• vom 31.01.2017, 19:30 Uhr

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Partitur der Erinnerung




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Von Martin Reiterer

  • "Piano Oriental": Ein Comic über ein Klavier, das zwei Sprachen spricht.



"Seit meiner Kindheit stricke ich eine Sprache aus zwei hauchdünnen, kostbaren Fäden." Mit "Piano Oriental" erscheint der dritte Comic der seit 2004 in Frankreich lebenden libanesischen Zeichnerin Zeina Abirached auf Deutsch. Bereits wie in "Das Spiel der Schwalben" (2013) und "Ich erinnere mich. Beirut" (2013) geht es auch darin um Erinnern und Aufzeichnen sowie um die Verortung einer eigenen Identität zwischen zwei Ländern, Kulturen und Sprachen.

In den Vordergrund stellt Abirached diesmal Figur und Geschichte ihres Urgroßvaters Abdallah, der sich in den 1950er und 1960er Jahren in Beirut als Kopist und Klavierstimmer verdingt, um sich seine große Leidenschaft, die Musik, zu finanzieren. Doch darüber hinaus hegt der Klavierliebhaber und Pianist noch einen besonderen Traum, nämlich "die Melodien, die ihm durch den Kopf schwirrten, auf dem Klavier (zu) spielen", rein technisch also die Möglichkeit, auf dem - nach europäischen Musikregeln gebauten - Klavier auch die für orientalische Musikstücke notwendigen Vierteltöne zu spielen. Tatsächlich gelingt Abdullah nach jahrelangem Tüfteln und Grübeln, und nachdem er sein Klavier ein Dutzend Mal zerlegt und wieder zusammengebaut hat, die Sensation: das orientalische Klavier. Ein Klavier, das zwei Tonsysteme miteinander vereint und neben dem Spielen von abendländischer Musik auch das Wiedergeben von den für die orientalische Musik so charakteristischen Vierteltonschritten ermöglicht.


"Das Klavier ist zweisprachig." Diese Geschichte des Urgroßvaters und das Bild vom zweisprachigen Klavier erinnert Abirached an ihre eigene Situation: Seit sie Kind war, hat die Zeichnerin außer dem Arabischen auch das Französische gelernt. Allmählich entdeckt sie, dass das Arabische wie das Französische eng, "unentwirrbar", mit ihr verbunden ist. Genau in dieser Verflechtung beider Sprachen findet sie ihre eigene: "Das ist die DNA meiner Muttersprache."

Den Erfinder des Piano Oriental hat die 1981 geborene Urenkelin niemals selbst kennengelernt. Und während Abdallah tatsächlich eine Einladung zu einem gewissen Klavierfabrikanten Hofman (vermutlich Hofmann bzw. Hofmann & Czerny) nach Wien und schließlich einen Vertrag für den ersten seriellen Nachbau seines Piano Oriental erhielt, wurde sein Traum durch seinen Tod im Jahr 1975 durchkreuzt, noch bevor es zu Umsetzung der Abmachung kommen konnte. Dann kam der Bürgerkrieg im Libanon, teilte die Stadt und die Zerstörung erfasste auch das Archiv des Abdullah. Auf einer Reise nach Paris übergeben die Eltern Abiracheds ihrer Tochter eine Schachtel mit Fotos und einer Tonaufnahme, den verbliebenen Zeugnissen ihres Großvaters - abgesehen von dem einzigen Piano Oriental in der Beiruter Wohnung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-31 16:38:08
Letzte ─nderung am 2017-01-31 16:42:11



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