• vom 06.01.2017, 15:19 Uhr

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Update: 06.01.2017, 15:35 Uhr

Attentat

Schule der Leichtigkeit




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Von Martin Reiterer

  • Die "Charlie Hebdo"-Zeichnerin Catherine Meurisse über ihr Jahr nach dem Anschlag vom 7. Jänner 2015.


© Seite 51 aus "Die Leichtigkeit." Carlsen © Seite 51 aus "Die Leichtigkeit." Carlsen

Paris. Als Apollo und Artemis aus Rache für Niobes Hybris deren sieben Söhne und Töchter tötet, erstarrt diese vor Schmerz. Eine Art Erstarrung befiel auch Catherine Meurisse in den Wochen und Monaten nach dem 7. Jänner 2015. An diesem Tag, heute vor zwei Jahren, fand der terroristische Angriff auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" statt, dem die Zeichnerin lediglich entging, da sie zu spät zur Redaktionssitzung eintraf. Verschanzt in den Räumlichkeiten des Nachbarbüros, hört sie die Schüsse nebenan. Zwölf Menschen, darunter die Zeichner Stéphane Charbonnier ("Charb"), Jean Cabut ("Cabu"), Bernard Verlhac ("Tignous"), Philippe Honoré, Georges Wolinski wurden bei dem Massaker getötet, mehrere verletzt.

"Ich höre nichts. Mein Körper ist abwesend, nur meine Augen sind lebendig und suchen das Weite." Der medizinische Begriff lautet Dissoziation, eine Art Abspaltung, die das Gehirn als Selbstschutz betreibt und bei der unter anderem das Gedächtnis teilweise aussetzt, sich ein Gefühl der Unwirklichkeit und Fremdheit breitmacht.


Verlust der geistigen Familie
Noch eine Woche nach dem Anschlag erscheint eine Ausgabe von "Charlie Hebdo", als "Journal der Überlebenden" und Statement für die Pressefreiheit, an der Meurisse mitarbeitet. Danach "verliere ich mein Gedächtnis", notiert sie. Nach zehnjähriger Mitarbeit verlässt die damals 35-Jährige die Zeitschrift. Der Comic, den sie in den Sommermonaten 2015 beginnt, trägt den programmatischen Titel "Leichtigkeit". Er stellt den verzweifelten und zugleich unbändigen Versuch dar, etwas wiederzugewinnen, was mit dem brutalen Massaker schlagartig weggewischt wurde und den Verlust nahezu ihrer gesamten geistigen Familie zur Folge hatte.

Es geht auch um "das Lachen über die Absurditäten des Lebens", "das verhindert, dass man verrückt wird". In imaginären Redaktionssitzungen ruft die Autorin die verstorbenen Freunde und Satiriker zusammen, um sie zu befragen, wie sie in dieser Situation mit ihren Mitteln reagieren würden. Sie zögert nicht, auch jetzt mit schwarzem, makabrem Humor sich zu behelfen, zu dem sie ihre Freunde im Zwiegespräch, als wären sie noch unter den Lebenden, ermuntern. In immer wieder neuen rekapitulierenden Anläufen versucht sie, eine Spur zu finden, um die Kapitulation zu umgehen. Das gängige Repertoire an Hilfsmitteln, Spaziergänge, Lieblingsautoren, Theater, bleibt dabei nicht unberücksichtigt, wie auch die Einbrüche, die Zusammenbrüche nicht ausbleiben.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-06 15:23:06
Letzte ńnderung am 2017-01-06 15:35:38



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