• vom 18.02.2017, 15:00 Uhr

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Satire

"Dr. Faustus gibt es doch schon längst!"




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Von Gerhard Strejcek

  • Was wäre gewesen, wenn einige der größten Schriftsteller von Verlagen und Lektoren keinen Lorbeer, sondern Absagebriefe bekommen hätten? - Ein Denkspiel in fünf Briefen.



Was muss Herr Goethe da gerade lesen?

Was muss Herr Goethe da gerade lesen?© Leemage/Getty Images Was muss Herr Goethe da gerade lesen?© Leemage/Getty Images

Hochgelahrter Herr Professor Luther!

Wir danken für die Zusendung Ihres löblichen Manuskripts "Von der Freiheit eines Christenmenschen". Unser geschätzter Herr Konsistorialrat Scheidlein möchte allerdings seine schweren Bedenken gegen einige Formulierungen nicht verhehlen. Was meinen Sie mit der Wortfolge ". . . ist niemandem unterthan?" Das grenzt ja fürwahr an Anarchismus, der Ihnen ja nicht ganz fremd sein dürfte, wie Ihr sachbeschädigender Thesenanschlag bewiesen hat.

Was ist Ihnen denn da eingefallen? Kirchentore sind heilig! Zwar behauptet ein gewisser Dr. Melanchton, dass sie diese 95 Thesen zunächst ganz normal publizieren wollten, die Leserbriefredaktion der "Neuen Kronen-Zeitung" aber nur zwei davon und auch diese nur in Reimform abdrucken wollte. Bei der "Presse" haben sich angeblich der katholische Pressverein und die ferdinandeische Styria-Geschäftsführung quergelegt. Und selbst die "Furche" soll ihre verqueren Ausführungen abgelehnt haben, na ja kein Wunder, das birgt ja Zündstoff und hätte vielleicht noch Platz bei "kreuz und quer" im ORF gefunden.

Na sei’s drum, das vorliegende Manuskript ist auch nicht viel besser, wir fürchten, dass Sie damit keinen Bauern hinter dem Ofen hervorlocken werden, geschweige denn unsere belesene, ritterliche Leserschaft. Und zu Ihrem anderen Projekt: Von einer neuen Bibelübersetzung wollen wir nachhaltig abraten. Wer soll das kaufen? Warten wir lieber auf eine Einheitsübersetzung. Gelobt sei der Herr!

Marcus Grazianus, Festland Verlag, Berlin und Leipzig

******

Lieber Herr Dr. Kafka,

Sie sandten uns eine Erzählung mit dem durchaus spannenden Titel "Der Process". Leider hat sich die Spannung bereits bei der Lektüre der ersten Zeilen verflüchtigt. Wollten Sie damit etwa einen Utopiaroman beginnen? Eine derartige Verhaftung in einem Rechtsstaat, in dem zu leben Sie Josef K. wörtlich unterstellen? Sie schreiben ja selbst, dass alle Gesetze der cisleithanischen Reichshälfte der k.u.k. Monarchie galten - (Sie meinen vermutlich: in Kraft standen), so eben auch das Gesetz zum Schutz der persönlichen Freiheit aus 1862. Das müsste Ihnen als Jurist bekannt gewesen sein. Sie haben ja bei Professor Ulbrich das Staatsrecht an der löblichen Karlsuniversität in Prag gehört, wie uns zu Ohren gekommen ist. Stimmt es, dass Sie die dritte Staatsprüfung und das staatswissenschaftliche Rigorosum nur mit einem "Mehrheitlich Genügend" bestanden haben?

Auch im zweiten, "judiciellen" Abschnitt sollen Sie nicht viel besser gewesen sein. Daher rührt vermutlich Ihre Ablehnung gegen die heimische Justiz, die wir in dieser Form nicht dulden können. Zudem insinuieren Sie hier eine überlange Verfahrensdauer in einem Strafprozess, die es in unserer Rechtsordnung gottlob gar nicht geben kann.

Dass unsere italienischen Freunde von der Unicredito Bank die Darstellung des italienischen Gastes ebenso wenig goutieren werden wie den seltsamen Maler Tittorelli (soll das etwa gar eine Anspielung sein?), werden Sie verstehen, angeblich haben Sie selbst ein wenig Italienisch im Jahr 1905 bei der "Generali" lernen dürfen. Und das ist jetzt der Dank dafür? Schließlich wird die Geschichte ja gegen Ende nahezu brutal, uns scheint, dass Herr Josef K. im Steinbruch regelrecht hingerichtet wird? Pfui!

Bitte lesen Sie, bevor Sie wieder zur Feder greifen, Don Winslows Buch "Das Kartell", dann wird Ihnen klar werden, wie man auf 780 Seiten rund 1200 Morde und Justizverbrechen einfühlsam und unblutig beschreibt, Folter und Vergewaltigungen inklusive. Dagegen sind Sie ein Waisenknabe! Aber selbst zartbesaitete Leserinnen werden sich beruhigen können, denn so etwas gibt es natürlich nur in Mexiko, wo man ja auch unseren seligen Kaiserbruder Max kaltblütigst hingerichtet hat, obwohl er einen nie dagewesenen Aufschwung in diese Halbzivilisation gebracht hat.

Aber eines Tages, lieber Herr Doktor Kafka, werden diese korrupten Rechtswächter hinter einer Mauer verschwinden, die sie auch noch selbst bezahlen müssen. Bis dahin, bitte einen Prosakurs belegen und vielleicht eine Reiserzählung nach Muster des Dr. Karl May verfassen, dann wird es sicher etwas mit dem ersten Buch. Trotzdem oder gerade deshalb herzlich,

Ihr

Theodor Trump, Zwischenverlag, Frankfurt

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Sehr geehrter Herr Lizenziat Goethe!

Wir bestätigen den Erhalt Ihres Manuskripts mit dem Titel "Faust. Der Tragödie erster Teil"! Leider können wir das recht gefällig gereimte Elaborat nicht abdrucken, da es schwerwiegende Mängel aufweist. Kein Mensch kennt sich aus und niemand in unserer Redaktion versteht, warum Sie dem Kurzdrama eine Zueignung, ein Vorspiel auf dem Theater und noch einige unnötige Verslein mehr voranstellen.

Als Drama geht das Werk kaum durch. Es ist nicht einmal abendfüllend, vielleicht denken Sie an einen zweiten Teil, aber nicht so kurz, bitte. Zudem belasten Sie das Verhältnis zwischen der reichsfreien Stadt Frankfurt und der Kirche, weil Sie hier das Bild eines gelangweilten Atheisten und Intellektuellen malen, der sich kirchen- und universitätsfeindlich äußert. Wollen Sie etwa zum Ausdruck bringen, dass ein angesehener Landarzt, der seinen Eid auf den Hippokrates geschworen hat, dermaßen zum Schaden der ihm anvertrauten Patienten agieren würde wie Dr. Faustus? Das würde ja auch dem Weimarer Herzog missfallen, zu dem Sie sich zugezogen fühlen!


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-17 14:42:06
Letzte nderung am 2017-02-17 17:48:42



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