• vom 24.02.2017, 15:00 Uhr

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Literatur

Ein Tableau aus Standbildern




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Von Gerald Schmickl

  • Zu viel Gelehrtheit und Detailfreude: Dem ambitionierten Roman "Kraft" des Schweizer Autors und Philosophen Jonas Lüscher fehlt es an erzählerischer Lust und Ökonomie.

Brillant im Analysieren, maßlos im Beschreiben: der Autor und Philosoph Jonas Lüscher.

Brillant im Analysieren, maßlos im Beschreiben: der Autor und Philosoph Jonas Lüscher.© Ullsteinbild/Schiffer-Fuchs Brillant im Analysieren, maßlos im Beschreiben: der Autor und Philosoph Jonas Lüscher.© Ullsteinbild/Schiffer-Fuchs

Auf die Frage, wie man einen Film am besten beginnt, meinte ein Produzent einmal: "Mit einem Erdbeben - und dann langsam steigern . . ."

In Jonas Lüschers Roman "Kraft" muss man auf solch einen dramatischen Einstieg fast bis zum Schluss warten. Erst ab Seite 211 (von 237) beginnt die Erde zu beben - und auch da nur zum Schein. Der Protagonist des Buches, der Geisteswissenschafter und Rhetorikprofessor Richard Kraft, imaginiert ein großes Beben in San Francisco lediglich herbei. Zwar mit großer Geste und ausladend ruinöser Phantasie, aber es bleibt halt eine Kopfgeburt (wie so vieles in diesem kühn erdachten Buch).

Information

Jonas Lüscher
Kraft
Roman. C.H. Beck, München 2017, 237 Seiten, 20,60 Euro.

Es kommt dann aber immerhin noch ein anderes dickes Ende (diesmal von Kraft vermutlich nicht nur herbeiphantasiert), das den Roman und seine Hauptfigur fast wörtlich auf den Kopf stellt.

Mit einem starken Finale hat der Schweizer Autor und Philosoph schon in seiner ersten literarischen Veröffentlichung, der Novelle "Frühling der Barbaren" (2013), aufhorchen lassen. Da endete ein Hochzeitsfest in einem tunesischen Oasenresort in einem furiosen Gemetzel, das junge britische Investmentbanker veranstalteten, nachdem ihre heimische Währung praktisch über Nacht gekippt war. Das las sich schon damals prophetisch . . .



Schematische Figuren

Dass die Erwartungshaltung nach diesem vielfach (auch von dieser Zeitung) hochgelobten Debüt naturgemäß hoch war, und damit relativ leicht enttäuscht werden konnte, war vorhersehbar. Dass die Fallhöhe so groß ist, eher nicht. Denn im nunmehr vorliegenden zweiten Werk des 1976 in der Schweiz geborenen (und in München lebenden) Jonas Lüscher zeigt sich deutlich, dass dieser Mann zwar ein brillanter analytischer Kopf ist, aber leider kein Erzähler.

Seine Geschöpfe - in diesem Fall besagter Richard Kraft mitsamt seinen insgesamt drei Frauen (mit denen die Beziehungen auf so durchschnittliche wie absehbare Weise scheitern), die daraus hervorgegangenen Kinder, und weiters der ungarische "Wissenschafts-Hochstapler" Ivan, der eigentlich István Pánczel heißt - bleiben allesamt höchst blasse, schematische Figuren, papierene Gestalten. Sie erheben sich nicht aus ihren flachen Vorlagen, weil ihr Autor sie buchstäblich nicht sprechen lässt. Er kann nämlich keine Dialoge schreiben. Obendrein sind die Figuren mit komplizierten Charaktereigenschaften beschwert, die sie - weil diese eben nur behauptet, aber nicht nachvollziehbar entwickelt werden - noch mehr niederdrücken.

Richard Kraft, und das ist der eigentliche Inhalt der Geschichte, bekommt von seinem Freund Ivan eine Einladung an die Stanford University nach Kalifornien, um dort an einem von einem Internet-Mogul ausgeschriebenen Wettbewerb teilzunehmen. Und zwar soll er in einem 18-minütigen Vortrag in Anlehnung an Leibniz’ Antwort auf die Theodizeefrage begründen, weshalb alles, was ist, gut ist - und wir es dennoch verbessern können.

Neoliberalismus

Nichts leichter als das, denkt Kraft, und macht sich auf ins Silicon Valley, denn die Preisfrage wird - so sie erfolgreich beantwortet wird - mit einer erklecklichen Summe belohnt, die Kraft dringend zur Behebung privat angehäufter Schulden braucht.

Sein kalifornischer Aufenthalt wird, mit zahlreichen Rückblenden aufs bisherige Leben in Deutschland (wo er zuletzt nach Jahren in Berlin eine Rhetorikprofessur in Tübingen innehat), ausführlich dargelegt und durchsetzt mit zahllosen Exkursen ins Philosophische und Politische. Denn Kraft und Pánczel sind - soweit die aparte, unorthodoxe Idee - Verfechter des Neoliberalismus. Thatcher und Reagan sind ihre Heroen. Endlich einmal keine linksliberalen Intellektuellen, denkt man voller Erwartung an abwechslungsreiche, unerwartbare Brüche in Leben und Denken. Aber ach, es sind genau die üblichen und üblich erwartbaren Biografien, die einem da vorgesetzt werden. Das idealistische Scheitern kommt diesmal halt nur von der anderen Seite.

Jonas Lüscher gesteht in einem als Danksagung getarnten Nachwort, dass er eigentlich an einer Dissertation (zum Thema Theodizee) gearbeitet hat, aus der aber nichts geworden ist. Stattdessen ist dieser Roman daraus entstanden. Diesen Verdacht hegte man schon während der Lektüre. Dass da nämlich ein theoretisches Konzept figürlich behübscht werden soll. Das geht selten gut (aus).

Dabei ist Lüscher nicht nur ein hochgescheiter Essayist, er kann auch hervorragend schreiben, aber halt in erster Linie beschreiben. Darum zerfällt dieser Roman, der nie richtig Tempo aufnimmt oder auf Zug kommt, in ein Tableau schöner Standbilder. Da gibt es proust-hafte Imaginationen: ". . . Kraft hofft, dass es sich bei ihr um jene Johanna handelt, deretwegen ihn heute noch, beim Geruch von Hefeteiggebäck, eine schwer einzuordnende Empfindung übermannt, ein Widerstreit von amouröser Melancholie und wehleidiger Rührung . . ." Aber gleich die daran anschließende Passage erstickt wiederum in einem Wust viel zu vieler detaillierter Beschreibungen.

Suspekte Nähe

Man wäre diesem Richard Kraft gerne persönlich näher gekommen, hätte sich mit ihm - wenn der Autor einem dafür die Hand gereicht hätte oder vielleicht auch nur elegant aus dem Weg gegangen wäre - angefreundet oder womöglich auch zerstritten. Aber man kommt gar nicht so weit, weil sich der Autor massiv auktorial dazwischen stellt - und seine diesbezügliche Intention in einem Gespräch mit seinem Lektor (Martin Hielscher) auch offen eingesteht: "Das Herstellen von Nähe ist mir suspekt und interessiert mich eigentlich nur im Zusammenhang mit Distanz."

So ergeht es einem schließlich auch als Leser: Man bleibt in Distanz, weil einem das erzählerische Unternehmen suspekt ist - und nicht wirklich zu interessieren weiß. Schade.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-24 13:30:12
Letzte ─nderung am 2017-02-24 14:17:29



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