• vom 11.02.2017, 12:00 Uhr

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Übertreibung und bittere Wahrheit




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Von Uwe Schütte

  • Thomas Bernhards Werk ist breit durchforstet. Die Anthologie "Städtebeschimpfungen" birgt dennoch Fundstücke, das Autorenheft von "Text + Kritik" immerhein ein Juwel.

Thomas Bernhard, gestorben am 12. 2. 1989.

Thomas Bernhard, gestorben am 12. 2. 1989.© Ullsteinbild/B. Friedrich Thomas Bernhard, gestorben am 12. 2. 1989.© Ullsteinbild/B. Friedrich

Auch heuer folgt auf den Jänner der Feber, und damit zwei Gelegenheiten, des österreichischen Nationaldichters Thomas Bernhard zu gedenken: auf den 9. Februar fiel sein 86. Geburtstag; nur drei Tage später der 28. Todestag, wobei diese schmale Zeitspanne insofern sinnig ist, als seine Werke mehr als einmal die Existenz als eine lebenslange Krankheit zum Tode charakterisieren. Das ist eine Erkenntnis, die so profund wie banal ist, doch genau das dichte Nebeneinander von polemischer Übertreibung und bitterer Wahrheit in seinen Büchern macht deren originären Erkenntniswert aus; letztendlich war Bernhard mehr Realist, als wir es vielleicht wahrhaben wollen.

Die unrunden Jubiläumszahlen geben heuer zwar keine Feierlichkeiten her, doch zumindest hat Suhrkamp eine Taschenbuch-Anthologie mit dem Titel "Städtebeschimpfungen" herausgebracht. Zunächst möchte man fast glauben, es sei bereits der gefühlte zweite oder dritte Band solcher Machart. Doch das täuscht: Nach dieser thematischen Vorgabe ist das Werk nämlich noch nie durchforstet worden.

Nestbeschmutzer

Wer seinen Bernhard gut kennt, wird kaum Neues darin finden - und doch stößt man durchaus auf das eine oder andere vielleicht vergessene Fundstück. So etwa die groteske Geschichte (aus "Der Stimmenimitator") über das pensionierte Ehepaar, das auf Urlaub nach Zell am See fährt, in seinem Gästezimmer aber einen Sarg vorfindet, auf dem der eigene Name steht. Dass "Salzburg Gmunden Altaussee" laut Bernhard "nichts als Nazinester" sind und in Graz "nur Alte und Dumme [leben]", und so weiter, darf als allgemein bekannt vorausgesetzt werden.



Etwas überraschen in der Zusammenschau mag jedoch, dass der notorische Nestbeschmutzer ebenso Oslo, Rom, Athen, Lissabon sowie Frankfurt, Düsseldorf, München, Hamburg und viele weitere internationale Städte als ebenso unerträglich betrachtet. Andererseits hat er damit nicht ganz unrecht, bedenkt man die kulturellen Verwüstungen, die etwa Gentrifizierung, Tourismus und Kettenläden allenthalben in diesen Städten verursachen.

Information

Raimund Fellinger (Hrsg.)

Thomas Bernhard. Städtebeschimpfungen

Suhrkamp, Berlin 2017, 178 Seiten, 9,30 Euro.

Text + Kritik, Bd. 43:

Thomas Bernhard

Vierte Neufassung. edition text + kritik, München 2016, 288 Seiten, 34,- Euro.

Zu einem Dauerbrenner - wenngleich die Flamme aufgrund mangelnder Frischluftzufuhr langsam zu erlöschen droht - ist Bernhard in der germanistischen Forschung geworden. Ein Symptom für Popularität wie Leerlauf der akademischen Deutungsbemühungen ist die vierte Neufassung des dem Autor gewidmeten Bandes der Zeitschrift "Text + Kritik", die mit ihren fast 300 Seiten und 18 neuen Beiträgen dem Impetus dieser löblichen Institution nachkommt, nämlich eine Brücke zwischen dröger Forschung und interessierter Öffentlichkeit zu schlagen.

Das gelingt diesem Band in durchaus vorbildlicher Weise: Ausgewiesene Experten aus der Riege der Bernhard-Forschung als auch Kenner, die man nicht zum etablierten Kreis der Fachexegeten rechnen darf, informieren anhand einschlägiger Themenbereiche wie Frauenbild, Österreich-Komplex, Beziehung zum Verleger, internationale Rezeption, Krieg und Nationalsozialismus - bzw. fokussiert auf Werkteile wie Interviews, Leserbriefe, Preisreden oder Lyrik über den gegenwärtigen Stand der Dinge in Sachen Bernhard. Gewisse Beiträge darf man dabei besonders hervorheben: So etwa jenen von Nicolas Pethes, der mit dem Instrumentarium der Systemtheorie (und in Anspielung auf Michel Houellebecq) "Die Ausweitung der Kampfzone in Bernhards Interviews, Briefe, Preisreden und Feuilletonbeiträgen" untersucht. Fesselnd auch, wie Klaus Zeyringer mit so souveränem Sarkasmus wie genauer Kenntnis des Pariser Kulturbetriebs die verzerrende Rezeption Bernhards als (Anti-)Österreicher in der Grande Nation aufrollt.

Gerade solche Beiträge aber, in denen man das Gefühl hat, angesichts der bekanntlich längst ins Uferlose ausgewachsenen Sekundärliteratur endlich einmal wieder etwas Neues zu lesen, machen die Crux des Bandes deutlich: Die Beiträge fassen den aktuellen Erkenntnisstand zusammen, erweitern ihn jedoch nicht.

Offene Fragen

Wenn es aber etwa nicht gelingt, Nachwuchsforscher zu finden, die einen neuen Zugang oder zumindest eine andere Sichtweise auf den Vielkommentierten bieten, hätte man zumindest auf einen Beitrag gehofft, der Bernhard - quasi als Gegenstimme zum Konsens - kritisch betrachtet. Beispielsweise, indem man die unerträglich reaktionären journalistischen Texte der Jugendzeit, wie sie die Werkausgabe nun gesammelt vorgelegt hat, in den Blick nimmt, um so zu ermessen, welch gewaltiger Graben sie vom "Frost" trennt. (Stattdessen wird im Band wieder einmal der verquere Versuch unternommen, Bernhards Lyrik zu retten.)

Warum legt kein Beitrag - wie der Autor selbst gerne - seinen Finger auf wunde Punkte: Wo etwa liegen die Gräben in der Bernhard-Forschung, auf den gewisse kleine Sticheleien in manchen Beiträgen hindeuten? Wie steht es um die Zukunft des derzeit nicht frei zugänglichen Nachlasses, über den letztes Jahr in den Zeitungen berichtet wurde? Gegen den Strom schwimmt nur ein Beitrag: Jens Dittmars erzählerische Aufarbeitung der Causa "Holzfällen" - ein Kabinettstück literarischen Schreibens über Literatur.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-09 17:56:08
Letzte nderung am 2017-02-09 18:12:26



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