• vom 14.02.2017, 18:18 Uhr

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Nachruf

Lebendigkeit und Eleganz




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Von Hermann Schlösser

  • Egon Schwarz, der amerikanische Germanist mit Wiener Wurzeln, ist im Alter von 94 Jahren verstorben.

Egon Schwarz (1922 - 2017) . - © Ullstein Bild/ Jürgen Bauer

Egon Schwarz (1922 - 2017) . © Ullstein Bild/ Jürgen Bauer

St. Louis/ Wien. Wer das Glück hatte, Egon Schwarz persönlich zu kennen, wird schwer glauben wollen, dass dieser amerikanisch-österreichische Germanist nun im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Trotz seines hohen Alters schien er mit unverwüstlicher Lebenskraft gesegnet zu sein, so dass man sich ein Ende dieses vielsprachigen, weitgereisten Mannes gar nicht vorstellen mochte.

Geboren wurde Egon Schwarz 1922 in Wien. Er wuchs als Sohn eines Kaufmanns in der Geologengasse im 3. Bezirk auf, besuchte das Gymnasium und erlebte alles in allem eine wohlbehütete Bürgerkindheit.


Diese Zeit endete 1938: Die jüdische Familie Schwarz floh vor dem nationalsozialistischen Rassenwahn nach Lateinamerika. Der junge Egon schlug sich zunächst in Bolivien und Chile als Arbeiter durch und studierte danach Jus in Ecuador (das einzige Studium, das ihm dort möglich war).

Diesem Bildungsgang verdankte Schwarz perfekte Spanischkenntnisse, aber die Laufbahn eines ecuadorianischen Juristen war doch nicht nach seinem Geschmack. Auf verschlungenen Wegen kam er in die USA und studierte dort Germanistik und Romanistik. Wie er berichtete, hatten einige seiner jüdischen Freunde kein Verständnis für seinen Wunsch, nach dem Holocaust deutsche Literatur studieren zu wollen. Er erwiderte ihnen, Hitler habe ihm so viel weggenommen, dass er sich die deutsche Sprache und die Literatur nicht auch noch rauben lassen wolle.

Egon Schwarz hat eine lange und nachhaltige Wissenschaftskarriere gemacht: Neben seinen Professuren, in Harvard, dann die längste Zeit in St. Louis, war er als Literaturkritiker, insbesondere für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" tätig, und trug so zum Kulturaustausch zwischen Europa und den Vereinigten Staaten bei. In seinen Erinnerungen "Keine Zeit für Eichendorff " hat Schwarz sein bewegtes Leben lebendig und anschaulich beschrieben, und in seiner späteren Essaysammlung "Mit Geduld kann man vieles erreichen" hat er einzelne Episoden in eleganten autobiographischen Miniaturen dargestellt.

Lebendigkeit und Eleganz zeichneten sein gesamtes Wirken aus. Seine Texte waren in verständlicher und einnehmender Sprache verfasst - ob er nun "Wien und die Juden" oder Hermann Hesses Wirkung auf die Popkultur der USA beschrieb, ob Rilkes Dichtung oder die Wechselbeziehungen zwischen Hofmannsthal und Calderón. Dieses Schreiben in gefälligem Stil gelang ihm auf Deutsch so gut wie auf Englisch.

Zu seinem Geburtsort hatte Egon Schwarz vor allem in seinen letzten Lebensjahrzehnten ein gutes Verhältnis. Er war oft zu Gast in Wien, hielt Vorträge, traf Menschen, die er schätzte. Zum letzten Mal kam er im Oktober 2016, als er im Literaturhaus zum Ehrenmitglied der "Gesellschaft für Exilforschung" ernannt wurde. Als er sich nach der Feierstunde von seinen Wiener Bekannten verabschiedete, sagte er: "Hoffen wir, dass wir uns nicht zum letzten Mal getroffen haben."

Die Fachwelt wird wahrscheinlich einige seiner Bücher weiterhin in Ehren halten. Und die vielen Menschen, die ihm in seinem langen Leben begegnet sind, werden ganz gewiss seine intellektuelle Präsenz, seinen Charme, seinen Witz und seine Begabung zur geistvollen Geselligkeit in lebendiger Erinnerung bewahren.




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Dokument erstellt am 2017-02-14 18:23:06



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