• vom 04.02.2017, 15:00 Uhr

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Update: 04.02.2017, 15:04 Uhr

Interview

"Ich liebe starke Frauen"




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Von Doris Barbier-Neumeister

  • Jean Philippe Blondel, Autor des Bestsellers "6 Uhr 41", über Paris und die Provinz, die Ängste der Jugend und seinen neuen Roman "Die Liebeserklärung".



Mag das Unperfekte: Jean Philippe Blondel.

Mag das Unperfekte: Jean Philippe Blondel.© Cédric Loison Mag das Unperfekte: Jean Philippe Blondel.© Cédric Loison

"Wiener Zeitung": Monsieur Blondel, haben Sie heute früh den Zug um 6 Uhr 41 genommen?

Jean Philippe Blondel: Nein, ich bin sogar schon um fünf Uhr früh aufgestanden, bin also schon mit dem Früheren gefahren. Da schlafen leider noch alle, schade. Um 6 Uhr 41 hingegen sind sie wach, bereiten ihren Tag vor. Fünf volle Züge fahren jeden Morgen von Troyes nach Paris, ich hab das ja selbst ein Jahr lang gemacht. Das ist ex-trem anstrengend, man hat kein Familienleben mehr, am Wochenende ist man nur noch erschöpft. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Menschen täglich von Troyes nach Paris pendeln. Ja, das berühmte Hamsterrad.

Information

Jean Philippe Blondel wurde 1964 in Troyes (Champagne) geboren, wo er noch heute als Autor und Englischlehrer lebt. Sein Roman "6 Uhr 41" (Deuticke, 2014) wurde ein Bestseller. Auf Deutsch erschienen auch seine Romane "Zweiundzwanzig" (mare 2014), "Direkter Zugang zum Strand" (Piper 2015); bei Deuticke ferner "This is not a love song" (2016) und "Die Liebeserklärung" (2017), eine stilsichere Milieustudie nach bester französischer Tradition. Blondel ist zudem Autor mehrerer Jugendbücher und wurde mit dem Prix de la critique des Lycéens autrichiens ausgezeichnet. Blondel ist verheiratet und Vater zweier Töchter.

Das wiederum ist Nährboden für Ihre Geschichten. Apropos: Stadt oder Land?

Ich habe drei Jahre in Paris gelebt und festgestellt: das ist nichts für mich. Ich bin eben kein Stadtmensch, sondern ein ausgekochtes Landei. Ich brauche Zeit für mich, meine Routine, einen Rahmen und eine gewissen Ruhe, um schreiben zu können. Der Stress, diese tägliche Hektik und Unruhe in der Großstadt bekommen mir persönlich gar nicht. Ich mag’s gern monoton, das ist lebenswichtig für mich, für mein seelisches Gleichgewicht. Ich schreibe seit meinem 14. Lebensjahr. Täglich, eine Stunde lang, mehr geht nicht. Schreibe ich nicht, schlafe ich schlecht. Dass das, was ich da so tagtäglich produziere, dann auch publiziert wird, ist eigentlich nur mehr das berühmte Tüpfelchen auf dem i. Meine ersten Texte hab’ ich auf einer alten Underwood mit einem Finger getippt. Ein Geschenk meines Großvaters. Aber ich bin ein Spätzünder: Mein erstes Buch, "Direkter Zugang zum Strand", wurde, erst im Jahr 2003 veröffentlicht. Da war ich immerhin bereits 38.

"Liebeserklärung", der Titel Ihres neuen Romans, ist ja etwas irreführend. Kann man Ihr Buch auch jemandem schenken, der gerade vor hat, zu heiraten?



Nein, das würde ich, ehrlich gesagt, lieber nicht tun (lacht). Zum Valentinstag aber schon. Denn im Endeffekt kommt die Liebe doch gar nicht so schlecht weg. Meine Hauptfigur, Corentin, der mit seinem Onkel Hochzeitspaare am schönsten Tag ihres Lebens mit der Kamera begleitet, erfährt ja so einiges. Aber mein Buch ist trotz allem eine Ode an die Liebe, mit ihren guten und schlechten Seiten. Soll ich Ihnen was gestehen? Meine eigene Hochzeit habe ich in bester Erinnerung. Dabei ist das schon mehr als zwanzig Jahre her. Wir hatten absolut kein Geld damals, wir - meine Frau und ich - haben einfach alle unsere Freunde gebeten, was zu Essen mitzubringen. Und eine Flasche Champagner natürlich. Schließlich leben wir ja in der Champagne. Es wurde ein tolles Fest.

Sie sind die Stimme der "kleinen Leute". Sie beschreiben gerne das, was eigentlich niemand sehen will.

Perfektion interessiert mich nicht. Ich schau’ viel lieber dorthin, wo die anderen gerne wegschauen. Das gesellschaftliche Niemandsland, die Peripherie der Existenz sind Dinge, die mich einfach faszinieren. Oder anders ausgedrückt: Ich liebe es, nachzusehen, was die Leute so alles unter den Teppich kehren. Und vor allem auch, warum sie das tun.

Der Protagonist Ihres Romans "Liebeserklärung", der Hochzeitsfotograf Corentin, ist auch so ein stiller Beobachter.

Nur dass er mit der Kamera unterwegs ist, sich hinter seiner Kamera regelrecht verschanzt. Aber Achtung, er lebt nur mehr durch die anderen, existiert selbst nicht mehr. Catherine, die erste Zeugin, die er vor die Kamera holt, wird ihm helfen, aus seiner depressiven Phase rauszukommen (Corentin lässt Protagonisten ausgefallener Hochzeiten vor der Kamera offenbaren, worum es im Leben geht; Anm.). Sie wird ihn ins wahre Leben zurückholen. Ich sehe mich auch als Geschichtenerzähler. Das liegt sicher daran, dass ich meine Mitmenschen einfach mag. Was mich besonders an den anderen interessiert, sind ihre Makel und Schwächen. Unperfektes hat eine wahnsinnige Ausstrahlung auf mich. Und ich höre anderen gerne zu. Wenn man genau hinhört, kann man feststellen, dass wir uns im Grunde genommen alle sehr ähnlich sind in unseren Ängsten und Bedürfnissen. Egal, wer wir sind, wohin wir gehen und woher wir kommen.

Corentins sicherlich ernüchternder Blick gibt Einblick in die Gefühlswelt seiner Mitmenschen. Ihre Romane gelten trotz ihrer Tiefe als charmant.

Der französische Provinzsumpf inspiriert, am Land haben die Leute einfach mehr Zeit füreinander. Auch um ihre Neurosen zu kultivieren. In einer Großstadt wie Paris ist man permanent abgelenkt, man hat immer was zu tun, die Begegnungen werden flüchtiger. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als ich in Paris gelebt habe. Die Leute sind immer nur am Rennen, haben einfach zu viel zu tun. Das kulturelle Leben ist stärker und dominanter als das soziale Netz. Im Endeffekt ist man allein, sieht niemanden mehr. Das Leben auf dem Land hat natürlich auch seine Schattenseiten: der Mangel an kulturellem Angebot, jeder kennt jeden, der ewige Tratsch, der Neid, aber all das ist mein Nährboden. Eine gewisse Leichtigkeit des Seins muss sein.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-02 17:03:08
Letzte ─nderung am 2017-02-04 15:04:09



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