• vom 22.01.2017, 13:00 Uhr

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80. Geburtstag

Pionierin der Frauengeschichte




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Von Veronika Reininger

  • Hilde Schmölzer, Sachbuchautorin, Fotografin und Feministin, blickt auf ein reiches, produktives und schwieriges Leben zurück. Am 25. Jänner wird sie achtzig Jahre alt.



Die Jubilarin Hilde Schmölzer.

Die Jubilarin Hilde Schmölzer.© Sascha Manówicz Die Jubilarin Hilde Schmölzer.© Sascha Manówicz

Sirenentöne. Fliegeralarm. "Mitten in der Nacht nehme ich den zurecht gelegten Trainingsanzug und laufe zusammen mit meiner Mutter und dem jüngeren Bruder in den Luftschutzkeller hinunter" - so erinnert sich die am 25. Jänner 1937 in Linz geborene Hilde Schmölzer an ihre beängstigende Kindheit während des Zweiten Weltkrieges. In ihrem autobiografischen Buch "Das Vaterhaus", das im Jahr 2000 erschienen ist, erzählt die Autorin aus ihrer Vergangenheit und wie sie sich aus ihrem patriarchalen Vaterhaus befreite.

Den Sirenenton kann sie bis heute nicht ertragen, aber sie hatte auch schöne Zeiten in der Kindheit. 1943 wurde die Sechsjährige mit ihrer Familie eine Zeit lang nach Strobl am Wolfgangsee evakuiert, wo es nachts keine Bombenangriffe und keinen Fliegeralarm gab. Dort besuchte sie auch die Volksschule.

Information

Am Mittwoch, den 25. Jänner 2017 findet eine öffentliche Geburtstagsfeier für Hilde Schmölzer statt. Die Veranstaltung ist zugleich die Finissage der Ausstellung "Das böse Wien der Sechziger", in der Hilde Schmölzers Fotos aus Wien, aber auch von ihrer großen Indienreise zu sehen sind.Lesesaal der Wienbibliothek im Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse 2, Stiege 6, 1. Stock, 19.00 Uhr.

Veronika Reininger ist freiberufliche Journalistin mit den Schwerpunkten Frauenkultur und Frauensport.

Die Amerikaner, die nach Kriegsende einmarschierten und ein benachbartes Haus bezogen, hat sie als durchaus freundlich in Erinnerung. Sie verteilten Schokolade, Marillenkompott und weitere Köstlichkeiten an die hungrigen Kinder. Da ihre Mutter, die sehr gut Englisch sprach, mit einem Koch befreundet war, gab es auch täglich Mittagessen, das von dem Kind mit einer Milchkanne abgeholt wurde.

Hilde Schmölzer ist freiberufliche Journalistin, Fotografin und Sachbuchautorin. Im Jahr 2008 wurde ihr der Berufstitel "Frau Professorin" vom Bundespräsidenten verliehen. Seit mehr als vierzig Jahren lebt sie in Wien, im vierzehnten Bezirk, wo sie vom Schreibtisch ihres Arbeitszimmers einen wunderschönen Ausblick auf den Wienerwald hat.

Im Frauenhaushalt

Die Geschichte ihrer Eltern, insbesondere ihrer Mutter hat sie geprägt und zur Feministin gemacht. Bis zu ihrem elften Lebensjahr ist Hilde Schmölzer in einem sogenannten Frauenhaushalt in der Kleinstadt Steyr aufgewachsen. Ihre selbstbewusste emanzipierte Mutter hat als Dolmetscherin ihr eigenes Geld verdient und damit das Überleben der Familie gesichert.

Nach Kriegsende, als ihr Vater 1947 aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimkehrte und seinen Anspruch als Familienoberhaupt geltend machte, veränderte sich die Lebenssituation jedoch dramatisch. Ihre Eltern trennten sich. Der Vater blieb der Tochter fremd. Zu der Mutter hatte sie ursprünglich ein sehr gutes, liebevolles Verhältnis, welches erst später problematisch wurde, weil die Mutter im Alter in eine Sektengemeinschaft in der Schweiz zog.

Eigentlich wollte Hilde Schmölzer Schauspielerin werden, aber nach der misslungenen Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar in der zweiten Runde ging die Neunzehnjährige aus Steyr weg und absolvierte die Ausbildung zur Fotografin in München. Nebenbei nahm sie Schauspielunterricht an der Schauspielschule Zerboni. In Wien ist sie danach zusammen mit einer Pantomimengruppe auf Kellerbühnen aufgetreten. Gleichzeitig hat sie an der Wiener Universität Publizistik und Kunstgeschichte studiert und im Jahr 1966 promoviert.

Unmittelbar nach ihrem Studium hat sie in Klosterneuburg als freischaffende Journalistin begonnen. Sie wollte Reportagen schreiben, um über das zu berichten, was sie erlebt hat. Für die notwendigen Telefongespräche mit den Redaktionen und für ihre Interviews und Recherchearbeiten musste sie auf das öffentliche Postamt gehen, da sie kein eigenes Telefon hatte. Ihre Fotos, die sie von den interviewten Personen machte, hat sie im Badezimmer, wo es kein Fenster und somit keinen Lichteinfall gab, ausgearbeitet.

Reiseerlebnisse

Ende der fünfziger Jahre erlebte Hilde Schmölzer mit einer Freundin eine zweimonatige Reise per Auto-Stopp. Gemeinsam haben sie Westeuropa, von Deutschland bis nach Süd-Spanien, bereist: "Das war ein wunderbares, befreiendes Erlebnis, die Welt und die Menschen in den verschiedenen Ländern kennenzulernen. Es war einfach schön, in den Tag hineinzuleben", erzählt Hilde Schmölzer und fügt sehnsüchtig hinzu: "Wenn ich noch einmal jung wäre, dann würde ich genau diese Europareise wieder machen".

Anders ist es mit ihrer Reise nach Indien, welche sie als 30-jährige, verliebte Frau Ende der sechziger Jahre unternommen hatte. Ihr Studienkollege und späterer Ehemann Peter Haage hatte bereits drei Jahre in Poona (heute Pune) deutsche Literaturgeschichte an der Universität unterrichtet. Er lud Hilde Schmölzer ein, nachzukommen. Begeistert fuhr sie zu ihrer großen Liebe nach Indien.

Die dortige Situation erlebte sie aber bald bedrückend und frustrierend. So konnte sie sich damals als Europäerin nicht alleine auf der Straße aufhalten, sondern musste mit dem Taxi oder der Rikscha fahren. Fotos konnte sie nur mit männlichem Begleitschutz machen. Es gab für sie keine Zukunft in einem Land, wo koloniales Denken noch deutlich vorhanden war, mit eigenen Schwimmbädern und Tennisplätzen für Europäer und Europäerinnen. Also fuhr sie nach einem halben Jahr mit Peter Haage zurück nach München, wo sie geheiratet haben und wo im Jahr 1972 ihr gemeinsamer Sohn geboren wurde.

Nachdem sie in den siebziger Jahren von München wieder nach Wien gezogen war und sich von ihrem Ehemann getrennt hatte, standen mühsame, harte Zeiten für Hilde Schmölzer bevor. Sie wollte immer beides, eine eigene Familie gründen und als freiberufliche Journalistin arbeiten, das war in dieser Zeit ungewöhnlich, wurde von den Chefredakteuren nicht verstanden und auch nicht gefördert. Sie ist, wie sie sagt, in den sechziger Jahren eine der ersten Journalistinnen in Österreich gewesen. "Die Wut über die Ungerechtigkeit und die Diskriminierung der Frauen war der treibende Faktor, der mich als Feministin prägte", sagt Hilde Schmölzer. Aber auch ihre Situation als freiberufliche Journalistin und Alleinerzieherin ohne staatliche Unterstützung haben eine entscheidende Rolle gespielt.


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Dokument erstellt am 2017-01-19 16:51:10
Letzte ─nderung am 2017-01-20 14:36:16



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