• vom 16.02.2017, 16:07 Uhr

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Update: 23.02.2017, 15:18 Uhr

Sachbuch

Einmal Hölle und zurück




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Von Oliver vom Hove

  • Europas Zeitgeist zwischen den Kriegen: Ian Kershaw zeigt die Mächte, die Europas "Höllensturz" ab 1914 hervorriefen.

Autoritäre Führergestalten nutzten den Schock von prekärer Arbeitslage in der Wirtschaftskrise.

Autoritäre Führergestalten nutzten den Schock von prekärer Arbeitslage in der Wirtschaftskrise.© Friedrich/Interfoto/picturedesk Autoritäre Führergestalten nutzten den Schock von prekärer Arbeitslage in der Wirtschaftskrise.© Friedrich/Interfoto/picturedesk

Die Historiker kommen nicht los von der Geschichte der Weltkriege im 20. Jahrhundert. Immer wieder fragen sie: Wie hat es so weit kommen müssen? Es ist die entscheidende Frage hinter der Geschichte, nicht nur im Blick auf die Katastrophen der beiden Weltkriege. In letzter Zeit sind es vorwiegend Geschichtswissenschafter aus dem angelsächsischen Raum, die das Forschungsfeld der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts teilweise neu bestellt oder zumindest neu abgeerntet haben.

Zuletzt hat der in Cambridge lehrende australische Geschichtsforscher Christopher Clark mit seinem Bucherfolg "Die Schlafwandler" (dessen Titel er uneingestanden von Hermann Broch entlehnt hat) viel Anerkennung gefunden. Die unvergleichliche Nonchalance und erzählerische Zuspitzung, die der britischen Geschichtsschreibung zu eigen ist, prägt auch die brillante Gesamtschau auf die europäische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie sie Ian Ker-shaw in seiner Monumentalstudie "Höllensturz" vorlegt. Der emeritierte Historiker der Universität Sheffield hat sich vor wenigen Jahren durch seine zweibändige Biografie Adolf Hitlers eindrucksvoll als Experte des behandelten Zeitraums ausgewiesen.


Verhängnisvolle Entwicklungen
Das kennzeichnend Gemeinsame im Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen ist in fast allen Staaten der Kampf alter oder neu etablierter parlamentarischer Demokratien gegen die heftig anstürmenden Umsturzkräfte mit autoritärem Staatsanspruch. Zumeist obsiegten dabei die diktatorischen Regime von rechts; in Russland indes geschah mit der "Diktatur des Proletariats" der autoritäre Umsturz von links. Der Brite Kershaw zeigt in seiner Gesamtschau auf Europas zerstörerische Geschichte seit Anfang des 20. Jahrhunderts, wie verhängnisvoll die Entwicklungslinien von den Ursachen des Ersten Weltkriegs bis zum Ausbruch des Zweiten verliefen. Dabei begnügt er sich nicht mit dem Fokus auf die zentralen Mächte des Geschehens, sondern lässt den Blick bis zu Europas Peripherie - von den baltischen Staaten bis Rumänien, Bulgarien und Albanien, von Irland über Spanien bis Portugal - schweifen. Die Vernichtungswelle begann mit der Fahrlässigkeit der führenden politischen und militärischen Mächte, im Sommer 1914 einen regionalen Konflikt auf dem Balkan nicht souverän einzudämmen. Es gab zu wenig sturmsichere Kapitäne, die Europas Staatsschiffe durch die aufkommenden Stürme und vernichtenden Tornados zu steuern vermochten. Dabei sieht Kershaw, im Widerspruch zu Christopher Clark, das Schwergewicht des politischen Versagens erneut beim wilhelminischen Deutschland, wie das vor einem halben Jahrhundert der Hamburger Historiker Fritz Fischer in seiner heftig umfehdeten Darstellung "Griff nach der Weltmacht" feststellte.

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Dokument erstellt am 2017-02-16 16:11:06
Letzte nderung am 2017-02-23 15:18:05



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