• vom 24.02.2017, 16:00 Uhr

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Lebenshilfe

Eine neue Kunst des Liebens




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Von Shirin Sojitrawalla

  • Der britisch-schweizerische Autor Alain de Botton plädiert für einen aufgeklärt romantischen Pessimismus: Ein Mensch kann nicht alles für einen anderen sein.

Philosoph des Alltags: Alain de Botton.

Philosoph des Alltags: Alain de Botton.© Eamonn McCabe/Getty Images Philosoph des Alltags: Alain de Botton.© Eamonn McCabe/Getty Images

Information

Alain de Botton
Der Lauf der Liebe
Roman. Aus dem Englischen von Barbara von Bechtolsheim. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, 285 Seiten, 20,60 Euro.

Da nicht erst seit Hermann Hesse jedem Anfang ein Zauber innezuwohnen scheint, stützen sich die wohl meisten Ehen und Partnerschaften auf einen herrlichen Beginn. Die Ernüchterung folgt nicht selten mit den Jahren. Das ist der Lauf der Dinge, - oder eben der Liebe. "Der Lauf der Liebe" - so nennt der Philosoph des Alltags, Alain de Botton, sein neues Buch. Darin begleitet er ein ziemlich normales Paar von seinen zauberhaften Anfängen bis hin zum alltäglichen Kleinkram, von der ersten hysterischen Verliebtheit bis auf die Jahre später wartende Couch beim Paartherapeuten.

Dafür setzt er den aus dem Libanon stammenden Architekten Rabih und dessen schottische Ehefrau Kirsten quasi in einen Käfig, für ein am Leben erprobtes Experiment. Die Leser dürfen die beiden mit ihm beobachten und sich daran erfreuen, dass sie sich verhalten, wie die meisten Paare sich verhalten, draußen, im wirklichen Leben.

Experte für Seelenheil

Seit seinem Romandebüt "Versuch über die Liebe" hat sich der britisch-schweizerische Bestsellerautor Alain de Botton einen Namen als Fachmann fürs Seelenheil gemacht. In der Überzeugung, dass man die Kunst des Lebens lernen kann, gründete er 2008 in London sogar die "School of Life".



In "Der Lauf der Liebe" beäugt er indes ein ganz normales Ehepaar. Das Werk ist Roman und Ratgeber in einem. Der Mann, Rabih, steht im Zentrum des Buches, das einfachen, aber plausiblen psychologischen Mustern folgt. Eine schmucklose Sprache gehorcht hier ebensolchen Gedanken, die aber doch die Paradoxien der Liebe hübsch auf den Punkt bringen. Immer wieder gelingt es Botton auf hervorragende Weise, Wahrheiten gelassen auszusprechen und tröstliche Gewissheiten wie Allheilmittel zu verabreichen. Die Geschichte seines Paares stützt er dabei mit kursiv gesetzten Liebeslektionen, kleinen Ratgeber-Passagen, die noch einmal zusammenfassen, was sich aus dem Leben der beiden Protagonisten lernen ließe.

Das fügt sich gut in Leben und Werk des Autors, das davon beseelt scheint, den Menschen Lektionen in der Kunst der Lebensführung zu erteilen, ja, Lebenshilfe zu leisten. Diesmal schwebt ihm nicht weniger als eine neue Kunst des Liebens vor, eine, die durchaus Parallelen zu Erich Fromms gleichnamigem Kassenschlager aufweist, auch wenn sie lebenspraktischer daherkommt.

De Botton stellt das Leben und die Liebe in all deren Lächerlichkeiten dar und macht beides dadurch leichter. Dabei weiß er ebenso um die Lust, das eigene Leben ob seiner Wiederholungen in die Luft zu jagen, wie um die Wohltaten festgefügter Beziehungen.

Mitleid und Trost

Die größte Lektion, die der Autor für seine Leser bereit hält, besteht darin, sich von der Perfektion zu verabschieden. Deswegen plädiert Alain de Botton für einen aufgeklärt romantischen Pessimismus, der davon ausgeht, dass ein Mensch nicht alles für einen anderen sein kann. Das gipfelt bei ihm in der Schlussfolgerung, dass seine Mustermanns, Rabih und Kirsten, bereit für die Ehe seien, da ihnen sehr deutlich bewusst sei, dass sie nicht zusammenpassten.

Das ist natürlich Balsam auf die Seelen aller unglücklich Verliebten und schlecht Verheirateten. Und darin liegt womöglich auch die größte Qualität dieses lebensnahen, menschenfreundlichen und unterhaltsamen Romans: dass er Mitleid und Trost für all diejenigen bereit hält, die sich in diesem Paar wiederfinden werden.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-24 13:48:07
Letzte ─nderung am 2017-02-24 14:25:26



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