• vom 29.01.2017, 15:00 Uhr

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Der verfolgte Journalist




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Von Wolfgang Ludwig

  • Christian Friedrich Daniel Schubart, scharfer Kritiker des Absolutismus im Herzogtum Württemberg, erlangte vor allem als Texter des Schubert-Liedes "Die Forelle" Bekanntheit.

Zehn Jahre "Umerziehungshaft" in der Festung Hohenasperg: Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). - © Stuttgart-Marketing GmbH (li.), akg-images/picturedesk.com (re.)

Zehn Jahre "Umerziehungshaft" in der Festung Hohenasperg: Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791). © Stuttgart-Marketing GmbH (li.), akg-images/picturedesk.com (re.)

Das im Liedtext Schubarts beschriebene ländliche Idyll und das Treiben der "launischen Forelle" wird durch einen listigen Fischer, dem es gelingt, den Fisch zu fangen, jäh gestört. Soweit zum Lied. Die vierte Strophe, in der Schubart einen Vergleich mit Mädchen herstellt und diese vor bösen Verführern warnt, lässt der Komponist Schubert weg.

Dabei geht es dem Texter gar nicht so sehr um Mädchen. Schubart will sein eigenes Schicksal als Warnung andeuten. Er wagt es jedoch nicht, dieses direkt anzusprechen, denn er sitzt, als er den Text schreibt, gerade im Gefängnis und befürchtet Haftverlängerung im Falle weiterer politischer Äußerungen.


Christian Friedrich Daniel Schubart hatte das Pech, am 24. März 1739 in Obersontheim bei Stuttgart geboren zu werden - in einem für die Bewohner nicht sehr angenehmen Land. Denn Landesfürst Karl Eugen regierte in Württemberg absolutistisch und hatte einen aufwändigen, luxuriösen Lebensstil zu finanzieren.

Missliebiger Kritiker
Im Jahr 1769, mit 30 Jahren, nahm Schubart eine Stelle als Organist und Musikdirektor in Ludwigsburg an - und fiel dem ansässigen Adel durch Kritik an der Aristokratie bald ziemlich negativ auf. Nach vier Jahren erhielt er von Karl Eugen einen Landesverweis (wie einige Jahre später auch Friedrich Schiller).

Schubart ging nach Augsburg und betätigte sich dort als Herausgeber einer kritischen Zeitschrift, der "Teutschen Chronik", in der er die Jesuiten heftig angriff. Dadurch machte er sich auch in Augsburg sehr bald unbeliebt. Die Zeitschrift wurde verboten, und der Herausgeber abermals mit einem Aufenthaltsverbot belegt.

In seinem nächsten Wohnort, in Ulm, setzte Schubart seine Kritik im Wege der Zeitschrift weiter fort. Er thematisierte wiederum den teuren Lebensstil am Hof, die Verschwendungssucht, die pompösen Jagden und die gleichzeitige Verelendung der Massen. Für den Freiheitskampf der amerikanischen Kolonisten äußerte er Sympathie. Zu weit ging er aber mit seiner heftigen Kritik an der üblen württembergischen Praxis des Truppenverkaufs an die englische Krone für den Kolonialkrieg. Dabei wurden Jugendliche ärmeren Familien einfach weggenommen oder billigst abgekauft und gegen ein Vielfaches als Soldaten nach England weiterverkauft.

Auch Schubarts abfällige Äußerungen an der von Karl Eugen gegründeten Militärakademie "Carlsschule", die er als "Sklavenplantage" bezeichnete, kamen am Württembergischen Hof nicht gut an. Diese Schule sollte die Zöglinge unter strengem Drill zu ge-treuen Dienern des Fürstentums heranziehen. Für Karl Eugen völlig untragbar war schließlich Schubarts Verspottung seiner Mätresse Franziska von Hohenheim.

Durch eine Intrige wurde der in Ulm lebende Schubart im Jänner 1777 auf württembergisches Staatsgebiet gelockt, sofort verhaftet und ohne Gerichtsverfahren auf der Festung Hohenasperg (bei Ludwigsburg) inhaftiert. Auf die Umstände der Verhaftung bezieht sich wohl - in verfremdeter Form - die erwähnte vierte Strophe des Gedichtes "Die Forelle", in der es vordergründig um die Warnung an die Mädchen geht.

Schubart musste auf der Festung zur Umerziehung zehn Jahre unter anfangs sehr harten Bedingungen ausharren. Carl August ließ es sich nicht nehmen, bei der Einkerkerung seines persönlichen Feindes selbst anwesend zu sein. Auf ein Gnadengesuch von Schubarts Ehefrau Helena antwortete der Fürst: "Waß aber ihren Mann betrifft (. . .), soll Sie einen gebesserten Mann wieder bekommen, gegenwärtig ist Er aber noch immer auf irrwege."

In einem "grauen, düsteren Felsenloche" wurde Schubart eingesperrt, ein schmutziges Strohlager und ein qualmender Eisenofen waren die einzigen Einrichtungsgegenstände. Die Feuchtigkeit griff seine Gesundheit an, Isolation und Schreibverbot sollten seine geistige Austrocknung bewirken. Erst nach Jahren erhielt er religiöse Literatur, Schreiberlaubnis und andere Hafterleichterungen. Festungskommandant Rieger, früher selbst Opfer einer fürstlich angeordneten "Umerziehung", erläuterte das angestrebte Ziel der Haft: "Sie haben Schiffbruch gelitten (. . .) und nur noch ein Brett ist für sie übrig - die Religion."

Schreiben in der Haft
Während seines gesamten Aufenthaltes wurde Schubart nie verhört, es gab keine Anklage und keinen Prozess. Der Häftling entwickelte Kreativität, um doch schreiben zu können. Er schaffte es, seinen Essenszuträger für sich zu gewinnen und diktierte ihm das 26 Strophen umfassende Gedicht "Die Fürstengruft", in dem er erneut seinen Hass auf Herzog Karl Eugen zum Ausdruck brachte. Im Dezember 1780 erschien das Gedicht im "Frankfurter Musenalmanach" mit Nennung des Autors. In dem Text geht es da-rum, dass jedem Despoten einmal ein göttliches Endgericht und ewige Verdammnis drohe. Eine sofortige vom Fürsten verordnete Haftverlängerung war die Folge.

Spätere Festungskommandanten gewährten dem Häftling jedoch Erleichterungen und gestatteten sogar Besuche. Friedrich Schiller, von "Die Fürstengruft" schwer beeindruckt, gelang es im November 1781, eine Besuchsgenehmigung auf Hohenasperg zu erlangen, was für Schubart einen der wenigen Lichtblicke während der Haftzeit bedeutete.

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Dokument erstellt am 2017-01-26 18:14:08



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