• vom 19.02.2017, 10:00 Uhr

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Sturm und Stürmchen




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Von Martin Reiterer

  • Leopold Maurer modernisiert Shakespeares "Sturm" in einem Comic - und Rodolphe Toepffer, der Ahnherr der Comiczeichner, ist wiederzuentdecken.

Der Magier Prospero beherrscht von seiner Kommandozentrale aus das Meer. - © L. Maurer/Luftschacht

Der Magier Prospero beherrscht von seiner Kommandozentrale aus das Meer. © L. Maurer/Luftschacht



Ist das alles nur Phantasmagorie? Eine künstliche Darstellung von Trugbildern und Gespenstern oder eine wahnwitzige Versuchsanordnung? In Leopold Maurers Comicinszenierung von William Shakespeares letztem Stück, "Der Sturm", fällt von Anfang an die gezeichnete Plastizität auf.

Prosperos Sturm löst im Schauspiel wie im Comic einen Schiffbruch aus, von dem unter anderem Prosperos Bruder und Gegenspieler Antonio, unrechtmäßiger Herzog von Mailand, Alonso, König von Neapel, dessen Sohn Ferdinand sowie Personal vom Hof betroffen sind. Während das alles geschieht, liest Prosperos Tochter Miranda, gebannt von dem Schrecken, das Reality-Schauspiel als Comic. Und fleht ihren Vater an, der Zauberei ein Ende zu machen. Doch Prospero, der durch einen Putsch des Bruders auf diese - beinahe - einsame Insel gebracht wurde, sinnt auf Rache.

James-Bond-Bösewicht

Verstreut auf der Insel werden die Schiffbrüchigen ausgespuckt und mit Hilfe des Geistes Ariel von Wahnbildern hin- und hergetrieben. Dabei geht es nicht allein um Angst und Schrecken, sondern tatsächlich um ein Spiel mit versteckten Kameras in großem Stil. Das ist es, was Maurer stimmig zu inszenieren vermag. Prosperos Zelle ist das mediale Zentrum einer ungeheuren Realitäts- und Täuschungsmaschine in einem. Prospero, so der Zeichner, hat ihn an einen James-Bond-Bösewicht erinnert, der irgendwo in der Südsee ein monströses Machtimperium errichtet hat. Das wird im Comic in spartanischer Einfachheit und Eleganz dargestellt.

Der eitle Maler Pencil bewundert sein Werk.

Der eitle Maler Pencil bewundert sein Werk.© Rodolphe Töpffer/avant Der eitle Maler Pencil bewundert sein Werk.© Rodolphe Töpffer/avant

"Spiel", "Macht", "Illusion" sind denn auch korrelative Begriffe in dieser Umsetzung. Macht beweist sich durch Schöpfung, die ihrerseits Macht ausdrückt. Mit diesem Bild erklärt Prospero seiner Tochter die unrechtmäßige Machtaneignung seines Bruders Antonio: Dieser "schuf" "Geschöpfe neu", "die einmal mir gehörten". Die Konstituenten der Macht gleichen Spielfiguren. Entsprechend findet der Zeichner ein angemessenes Bild, wenn er den einstigen Deal Antonios mit seinem Komplizen, König Alonso, als eine Schachtel voller Playmobil- figuren darstellt, die zwischen den beiden ausgetauscht werden.

Information

Der Sturm. Ein Drama von William Shakespeare, gezeichnet von Leopold Maurer.Luftschacht Verlag, Wien 2016, 160 Seiten, 24,70 Euro.

Rodolphe Töpffer: Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois und andere Geschichten. avant-verlag, Berlin 2016, 280 Seiten, 39,95 Euro.

Martin Reiterer, geboren 1966, Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich speziell mit dem Medium Comic.

Doch wo ist die Grenze zwischen der Macht und dem bloßen "Schein der Macht"? Oder zwischen Schöpfung und Illusion? Vorübergehend scheint diese Grenze deutlich zwischen der Selbsttäuschung Antonios, "der durch Wiederholung seiner eigenen Lüge schließlich glaubt, er sei der Herzog selbst", und der inszenierten Täuschung Prosperos, auf die die Ankömmlinge hereinfallen. Wie in einem Reagenzglas beobachtet Prospero jedoch, wie unter veränderten Bedingungen augenblicklich neue Machtgelüste ans Tageslicht treten. In der illusorischen Anordnung des Spiels zeigt sich unverblümt die Realität.

Auslöser für die Umsetzung des Shakespeare-Stücks war übrigens Maurers Ratlosigkeit angesichts von "Prospero’s Books", Peter Greenaways opulenter, barocker Verfilmung des "Sturm". Die Comic-Inszenierung war der Versuch, das Stück zeichnerisch zu knacken. Eine Strategie, von der der Zeichner etwa auch in seinem Comic "Miller & Pynchon" Gebrauch gemacht hat. Eine üppig-barocke Inszenierung wie bei Greenaway hat Maurer allerdings vermieden. Stattdessen hat er den Comic auf elegante Weise verschlankt. Zum einen hat Maurer die Schlegel-Übersetzung des Stücks in der Bearbeitung von Vera Sturm und Claus Peymann aus der Burgtheaterspielzeit 1987/88 verwendet und auf allen unnötigen Zauberschnickschnack verzichtet; zum anderen wirken seine flächigen Zeichnungen wohltuend spartanisch.

Der Sturm dient Prospero ursprünglich zur Erinnerung an die verdrängten Verbrechen seines Bruders - und die Illusionsmaschine als theatrale Inszenierung, um den Schiffbrüchigen einen Shakespeare’schen Spiegel vorzuhalten. Doch verschwindet und verschwimmt am Ende alles, auch die scheinbare Realität, in einem Strudel digitaler Illusion. Das geht in Maurers Version vom "Sturm" überzeugend auf.

Goethes Bilderlob

Hatte Shakespeare noch keine Gelegenheit, sich mit Comics auseinanderzusetzen, so ist Goethe tatsächlich noch zu Lebzeiten mit dem Medium in Berührung gekommen und, was wenig bekannt ist, darüber ins Schwärmen geraten. 1831 hält sein Sekretär Johann Peter Eckermann in den "Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens" die Begeisterung des Dichters angesichts einiger Bilderromane des Schweizer Zeichners Rodolphe Töpffer fest: "Es ist wirklich zu toll! [E]s funkelt alles von Talent und Geist! Einige Blätter sind ganz unübertrefflich!", heißt es da überschwänglich, und: "Töpffer ist Original durch und durch."

Tatsächlich war es Goethes Lob, das den jungen Zeichner, Jahrgang 1799, nachhaltig beflügelte. Er selbst war gerade dabei, das Zeichnen wieder an den Nagel zu hängen; die Skizzenbücher, die Goethe zu sehen bekam, waren noch nicht veröffentlicht. Mit diesem Rückenwind machte sich Töpffer daran, erstmals eine Bildergeschichte in den Druck zu bringen. Nach dem überwältigenden Erfolg der "Geschichte des Monsieur Jabot" (1833) wird Töpffer, der auch eine Reihe von Romanen, Essays, Kritiken verfasste, bis zu seinem frühen Tod, 1846, ein halbes Jahrhundert vor US-amerikanischen Zeitungsstrips wie "The Yellow Kid", sieben weitere Comics dieser Art zeichnen.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-17 14:38:10
Letzte nderung am 2017-02-17 17:31:56



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