• vom 09.01.2017, 17:25 Uhr

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Update: 09.01.2017, 17:26 Uhr

Sachbuchkritik

Helfer und Hetzer




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Von Heiner Boberski

  • Drei neue Bücher über die Kluft in unserer Gesellschaft am Beispiel Deutschlands.

Die große Stunde der Zivilgesellschaft: Freiwillige halfen im Sommer 2015, den Flüchtlingen ihr Dasein zu erleichtern. - © apa/Gindl

Die große Stunde der Zivilgesellschaft: Freiwillige halfen im Sommer 2015, den Flüchtlingen ihr Dasein zu erleichtern. © apa/Gindl

"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen." Mit diesem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe beginnt der Journalist und Historiker Tillmann Bendikowski sein neues Buch "Helfen". Er geht vom Sommer 2015 aus, als plötzlich hunderttausende Flüchtlinge nach Mitteleuropa kamen. Dank einer spontanen Welle der Hilfsbereitschaft, vor allem seitens der Zivilgesellschaft in Deutschland und Österreich, konnte diese Situation bewältigt werden.

Bendikowski spricht von einem "humanitären Sommermärchen". Er erinnert daran, wie damals das Bild des dreijährigen syrischen Buben Aylan Kurdi, der tot an die türkische Küste gespült worden war, um die Welt ging. Man habe seinen Augen nicht trauen wollen, wie sich damals eine "Willkommenskultur" ausbreitete. Ausgerechnet ein "Land, das selber noch vor gut zwei Generationen Krieg und Massenmord über Europa gebracht hatte", wurde zu einem Zufluchtsort der Verfolgten und einem Symbol der Hoffnung.

Information

Sachbücher

Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte
Andreas Speit
Orell Füssli, 350 Seiten, 18,50 Euro

Die radikalisierte Gesellschaft
Ernst-Dieter Lantermann
Blessing, 224 Seiten, 20,60 Euro

Helfen - Warum wir für andere da sind
Tillmann Bendikowski
Bertelsmann, 352 Seiten, 20,60 Euro

Die Gegenbewegung war da schon längst im Gange. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, die mit dem Satz "Wir schaffen das!" die Aufnahme der Flüchtlinge befürwortete, damit christliche Haltung bewies und traditionelle europäische Werte hochhielt, stieß auf heftige Kritik und verlor an Popularität. Gruppierungen, die sich bereits durch ausländerfeindliche Parolen einen Namen gemacht hatten, gewannen an Zulauf, sogar die mit Merkels CDU regierende bayerische CSU ging deutlich auf Distanz zur Kanzlerin, die auch in der eigenen Partei an Rückhalt einbüßte.

Die Netzwerke der Rechten

In seinem Buch "Bürgerliche Scharfmacher" schildert Andreas Speit diese Entwicklung in Deutschland, vor allem am Beispiel der Wahlerfolge der "Alternative für Deutschland" (AfD) und der Auftritte der Pegida ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes") oder der "Identitären": "Eine soziale Bewegung von rechts richtet das bundespolitische Koordinatensystem nachhaltig neu aus. Diese neuen Rechten sind längst eine Bewegung, sie haben eine kollektive Identität, trotz Differenzen, und sind durch mobile Netzwerke miteinander verwoben. Sie kommen nicht aus dem Nichts oder vom Rand, sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft." Nicht nur durch Parteipolitik, sondern auch durch ihre publizistische Tätigkeit sei in der deutschen Gesellschaft das Sag- und Wählbare weit nach rechts verschoben worden.

Speit, Sozialökonom und Journalist, kennt sich mit dem Rechtsextremismus in Deutschland hervorragend aus und präsentiert die ideologischen Vordenker und ihr Gedankengut. Leider verliert er sich in vielen Details zum Thema, was auf Kosten der Übersichtlichkeit des Buches geht, und bedient sich einer für den Normalbürger eher schwer verständlichen Sprache. Er zeigt auf, dass die AfD von Beginn an nicht bloß eine "Einthemenpartei" war, sondern dass ihr Personal schon früh nach weit rechts drängte. In Vernetzung mit anderen rechten Gruppierungen betreibt sie einen regelrechten Kulturkampf für ein anderes Gesellschaftssystem.

Laut einer von Speit zitierten Studie aus dem Jahr 2015 haben 20 Prozent der Deutschen ganz deutlich eine rechtspopulistische Haltung, 42 Prozent neigen zu rechtspopulistischen Einstellungen - die sich gegenüber Flüchtlingen und Muslimen, Sinti und Roma sowie auch zu Homosexuellen und Frauen zeigt. "In dieser Bewegung ist die AfD das parteipolitische Gravitationsfeld, das ,Institut für Staatspolitik" eines der ideologischen Zentren und Pegida der atmosphärische Anheizer", schreibt Speit. Man neige zu Hassausbrüchen - für die deutschen Spitzenpolitiker Angela Merkel und Sigmar Gabriel habe man bei einer Kundgebung demonstrativ Galgen errichtet. Gewaltsame Übergriffe hätten sich in den letzten Jahren vervielfacht, aus "Wutbürgern" seien "Tatbürger" geworden. Es liegt laut Speit in hohem Maß "an renommierten Personen der gesellschaftlichen Mitte", dass berechtigte Sorgen entfacht und genährt und zu echten Ängsten werden: "Diese Ängste dürfen ängstigen. Sie werden nicht nur die Bundestagswahl 2017 bestimmen."

Den psychologischen Hintergründen von Fanatismus geht der Sozialpsychologe Ernst-Dieter Lantermann in seinem Buch "Die radikalisierte Gesellschaft" auf den Grund: "Wer die um sich greifende Radikalisierung von Menschen verstehen möchte, die den rasanten gesellschaftlichen Veränderungsschüben und den damit verbundenen Unsicherheiten und Verstörungen ausgesetzt sind, muss an einer entscheidenden Stelle des Seelischen ansetzen: an dem grundlegenden Bedürfnis nach Überschaubarkeit, Gewissheit, Kontrollierbarkeit und Sicherheit."

Die Rolle der Zivilgesellschaft

Wenn man den politischen Institutionen und Eliten eine Lösung der gegenwärtigen Probleme und Konflikte nicht mehr zutraue, neige man zu extremen Positionen: "Radikalisierte und Fanatiker können gerade durch ihre zugespitzten Haltungen und Handlungen die notwendigen Gewissheiten zurückgewinnen, die es ihnen ermöglichen, sich auch in einer Welt voller Ungewissheiten als souveräne, mit sich selbst einverstandene Gestalter ihrer Lebensführung zu behaupten."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-09 15:56:04
Letzte Änderung am 2017-01-09 17:26:04



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