• vom 17.01.2017, 16:01 Uhr

Autoren


Literatur

Heil dem Donald




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Klaus Stimeder

  • Amerikaner suchen Trost in der fiktiven Diktatur und finden in literarischen Tyranneien Parallelen zu ihrer politischen Gegenwart.

Schrieb schon von einem Mann, der "America great again" machen wollte: Sinclair Lewis.

Schrieb schon von einem Mann, der "America great again" machen wollte: Sinclair Lewis.© Picturedesk Schrieb schon von einem Mann, der "America great again" machen wollte: Sinclair Lewis.© Picturedesk

Der Weckruf könnte lauter kaum sein. Andrew Reynolds ist ein verdienter Professor für Politikwissenschaft an der University of North Carolina Chapel Hill, Spezialgebiet Wahlrecht. In den vergangenen 25 Jahren hat er Urnengänge in Afghanistan, Myanmar, Ägypten, Libanon und dem Jemen wissenschaftlich untersucht. 2012 fanden seine Methoden Eingang in das Electoral Integrity Project (EIP), das von der US-Uni Harvard und der University of Sydney betrieben wird und weltweit misst, wie demokratisch und frei Länder wirklich sind. Seitdem wurden 213 Wahlen in 153 Ländern untersucht, auch in Amerika selbst. Was Reynolds’ Heimat-Bundesstaat angeht, mit bemerkenswertem Ergebnis. Wenn North Carolina mit seinen zehn Millionen Einwohnern ein Land wäre, fände es sich laut der EIP-Studie in puncto demokratischer Standards auf einer Stufe mit Kuba, Indonesien oder Sierra Leone wieder. Das Urteil des Politikwissenschafters angesichts der Fakten: "Nach allen herkömmlichen Maßstäben ist North Carolina keine funktionierende Demokratie mehr."

Nicht, dass diese Entwicklung, nicht schon seit langem bekannt wäre. Nachdem sich die Konservativen um die Tatsache, dass rund drei Millionen mehr Leute für Hillary Clinton als für Donald Trump gestimmt haben, nichts scheren, scheint die Frage mittlerweile berechtigt: Befinden sich die USA auf dem Weg zu einem autoritären Regierungssystem?


Der "eiserne Absatz"
der Oligarchen

Wie die Verkaufszahlen von Amazon und Co. beweisen, besinnen sich viele Amerikaner bei der Suche nach einer Antwort dieser Tage auf eine, was den öffentlichen Diskurs in den Vereinigten Staaten angeht, überraschende Kategorie: Literatur. Auch wenn es in den USA keine publizistischen Traditionen wie die lateinamerikanische gibt, wo die "Novela del Dictador", der Diktatoren-Roman, ein eigenes Genre bildet, haben sich amerikanische Autoren unregelmäßig und wenig, aber doch mit der Möglichkeit einer hausgemachten Tyrannei auseinandergesetzt. Mit so unterschiedlichen wie prophetischen und einflussreichen Ergebnissen.

Gleich das erste Buch, auf dessen Seiten ein namhafter Schriftsteller das Bild einer Diktatur made in America entwarf, geriet zwar nicht zum Publikumserfolg, aber zur Blaupause der wohl berühmtesten literarischen Dystopie aller Zeiten: "1984" von George Orwell. Wie der Brite bekannte, war es ein Frühwerk des Amerikaners Jack London, das maßgeblichen Einfluss auf seine Beschreibung des fiktiven Ozeanien hatte, in dem der totale Überwachungsstaat Wirklichkeit geworden ist. Der Titel von Londons 1908 erschienenem Werk lautet "The Iron Heel". Anfang des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA eine Gruppe von Oligarchen, die einzig auf die eigene Tasche bedacht sind. Den Rest erledigt das Militär, de facto eine Privatarmee des Regimes, das jeglichen Widerstand im Keim erstickt. Vor diesem Hintergrund heiratet eine Bürgerstochter namens Avis Cunningham einen Mann aus der Arbeiterklasse namens Ernest Everhard und wird in der Folge zur Revolutionärin. Nachdem es dem Paar gelingt, Teile der Mittel- und Oberschicht für ihre Sache zu gewinnen, widmet sich die zweite Hälfte des Romans dem Kampf gegen den "Eisernen Absatz", wie das Regime genannt wird. Bomben und Gewalt inklusive. Nach einem Showdown auf den Straßen von Chicago wird klar, dass die Revolte gescheitert ist. Am Ende sterben beide unter nicht näher geklärten Umständen; aber an dieser Stelle erklärt der Erzähler, der 700 Jahre nach diesen Ereignissen aus den Aufzeichnungen von Avis Everhard liest, dass die Oligarchie kurze Zeit später im Mülleimer der Geschichte gelandet ist und seitdem der Sozialismus herrscht.

Auch wenn die Sprache von Jack Londons Werk heute antiquiert wirkt, sind Parallelen zum System Trump in "The Iron Heel" nicht von der Hand zu weisen. Allen voran der Appell an bestehende Vorurteile, die es den Oligarchen erlauben, die Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen, während sie sich selber ungeniert die Taschen füllen.

Das kann hier nicht
passieren - oder?

In den Wochen rund um die Wahl war es aber vor allem ein Werk aus 1935, das neue Absatzrekorde erzielte: "It can’t happen here" von Sinclair Lewis. In dem satirischen Roman zeichnet der erste US-Literatur-Nobelpreisträger den Aufstieg eines Demagogen namens Berzelius "Buzz" Windrip nach. Der gewinnt mit den Versprechen, die USA aus der großen Wirtschaftsdepression zu holen und "zu alter Größe zurückzuführen" die Präsidentschaftswahl und installiert umgehend ein totalitäres System. Mit dem ausdrücklichen Segen seiner Wähler beginnt er Konzentrationslager zu bauen, schafft Frauen- und Minderheitsrechte ab und gründet eine private Miliz, die sogenannten "Minute Men", die in Gestapo-Manier jeglichen Dissens gewaltsam unterdrücken. Windrips Regierung ("Corpo Government") besteht aus einer Kombination von Offizieren und reichen Geschäftsmännern. Verweise auf den Faschismus im Rest der Welt - die Handlung spielt 1936 - verbitten sie sich indes, weil: "Hier kann das nicht passieren." Der Held des Romans ist der Journalist Doremus Jessup, der sich der Widerstandsgruppe "New Underground" anschließt, die politisch Verfolgten hilft, nach Kanada zu entkommen. Nach einigen Irrungen landet er im KZ. Am Ende gelingt ihm die Flucht, während Windrip von seinen eigenen Leuten gestürzt wird. Sein Nachfolger stürzt das Land noch tiefer in die Krise und wird bei einem Militärcoup ermordet. Das Buch endet mit den USA im Bürgerkrieg.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-17 16:05:09



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. vergleiche
  2. Mängelwesen oder jugendliche Alte
  3. Wiederentdecktes Wunderkind
Meistkommentiert
  1. Ein Amerikaner besucht Wien
  2. Die Stadt der Worte
  3. Seiten für die Ewigkeit

Werbung





Werbung


Werbung