• vom 25.02.2017, 10:00 Uhr

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Extremismen des Zeitgeists




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Von Walter Klier






    Unsere Befreiung aus allen denkbaren gesellschaftlichen und sonstigen Beschränkungen, begonnen vor Jahrhunderten und bekanntlich wechselhaft und von Rückschlägen unterbrochen, strebt nunmehr ihrem Höhepunkt zu, ja, hat ihn vielleicht schon überschritten. Dabei werden am Ende nicht die 50er Jahre herauskommen, sondern irgendwas anderes: Neues. Man kann nur hoffen, dass die Erfahrung keine allzu unangenehme sein wird. Jedenfalls steigert sich diese Art von Befreiungstheologie, der wir im Westen anhängen, in ziemliche Spitzfindigkeiten hinein. Während die Heterosexuellen sich aus den Fesseln der Ehe zu befreien versuchen, streben die Homosexuellen mit gleicher Macht ebendorthin: "Wir wollen endlich heiraten dürfen."

    Im heutigen Mitteleuropa sind die jungen Menschen mit dem Umstand konfrontiert, dass, wie immer wild sie sich aufführen, sie damit keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. In derart verunsicherter Lebenslage fallen die altersbedingten Torheiten besonders idiotisch aus, selbst wenn man davon ausgeht, dass jede Jugend zu allen Zeiten sich so schockierend aufführt, wie es eben nur geht. Davon handelt Birgit Birnbachers Roman "Wir ohne Wal" (Jung & Jung, Salzburg/Wien, 2016, 166 S.). Selbst in dem ruhigen und selbstgenügsamen Städtchen Salzburg geht es schon zu, Sie glauben es kaum!

    Unter etwas rescheren zivilisatorischen Bedingungen bewegen sich die Leute in einem Erzählband (oder sind es eher Reportagen?), der im Teheran der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit spielt (Ramita Navai: Stadt der Lügen. Liebe, Sex und Tod in Teheran. Aus dem Englischen übersetzt von Yamin von Rauch. Kein & Aber, Zürich/Berlin 2016, 287 S.) Die zwei Bücher haben, sonst denkbar verschieden, eines gemeinsam: Sie scheinen es beide darauf angelegt zu haben, den Leser durch gnadenlos ausführliche Schilderung von Unerfreulichkeiten auf die Probe zu stellen: Wie lang wird er durchhalten? Sie werden das kennen. Man liest sich in einem Buch fest, denkt "gar nicht so übel", liest immer weiter, und dabei hat sich, fast unbemerkt, ein Fässchen angefüllt und geht plötzlich über, und man legt das Buch weg und rührt es nicht mehr an. (Selbst bei so allgemein Beliebtem wie "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" oder Peter Nadas’ "Buch der Erinnerung" ist es mir seinerzeit so ergangen, wobei mir eigentlich nichts daran missfallen hatte.)

    Bei der Jugend-Milieu-Studie aus Österreich schaffte ich es bis Seite 129, bei den Teheraner Geschichten bis Seite 221. Ein erstaunliches Detail aus diesem Kulturraum erfuhr ich auf Seite 172: Eine junge Prostituierte in dieser Stadt, wo alles sich ums Verbotene dreht (Sex, Freiheit, Alkohol), zählt auch einen Geistlichen zu ihren Kunden. Er erläutert ihr, wie man trotz dieser schlechten Angewohnheit, die übrigens mit schweren Strafen bedroht ist, sündenfrei bleibt. ",Liebes Mädchen, solange die Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau in Gottes Augen geheiligt sind, sind sie nicht mehr unmoralisch. Sie müssen dringend das Sigheh-Gebet lernen. Gott ist gnädig. Es ist nicht zu spät, sich selbst zu retten.‘ Der Geistliche las die Worte auf Arabisch vor und übersetzte sie dann ins Persische, damit sie sie verstehen konnte: ‚Ich heirate dich für eine bestimmte Zeit und für eine bestimmte Mitgift.‘"

    Ein guter Roman, obwohl fast vergessen, und dazu eine faszinierende, weil "zeitnah" geschriebene Zeitgeist-Darstellung istJakob Wassermanns "Faber oder Die verlorenen Jahre" (Manesse, Zürich 2016, 413 S.). Und darüber hinaus ein Buch mit dem gewissen Etwas, das einen weiterlesen lässt und das gar nicht leicht zu fassen ist.

    Wassermann gelingt es in dem 1924 veröffentlichten Werk, die miese Stimmung jener Nachkriegsjahre einzufangen, die offen war für Extremismen aller Art, manche mehr, manche weniger wahnsinnig, bösartig, - ein nur zu verständlicher Reflex dessen, was alle kurz zuvor erlebt hatten, sei es zuhause oder an der Front: den Krieg, der nicht nur Leben zerstört hatte, sondern das Ganze der Gesellschaft aus dem Rahmen gehoben hat, in den sie nie mehr zurückfinden sollte. Das nennt man später dann die Geschichte, von der man mit Interesse liest und zugleich froh ist, sie nicht erlebt zu haben.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2017-02-24 13:54:08
    Letzte Änderung am 2017-02-24 14:33:27



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