• vom 05.01.2017, 17:30 Uhr

Autoren


Literatur

Die hohe Schule des Sehens




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Oliver vom Hove

  • Der britische Schriftsteller und Kunstkritiker John Berger verschrieb sich einer sozialkritischen Gesamtschau auf die Kunst - und auf das Leben. Der wache Weltbeobachter ist am 2. Jänner 2017 verstorben.

Meister der Blickschärfung: John Berger (1926-2017).

Meister der Blickschärfung: John Berger (1926-2017).© Eamonn McCabe/getty images Meister der Blickschärfung: John Berger (1926-2017).© Eamonn McCabe/getty images

Sein letztes Buch versammelt noch einmal zahlreiche seiner Essays über die Fotografie. Damit hatte sich der britische Kunstkritiker und Romancier John Berger zeitlebens beschäftigt - unter zahlreichem anderen und stets im Zusammenhang mit seinen vielbeachteten Untersuchungen zur ästhetischen Wahrnehmung, sei es von Bildern und Abbildern, sei es von Menschen, Städten, Landschaften, Tieren.

Ende der sechziger Jahre erlangte er durch seine BBC-Fernsehsendung "Ways of Seeing", der das Buch "Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt" folgte, nicht nur in England anhaltende Popularität. Kein anderer Kunstvermittler seiner Generation hat so viel Einfluss gewonnen auf die Wahrnehmung der hinter der Wirklichkeit verborgenen Bedeutung von Kunstwerken, ob aus der Vergangenheit oder der Gegenwart.

Kühner Ikonograph

John Bergers Methode war die einer kühnen Kombination von Wissen und Erfahrung, von Ikonographie und gegenwartsnaher Wachheit. Damit begründete er eine Schule der Blickschärfung, des Nahsehens. Schicht um Schicht der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte eines Bildes oder sonstigen Artefakts legte er frei. So entstanden überraschungsreiche Verbindungen von persönlicher Malerdisposition und Alltagsgeschichte, von ästhetischer Anschauung und gesellschaftspolitischer Einsicht. Berger war ein emphatischer Augenöffner der Kunst. Sein Erkenntnisinteresse stand diametral der L’art-pour-l’art-Auffassung entgegen, die sich auch gegenwärtig wieder hoffähig gemacht hat.



Seinen Weg zur Kunst und Kunstkritik fand John Berger nicht über die übliche akademische Ausbildung. Vielmehr absolvierte der 1926 geborene Londoner eine Kunstschule in Chelsea und wurde Maler. Seit den fünfziger Jahren verfasste er Kunstkritiken und Künstlerbiographien. Sein politisch geschärfter Blick auf die Kunst erregte im angelsächsischen Raum Aufsehen, obschon sich diese Sehweise in der deutschen kunstgeschichtlichen Tradition bereits eine Generation vor ihm durchgesetzt hatte. Walter Benjamin und Max Raphael waren die Wegweiser für seine sozialkritische Gesamtschau auf die Kunst.

Information

John Berger

Der Augenblick der Fotografie

Essays. Übersetzt von Hans Jürgen Balmes. Hanser, München 2016, 270 Seiten, 22,70 Euro.

Für den pragmatischen Engländer mag auch die handwerklich orientierte "Arts and Craft"-Bewegung seiner Landleute Morris und Ruskin von Einfluss gewesen sein, wenngleich ihm deren romantische Verklärung der Vergangenheit gänzlich zuwider lief. Mit seinem zweiten Romanexperiment "G"., einer erotischen Paraphrase auf Don Giovanni, entfachte Berger einen Skandal, den er noch übertraf, indem er den 1972 dafür erhaltenen Booker-Preis zur Hälfte der Black-Panther-Bewegung spendete - aus Protest gegen den durch Sklavenhandel reich gewordenen Preisstifter. Mit dem Rest des Geldes finanzierte er die wieder brandaktuelle Migrationsstudie "Der siebte Mensch".

Soziales Engagement

Wie der alternde Tolstoi haderte John Berger mit der ungerechten Güterverteilung auf der Welt. Er engagierte sich in sozialen Bewegungen und verließ früh die städtischen Umtriebe, um sich in einem Dorf in den Bergen Savoyens dem einfachen Dasein auf dem Lande zu widmen.

Mehr als vierzig Jahre lang lebte er in Quincy, in einem einfachen Haus unter den einheimischen Bauern. Seine Chronik "Sau-Erde", Teil der Trilogie "Von ihrer Hände Arbeit", zeugt von den Mühen und kargen Freuden der bäuerlichen Menschen.

Mit seinen Untersuchungen machte Berger nicht zuletzt auf die Verarmung der Landbevölkerung und das Verschwinden der bäuerlichen Kultur, nicht nur im alpinen Raum, aufmerksam. Die fortgesetzte Propaganda des Fortschritts höhlt die Zivilisation aus, fand er. Den städtischen Raum sah er als "Theater der Gleichgültigkeit". Daran machte er bereits vor vier Jahrzehnten den heute wieder politisch dramatisch sichtbaren Gegensatz von Stadt und Land fest:

"Ein Begräbnis auf dem Dorf zum Beispiel ist weitaus förmlicher als irgendein öffentlicher Vorgang heute in der Stadt", stellte er fest, und: "Ein Mann vom Dorf kann das Theater der Gleichgültigkeit nicht begreifen. Er hat nie zuvor gesehen, dass Leute so viel mehr an Ausdruck hervorbringen, als nötig ist, um sich selbst auszudrücken. Und so nimmt er an, dass ihr verborgenes Leben so reich und geheimnisvoll ist wie ihre Ausdrucksweise extrem ist. Er glaubt, dass alles, was in der Stadt geschieht, weit über seine Vorstellung und seine früheren Träume hinausgeht. Tragischerweise hat er recht."

Rousseau, gemischt mit Karl Marx - das war John Berger. In einem seiner schönsten Essays, über "Sehnsucht und Anziehungskraft des Kinos", heißt es: "Was vom Kino gerettet wird, wenn es zur Kunst wird, ist eine spontane Verbindung zur gesamten Menschheit. Der Film ist keine Fürstenkunst und keine bürgerliche Kunst. Er ist volkstümlich und vagabundierend. Im Himmel des Kinos erfahren die Menschen, was sie hätten sein können, und sie entdecken, was außer ihrem Einzeldasein noch alles zu ihnen gehört. Das eigentliche Thema des Kinos - in unserem Jahrhundert des Verschwindens - ist die Seele, der das Kino eine globale Zuflucht bietet. Hier, so glaube ich, liegt der Schlüssel seiner Sehnsucht und seiner Anziehungskraft."

Zuletzt lebte der verwitwete Essayist, der 1989 mit dem Österreichischen Staatspreis für Publizistik geehrt worden war, in Antony, einem Vorort von Paris. Dort starb er am 2. Jänner, wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-05 16:41:07
Letzte ─nderung am 2017-01-05 16:57:16



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Kein "Irrer mit der Bombe"
  2. Dem Verbrechen auf der Spur
  3. Von unten sieht alles anders aus
Meistkommentiert
  1. "Ohne Polen kollabiert London"
  2. Tango Noir: Tanz der dunklen Mächte
  3. am grabstein

Werbung





Werbung


Werbung