• vom 11.02.2017, 10:00 Uhr

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Literatur

Ambitioniertes Verwirrspiel




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Von Peter Mohr

  • Der US-amerikanische Schriftsteller Paul Auster spielt im voluminösen Roman "4321" vier biografische Varianten in Form einer bilanzierenden Selbstbefragung durch.

Beschert uns diesmal ein Erzählmonstrum: Paul Auster. - © Anatomica Press/Action press/picturedesk.com

Beschert uns diesmal ein Erzählmonstrum: Paul Auster. © Anatomica Press/Action press/picturedesk.com

"Schreiben ist für mich kein Akt des freien Willens, es ist eine Frage des Überlebens", hat Paul Auster kürzlich in einem Interview bekannt. Dementsprechend liest sich auch sein gigantischer Roman "4321". Es ist ein opulentes biografisches Verwirrspiel, ein höchst ambitioniertes literarisches Rätsel, ein ausschweifendes Zeitpanorama - vor allem aber auch eine bilanzierende Selbstbefragung eines verdienstvollen Autors.

Im Mittelpunkt dieser viergeteilten Biografie steht Archibald Ferguson, der in den 1950er Jahren in Newark (wie der Autor selbst) aufwächst. Aus alternierenden Perspektiven begegnet der Leser vier unterschiedlichen Lebensbildern des Protagonisten.

Gleich viermal erleben wir Schulbesuche, Irrungen und Wirrungen der Pubertät, den ersten Sex und die Tragik der ersten Liebesunglücke. "Was, wenn ich in einem anderen Land geboren worden wäre? Was wäre, wenn mein Vater gestorben wäre, als ich sieben war? Was wäre, wenn? Alle möglichen Was-wäre-Wenns. Dieses Buch gab mir die Möglichkeit, das durchzuspielen", erläutert Auster den Reiz seines großen biografischen Erzählmonstrums.

Weniger ist mehr

Der Roman trägt den rätselhaften Titel "4321", weil die vier Archie-Varianten nicht gleich lange leben: der erste stirbt mit 13, am Schluss bleibt nur einer übrig. Mal betreibt Vater Ferguson ein kleines Elektrogeschäft, mal kommt er in jungen Jahren bei einem Brand ums Leben, die Mutter ist Hausfrau oder eine berühmte Fotografin. Das erfordert vom Leser reichlich Ausdauer - wie auch die Bereitschaft, sich auf all die spielerischen Wendungen des Autors uneingeschränkt einzulassen.



Information

Paul Auster

4321

Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten
Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, 1259
Seiten, 29,95 Euro.

Angesichts des gigantischen Umfangs ist es kein Wunder, dass längst nicht alle Passagen in diesem, im Vorfeld mit allerlei Superlativen bedachten Romans überzeugen können. "Es war Ende Januar 1944. In Russland hatten die neunhundert Tage der Belagerung Leningrads ein Ende gefunden, bei Monte Cassino wurden die Alliierten von den Deutschen aufgehalten, im Pazifik bereiteten die Amerikaner einen Angriff auf die Marshall-Inseln vor, und an der Heimatfront, am Rand des Central Park in New York City, machte Stanley Rose einen Heiratsantrag." - So etwas würde man in einem Geschichtsbuch für die Mittelstufe gerade noch tolerieren, in einem ausgewachsenen Roman eines Autors, der immer wieder in die Nähe des Nobelpreises gerückt wird, wirkt es eher befremdlich. Etwas weniger hätte bei "4321" mehr sein können. Auch der zuckersüße Schluss kann nicht wirklich überzeugen: "Er war verheiratet mit einer Frau namens Happy."

Austers Schriftstellerkarriere begann einst ziemlich holprig. Das Manuskript seines Romans "Die Stadt aus Glas" hatte er an 17 Verleger geschickt und zunächst nur Ablehnungen kassiert. Trotzdem hat der US-Autor weiter geschrieben und seit Abschluss seiner "New-York-Trilogie", deren Eröffnungsband der einst verschmähte Roman "Die Stadt aus Glas" war, Ende der 1980er Jahre Kultstatus erlangt. Seine Bücher sind inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzt und interna-tional ausgezeichnet worden (zuletzt 2006 mit dem hochdotierten Prinz-von-Asturien-Preis).

Viele seiner Figuren sind selbst Schriftsteller, die oft vom Weg abkommen und ziellos durchs Leben vagabundieren - wie Taumelnde in einem Labyrinth der Zufälle.

Keineswegs zufällig ist es hingegen, dass dieser labyrinthische Handlungsschauplatz oftmals New York ist. Anderes Personal ließ Auster nach vielen Jahren wieder auftauchen; so ist etwa aus der attraktiven Anna Blume aus dem "Land der letzten Dinge" (1989) in "Reisen im Skriptorium" (2007) eine in die Jahre gekommene fürsorgliche Krankenschwester geworden.

Vielseitigkeit

Paul Auster, der vor 70 Jahren als Sohn altösterreichischer Juden in Newark geboren wurde, studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft, ehe er sich in den frühen 1970ern mehrmals nach Europa begab - in Irland die Fährte von James Joyce aufspüren wollte und in Paris Samuel Beckett begegnete. Später machte er sich auch als Übersetzer französischer Literatur (u.a. von Sartre und Mallarmé) einen Namen.

Austers Vielseitigkeit und sein Arbeitspensum sind geradezu bewundernswert. Mehr als ein Dutzend Romane, Film-Drehbücher, Erzählungen, Essays, autobiographische Skizzen, Übersetzungen, selbst Gedichte gehören zu seinem opulenten Œuvre. Beim Film "Lulu on the bridge" stand er sogar als Regisseur hinter der Kamera. "Ich glaube, dass jeder Autor gewissen inneren Zwängen unterliegt. Ich jedenfalls verspüre den ständigen Druck, weiterzuschreiben, weiterzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich etwas abgeschlossen habe, fürchte ich, versagt zu haben", erklärte Paul Auster vor zehn Jahren in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit".

Das gigantische Produkt der letzten Dekade hat er sich mit "4321" selbst zum runden Geburtstag auf den Gabentisch gelegt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-09 17:48:11
Letzte ─nderung am 2017-02-09 18:15:37



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