• vom 05.02.2017, 10:00 Uhr

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Von Hermann Schlösser

  • Die Literaturwissenschaft ist eine produktive Disziplin, die sich diverser Projekte annimmt und mit vielseitigen Methoden arbeitet. Ein Rückblick auf einige lesenswerte Erträge der letzten Zeit.



Der Feuilletonist Anton Kuh, dessen Werk 2016 erstmals in vollem Umfang ediert wurde.

Der Feuilletonist Anton Kuh, dessen Werk 2016 erstmals in vollem Umfang ediert wurde.© Zeichnung von Emil Orlik. Der Feuilletonist Anton Kuh, dessen Werk 2016 erstmals in vollem Umfang ediert wurde.© Zeichnung von Emil Orlik.

Gäbe es einen Preis für den engagiertesten und kenntnisreichsten Herausgeber eines literarischen Werks, dann müsste er heuer an Walter Schübler gehen. Diesem Wiener Publizisten ist es nämlich zu verdanken, dass die Schriften von Anton Kuh nun in einer umfassenden, siebenbändigen Ausgabe vorliegen und zu einer gründlichen Neubewertung dieses Autors auffordern.

Anton Kuh (1890-1941) war auch vor dieser Edition kein Unbekannter. Man wusste, dass er als "Sprechsteller" in Wiener, Prager und Berliner Kaffeehäusern mit geistvollen Stegreifreden brillierte und dass er sich mit Karl Kraus ebenso anlegte wie mit Adolf Hitler - soll heißen, dass er literarisch ebenso wach und engagiert war wie politisch. Zugleich wurde aber gern behauptet, der Redner Kuh sei eindrucksvoller gewesen als der Autor.

Information

Anton Kuh

Werke

Herausgegeben von Walter Schübler. Wallstein Verlag, Göttingen 2016, 7 Bände, 4250 Seiten, 255,- Euro.

Hugo von Hofmannsthal / Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe

Briefwechsel 1903-1929

Mitgeteilt und kommentiert von Klaus E. Bohnenkamp. Rombach Verlag, Freiburg 2016, 323 Seiten,

29,99 Euro.

Hubert Fichte

Ich beiße Dich zum Abschied ganz zart

Briefe an Leonore Mau. Herausgegeben von Peter Braun. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2016, 255 Seiten, 26,80 Euro.

Elisabeth Grabenweger

Germanistik in Wien

Das Seminar für Deutsche Philologie und seine Privat- dozentinnen
(1897-1933). De Gruyter Verlag, Berlin 2016, 280 Seiten, 69,95 Euro.

Uwe Schütte (Hrsg.)

Über W. G. Sebald

Beiträge zu einem anderen Bild des Autors. De Gruyter Verlag, Berlin 2017, 330 Seiten, 79,95 Euro.

Walter Schübler hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Bild zu revidieren. Nach einem Jahrzehnt der intensiven Suche in Archiven und Bibliotheken präsentiert seine Ausgabe nun - chronologisch nach laufenden Nummern geordnet - 1498 Feuilletons, Satiren, Rezensionen, politische Kommentare, nebst einigen "unsicheren Zuschreibungen".

4250 Seiten von Anton Kuh - ein Meisterwerk der Editionskunst.

4250 Seiten von Anton Kuh - ein Meisterwerk der Editionskunst. 4250 Seiten von Anton Kuh - ein Meisterwerk der Editionskunst.

Die weitaus größte Masse dieses Bestands verstaubte bisher ungelesen in Zeitungen und Zeitschriften. Schübler hat den Schatz nun gehoben und damit nicht einen "anderen" Anton Kuh entdeckt, sondern erstmals den ganzen, dessen gedrucktes Werk wesentlich gehaltvoller ist als die Nachwelt bisher wahrhaben wollte. Über die Texte hinaus enthält dieses Meisterwerk der Editionskunst einen sehr informativen Kommentar, ein differenziertes Register, ein Glossar und ein Nachwort des Herausgebers.

Dichterbriefe



Sucht man in Schüblers Edition mit Hilfe des Registers nach Eintragungen zu Hugo von Hofmannsthal, findet man unter anderem Kuhs differenziert lobende Rezension der Wiener Premiere des "Schwierigen", über die er als ironisches Motto die "Redensart eines jungen Wiener Aristokraten" stellt: "Immer elegant, immer seriös - Gott, haben wir zu tun!"

Wie treffend dieser Satz den Dichter Hofmannsthal charakterisiert, zeigt sich bei der Lektüre einer anderen gelungenen Edition des Jahres 2016: Klaus E. Bohnenkamp hat Briefe Hofmannsthals herausgegeben, in denen es selbst im turbulenten Jahr 1918 in konservativer Förmlichkeit (wenn auch eigenwilliger Interpunktion) heißt: "Darf ich es sagen, dass Sie zu den nicht sehr vielen Frauen gehören - die wiederzusehen mir immer eine reine Freude ist - ja zu den ganz wenigen die ich stets zu selten zu sehen das bedauernde Gefühl habe."

Dieses Kompliment galt der 1855 geborenen und 1934 verstorbenen Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, mit der Hofmannsthal seit 1903 bekannt war. Sie zählte zu jenen mäzenatischen Aristokratinnen, die den Künstlern und Dichtern der Jahrhundertwende kluge Aufmerksamkeit und taktvolle Unterstützung zukommen ließen.

Ein besonderes Naheverhältnis unterhielt die Fürstin zu Rainer Maria Rilke, der häufig auf ihrem Schloss in Duino bei Triest zu Gast war und ihr seine "Duineser Elegien" gewidmet hat. Aber Hofmannsthal stand ihr ebenfalls nahe. Wann immer sie sich in Wien aufhielt, traf sie sich mit ihm und seiner Frau Gerty zu ausführlichen "Gabelfrühstücken" oder zu Theater- und Konzertbesuchen.

Nach Rilkes Tod im Jahr 1926 hat Hofmannsthal der Fürstin - gewiss zartfühlend - mitgeteilt, dass er mit Rilkes Dichtung nicht so viel anfangen könne wie sie. Dieser Brief ist interessanterweise verschollen, wohl aber existiert die verständnisvolle Antwort der Fürstin, in der es unter anderem heißt: "Sie sind der Dichter des Lebens, des schönen tausendfältigen, manchmal tragischen, aber immer wunderbaren Lebens. Rilke war der Dichter des Todes."

Sowohl der Dichter als auch die Mäzenin verstehen es, in allen Lebenslagen die Form zu wahren. Als Hofmannsthal einmal einen Schreibfehler korrigiert, fügt er das P. S. an: "Ich bin unglücklich, dass ich ungezogener Weise oben ein Wort ausgestrichen habe! Bitte verzeihen Sie es!"

Eine ganz andere Sprache sprechen die Briefe des Romanciers und Ethnologen Hubert Fichte, die 2016 ebenfalls in einer kommentierten Edition erschienen sind. In den frühen sechziger Jahren lernte der angehende Literat Fichte, geboren 1935, die Fotografin Leonore Mau kennen, die 19 Jahre älter war als er (wie es der Zufall will, ist das dieselbe Altersdifferenz wie bei Hofmannsthal und der Fürstin). Die Fotografin brach Anfang der 60er Jahre aus ihrem Leben als Ehefrau und Mutter aus und ließ sich auf eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit dem bisexuell-polygamen Jungautor ein. Unter dem Namen "Irma" spielt sie in vielen seiner Romane eine bedeutende Rolle.

Indiskretionen

Von 1962 an bis zu seinem frühen Tod 1986 hat Fichte Briefe an seine Gefährtin geschrieben. Diese meist sehr kurzen Mitteilungen sind - im Gegensatz zu Fichtes literarischer Prosa - nachlässig hingeschrieben, auch wenn sich der polyglotte Fichte zuweilen des Englischen oder Französischen bedient. Er berichtet der Freundin von seiner Arbeit, sorgt sich um ihr Wohlergehen oder erklärt: "Hubert hat Dich so lieb."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-02 16:53:10
Letzte nderung am 2017-02-02 17:12:31



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