Aber: Man müsse wachsam sein, um den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Bei ihm selbst geschah es im April 1978, als er im Tokioter Jingu-Stadion ein Baseballspiel besuchte und ihn plötzlich der Gedanke durchfuhr: "Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben."

Anfänglich hatte er es nicht leicht. In einem Land, das seiner traditionellen Sprache und Literatur sehr verhaftet ist, erregte er Unmut mit seiner Begeisterung für alles US-Amerikanische. Murakami ging mit der Kritik pragmatisch um: "Wenn ich fünf Prozent der Japaner anspreche, dann sind es sechs Millionen Menschen. (. . .) Wenn man die ganze Welt ins Auge fasst, dann hat man eine wesentlich größere Anzahl von Lesern."



Schriftsteller seien eben wie Fische. Man müsse gegen den Strom schwimmen, sich von der Masse abheben - und zwar ein Leben lang, meint er. Er tat dies dann auf seine Weise und verließ des öfteren seine Heimat, um in den USA und Europa zu leben.

Information

Haruki Murakami

Von Beruf Schriftsteller

Autobiographie. Übersetzt von Ursula Gräfe. Dumont, Köln 2016, 240 Seiten, 23,70 Euro.

Der ehemalige Besitzer einer Jazzbar, nachts am Küchentisch die ersten Manuskripte verfassend, sagt nun über sich: "Mein Handwerk nährt seinen Mann". Aber darum geht es ihm nicht nur: "In Wahrheit schreibe ich für mich selbst", erzählt er. Schreibblockaden kenne er nicht, da er auch keine Zusagen und Abgabetermine habe. Beim Schreiben bewege er sich gefühlsmäßig in der Mitte von langsamem Radfahren und schnellem Gehen. Etwas, das nicht möglich wäre, hätte er nicht die Balance aus körperlicher Kraft (Murakami ist ambitionierter Läufer) und psychischem Leistungsvermögen gefunden. Nur in diesem Lot könne er dann und wann in den eigenen dunklen Keller hinabsteigen, um Nahrung zu finden für seine schillernden Figuren, die er an geheimnisvollen Orten Unvorhergesehenes erleben lässt. Er nennt das "dem Fluss der Imagination folgen".

"Fiktion ist mit dem zu vergleichen, was im Traum passiert." Um diese Kraft optimal auszuschöpfen geht er täglich um 22 Uhr ins Bett, steht um 4 Uhr früh auf und beginnt mit dem Tagwerk von zehn Blättern japanischen Manuskriptpapiers mit je Blatt von 400 Zeichen, das sind etwa fünf Seiten am Computer.

Neutral & schnörkellos

Nach dieser ersten Fassung kommt der für ihn "schmackhafte Teil": Zahlreiche Überarbeitungen und Durchsichten, bevor das Werk für ein halbes oder ganzes Jahr abliegt, um erneut durchforstet zu werden. Murakamis Faustregel: "Es gibt an einem Text immer und unbedingt etwas zu verbessern".

Zuvor aber gilt es einen eigenen Stil zu finden. Typisch für seine Literatur sind "rohe und kompakte Texte". Folgende Anekdote dazu: Er habe in seinen Anfängen ein Buch auf Japanisch geschrieben, danach ins Englische zurückübersetzt und dann wieder in die japanische Sprache gebracht. Herausgekommen sei sein Stil: neu-tral und schnörkellos. Bis heute.

Denn der Bestsellerautor ist bescheiden geblieben: "Im Grunde genommen bin ich ein völlig normaler Mensch. Auch fehlt das noble Understatement für die Leser nicht: "Ich würde mich glücklich schätzen, wenn sie zumindest einen kleinen, aber wahren Nutzen hätten."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-22 17:20:11
Letzte ─nderung am 2016-12-22 17:43:15



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